5
Mai
2008

Auftakt

Schon der Morgen atmet Hässlichkeit und der Tag reicht abgestandene Enttäuschungen zur Erfrischung.

2
Mai
2008

Barfuß III

Man stand vor dem Glaskasten, starrte auf das wimmernde Wesen, das an die Schuhe gefesselt schien. Man versuchte, die Schuhe zu befreien, aber das Wesen krümmte sich und krampfte so sehr, dass man sie nicht greifen konnte, stieg man nicht selbst in den Glaskasten. Plötzlich bäumte sich das Wesen auf, schoss in die Höhe, um dann erstarrt und mit geöffneten Augen wieder in den Kasten zurückzusinken. Nun lag es still. Starr und weisshäutig, die Schuhe immer noch umklammert, sah es aus wie eine absurde Alien-Installation.

Man konnte den Blick nicht abwenden. Die Augen des Wesens waren voller Leben, schienen fast zu leuchten, man versenkte sich geradezu in deren Blick und sah. Man sah den nagenden Hunger, der das Wesen von innen auffraß. Ein dreckiger kleiner Kobold, der sich immer wieder in die Innereien verbiss und sich große Stücke mit spitzen Zähnen herausriss. Man sah den Schmerz, der das Wesen überflutete und den Verstand in Verzweiflung badete. Man sah die säuregleichen Tränen, die das Gesicht verätzt hatten. Man sah die Einsamkeit, die sich einer dunklen Glocke gleich übers Denken gestülpt hatte. Man sah all den Schmerz und das verzweifelte Ringen um einen Grund, sich noch einmal dem Schmerz zu stellen. Man sah und verstand. Verstand, dass es keine Erlösung für das Wesen gab. Es war im Schmerz erstarrt und alle Versuche, ihm Linderung zu verschaffen, waren nur dazu geeignet, ihm noch mehr Schmerz zu bereiten. Es gab keine Therapie für diesen Schmerz außer dem Tod.

Also würde man es töten müssen. Man starrte in die weit geöffneten Augen, versuchte zu ergründen, ob das Wesen verstand, dass man ihm helfen wollte. Die Augen verdunkelten sich, nichts war mehr zu erkennen. Man stand auf, schaute sich um und fand den Eimer, den man brauchte. Man lief auf blutigen Füßen durch den dicken Staub in den Vorraum, um dort den Eimer zu füllen. Man würde oft laufen müssen, jeder Schritt ein stechender Schmerz.
Der Staub färbte sich rot, während sich der Glaskasten nur langsam mit Wasser füllte. Man würde stundenlang so hin und herlaufen müssen, unter beissenden Schmerzen, aber man musste dieses Wesen ertränken, sonst bekäme man die Schuhe nie zurück.

27
Apr
2008

April-Wettbewerb

So, es ist mal wieder soweit: Der Wettbewerb der Schreibwerkstatt für den Monat April ist gechlossen und die fünf Texte stehen nun zur Abstimmung. Wir würden uns wie immer freuen, wenn viele die Texte läsen und auch abstimmten. Dafür ist bis zum 30. April 2008, 22.00 Uhr Gelegenheit.

Hier geht es zur Abstimmung

Wir freuen uns auf Eure Wahl und hoffen auf rege Beteiligung.

PS: Wir hatten ja diesmal wieder zwei Satzanfänge zur Auswahl und es sind recht unterschiedliche und spannende Texte eingestellt worden. ENJOY.

NACHTRAG: Bis heute abend könnt Ihr noch abstimmen... bitte nicht vergessen!!!
Hier geht es zur Abstimmung

Besten Dank!

Ekel, flach und schal

Langsam, fast unbemerkt war mal wieder das Licht verebbt. Trübes Grau schlabberte sich durch den Geist und fraß die letzen Lichtfetzen. Im Schutz des Dunkels wagten sich die fiesen Gesellen, das alte Trio Infernale und alle, die sich Aasfressern gleich mit abgestorbenen Gedanken und faulenden Erinnerungen nährten, aus ihren Ecken, in denen sie hätten vermodern sollen, bis sie zu Staub zerfielen.

Aber der Eiter der alten Not war ein idealer Nährboden für die Kriecherkulturen, die sich schwammartig in dicken Schimmelpilzen im Hirn verbreiteten. Auf dem dicken Schimmelteppich hört man die Schritte der sich hinterrücks nähernden Peiniger nicht und kaum hatte man sich versehen, hatten sie einen an die alte Sprossenwand gefesselt und verbissen sich in Hirn und Gemüt, dabei ihre mächtigste Waffe absondernd: die Speichelsäure, die aus nichts anderem bestand als aus ätzendem Verdruss. Verdruss, der sich melassegleich an jeden Gedanken klebte, der aber auch wie feinfließendes Kriechöl in jede Ecke des Denkens und Fühlens vordrang. Verdruss, der Bitterkeit verströmte, eine Bitterkeit, die einen glauben ließ, dass jeder Schierlingsbecher dagegen süßer Nektar sei.

So schnell wie der Verdruss sich im Schutz des Schwammes und des Schimmels verbreitete, hatten sich auch die stets in seinen Windschatten reisenden Erinnerungen eingefunden und quälten die müde gewordenen, stumpfen Gedanken mit dem, was ein mal war. All die alten Schmerzen, die keinen anderen Sinn hatten, als die Peiniger im Nachhinein zu Siegern zu erklären. Und während man mit dem Restareal des Verstandes noch begriff, dass genau dies verhindert werden musste, hatte der Verdruss schon alle anderen Gefilde in Hirn und Gemüt durchdrungen, erorbert, verdorben und alles Licht und Atmen einfach unter der klebrigfaulen Masse seiner jämmerlichen Existenz erstickt.

Alles was blieb, war das Bewusstsein, dass man sich von einem Lebenssurrogatextraktderrivat nährte, dass einen so eben gerade am Leben hielt, aber einem nicht ermöglichte nur eine Bewegung zu machen, die nicht zum Pflichtprogramm gehörte. Zur plumpen Existenz verurteilt, an stumpfe Materie gebunden, im Dreck kriechend, ohne Veränderung, immer im Schlamm gefangen, dem Gewesen näher als dem Werdenden. Es wird nie anders sein.

21
Apr
2008

Noch sechs Tage

In sechs Tagen schließt der April-Wettbewerb der Schreibwerkstatt. Drei Texte haben sich schon eingefunden, aber bis zum 27. April hoffen wir auf weitere Beiträge.

Diesmal gibt es zwei Satzanfänge zur Auswahl:

Im gegenseitigen Einverstädninis erschufen sie sich.


und


Sie zog langsam einen Handschuh aus, während...

Also dann man los, wir freuen uns auf Eure Texte!

So geht's.

Good Morning Sadness

hornchurch

Die Tristesse britischer Hotels für Geschäftsreisende mit kleinem Budget manifestiert sich sogar im Blick aus dem Fenster, was aber teilweise durch die persönliche Ansprache von Rezeptionistinnen oder Taxi-Fahrer, die einen "Luv" oder "Dear" titulieren, aufgewogen wird.

17
Apr
2008

Smarte Schadenfreude

Wenn ich mit meiner Autosimulation so durch die Straßen der Stadt fahre, stelle ich ja immer wieder fest, dass man einen Smart wohl zwangsläufig überholen MUSS. Egal wie viel ich zu schnell bin, es müssen immer ein paar "große" Autos daherkommen, die mich überholen müssen. Ich vermute es handelt sich um eine Art Reflex bei bestimmten Spezies von Autofahrern. Ich könnte wahrscheinlich noch mit 80 durch die 30er Zone fahren und die würden mich überholen müssen.

Heute morgen hatte ich auch wieder so einen Spielmops hinter mir, der es gar nicht ertragen konnte, dass ich nicht full speed durchs Industriegebiet heizte. Erst drängelte er mit dichtem Auffahren und dann scherte er ruckartig aus, trat ins Gas und sauste mit fast schon quietschenden Reifen los.... direkt in die mobile Radarfalle. Ein freundlicher roter Blitz aus dem Rückfenster eines Kombis kommentierte seinen Fahrstil als zumindest "teuer"...

Ich gestehe, mir huschte ein diebisches freundliches Lächeln übers Gesicht...

13
Apr
2008

Resignation

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Photo: Jörg Kantel

... hier gefunden...

12
Apr
2008

Vorhang, der erste...

Sich selbst zum Geburtstag die Kündigung zu schenken, ist vielleicht ein etwas befremdlicher Gedanke, aber manchmal das Beste, was man tun kann, auch wenn Zweifel bleiben und der Schritt nicht leicht fiel, wächst fast täglich die Erkenntnis, dass es hohe Zeit war, weil sonst der eiserne Vorhang über kurz oder lang gefallen wäre.

Nun muss der Rest der Spielzeit noch mit Anstand überstanden werden, entgegen den eigentlichen Plänen, die Spielzeit bis zum Ende durchzuhalten, taucht immer wieder der Gedanke an eine drastische Verkürzung auf. Auf der anderen Seite ist das nun ein idealer Übungsplatz für neue Strategien, was kann schon passieren, gekündigt hat man ja schon.

Der Gedanke, dass der Lebensinhalt der letzten 10 Jahre irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft Geschichte sein wird, ist nicht unbedingt beruhigend, aber der Wunsch, diesem Leben so ein Ende zu setzen, wird dadurch nicht gemindert.
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