Umringt von Ghoulen erwachte das Wesen in tiefem Gestrüpp. Es hatte keine Vorstellung, wie es dorthin gekommen war, fühlte dumpfen Schmerz und konnte ihn nicht wirklich lokalisieren. Die Haut war mit schwärenden Wunden übersät, ein geschundener Leib, der sich mit letzter Kraft durch dorniges Gestrüpp robbte. Einem inneren Drang folgend kroch das Wesen weiter, ohne eigentlich zu wissen, wo es hin wollte. Nur weg. Fliehen. Vor den Ghoulen. Der Angst. Der Kälte. Dem Schmerz. Immer in der Hoffnung, es gäbe einen Ort, an dem dem Allen zu entkommen sei. Das Wesen hielt inne, blieb im Dickicht liegen und schloss die Augen.
Der merkwürdige Organismus betrachtete den Glaskasten mit gelindem Interesse. Er war ein wenig gelangweilt.
Die Geräusche verebbten. Langsam öffnete das Wesen die Augen, blinzelte. Vorsichtiger Blick ins zwielichtige Dickicht. Die Ghoule waren fort. Warum hatten sie die Jagd aufgegeben, als sie im Grunde nur noch zuschlagen mussten? Irritation machte sich über das Wesen her. Verwundert kroch es ein wenig aus dem Gestrüpp heraus. Weit und breit war niemand zu sehen. Noch ein Stück weiter. Es wagte sich auf den morastigen Weg, der noch von Fußspuren gezeichnet war. Es war unnatürlich still. Immerhin knackten die Zweige noch, wenn sie brachen. Aber kein anderes Geräusch war zu hören. Die Ghoule mussten sich einen besonders fiesen Hinterhalt ausgedacht haben. Sie würden doch nie von ihrem Opfer ablassen. Bestimmt kämen sie aus dem Unterholz, sobald das Wesen sich ein wenig entfernt hatte. Warum also überhaupt bewegen. Jeder Versuch war zwecklos. Sie würden auf jeden Fall zurückkommen und sich wieder über das Wesen hermachen. Sie würden mit ihm spielen, es quälen, sich saftige Stücke aus Leib und Seele herausbeißen, es aber nie töten. Ihm immer wieder so viel Zeit geben, dass es sich regenerierte, damit die Jagd von Neuem beginnen konnte. Es war zwecklos.
Das Wesen sollte wohl besser die Ruhe nutzen. Aber in Ruhe überlegte es sich ständig, was nun als nächstes passieren würde. Nahm alle kommenden Quälereien vorweg, übertraf in den Gedankenbildern sogar die künftige Realität und litt fast mehr unter Angst und Schmerz als während der akuten Jagd. Dann also besser wieder mitspielen und das unvermeidliche annehmen. Schritte. Ah, ja, da waren sie also. Das Spiel ging weiter.
Aber es waren nur leise Schritte. Das Wesen blickte angestrengt ins Halbdunkel. Das waren andere Wesen, das waren keine Ghoule. Andere Wesen? Es dachte immer, es sei allein, gab es tatsächlich noch andere Wesen? Langsam lösten sich die Silhouetten zweier Wesen aus dem Dunkel und humpelten dem Wesen entgegen. Auch ihre Füße waren verstümmelt. Sie mussten ähnliches erlebt haben. Das Wesen staunte die anderen Wesen ungläubig an. Diese sahen es skeptisch an und mit leichten verengtem Blick sprachen sie es an: „Bist Du allein? Oder bist Du ein Lockvogel? Kannst Du sprechen?“ „Wie seid ihr entkommen? Wart ihr auch im Kasten? Eure Füße …. Sind sie bei – ihm?“ Fragende Blicke. „Du weißt, was uns passiert ist?“ Nicken. Tiefer Blick in Augengeschichten. Ja, es war wahr. Sie hatten es auch gesehen. Gefühlt. „Werdet ihr auch?“ Leises Kopfschütteln. „Anfangs schon. Wir konnten uns aus dem Kasten befreien. Sie hatte sogar schon ihre Füße gefunden, aber während der Nacht kamen die Ghoule und haben sie ihr wieder abgerissen. Aber seit einigen Tagen sind die Ghoule verschwunden. Wir haben einen Plan gefunden. Eine Art Landkarte.“ Ein schwindeliges Gefühl der Hoffnung machte sich in dem Wesen breit. Heißeres Flüstern „Ihr meint, ihr kennt den Weg in sicheres Areal?“ Augenlider schlossen sich zur Bestätigung. Dem Wesen stockte der Atem. Ein Ausweg. Es war kaum zu glauben. „Ja. Lass uns gehen. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, aber wir könnten es schaffen. Falls die Ghoule uns in Ruhe lassen.“
Heftiges Klopfen weckte den merkwürdigen Organismus, der wutentbrannt zur Tür stürzte und sich dem Störenfried mit voller Wucht widmete. Nette Abwechslung. Feine Keilerei.
Sie humpelten davon so gut es eben ging. Sie krochen, wenn die Stümpfe unter ihnen nachgaben. Gönnten sich kaum eine Pause und schliefen nur abwechselnd und stundenweise. Drei Tage waren sie unterwegs, als die Ghoule zurückkehrten. Das Wesen wollte sich sofort wieder ins Dickicht flüchten, aber die anderen Wesen hielten es zurück. Zeigten nach oben. In die Bäume. „Wie sollen wir da hochkommen?“ Ein Wesen zog ein langes Seil mit Enterhaken aus dem Beutel, schlang ein Ende um den Arm und feuerte den Haken mit Schwung in die Luft. Das andere Wesen zog am nun vom Baum hängenden Ende und robbte sich an ihm in die Höhe. Das beiden anderen folgten. Bis in die dichte Krone des Baumes. Das Wesen war fassungslos. Es saß in einem Baum. Unglaublich. Es konnte von oben die suchenden Ghoule sehen, die aber nur im Dickicht und im Unterholz stöberten. An Baumkronen dachten sie nicht. Stundenlang suchten sie erfolglos. Dann gaben sie auf und wirbelten davon. Erleichterung. Nun aber weitergehen.
Gehen. Humpeln. Robben. Kriechen. Auf allen vieren. Dann wieder aufrecht. Aber immer voran. Immer weiter. Tatsächlich wurde der Wald lichter. Die Wege trockener. Mehr Licht. Es war, als gäbe es neue Luft. Immer wieder tauchten Ghoulsuchtrupps auf, aber die Flucht in die Bäume gelang jedes Mal. Es schien, dass deren auftauchen seltener wurde. Sie mochten den hellen trockenen Wald wohl nicht.
Die Wesen krauchten den Weg entlang, sie hatten nur noch wenig Kraft. Das Laufen tat so weh. Die Stümpfe schmerzten. Aber noch trieb Hoffnung sie an. Jetzt nur nicht aufgeben. Schlafen wäre schön. Aber es konnte nicht mehr weit sein.
Die Wesen kamen nur noch langsam voran, noch langsamer. Stilstand. Es ging nichts mehr. Die Kraft verliess sie. Sie sanken auf dem Weg in sich zusammen und starrten mit leerem Blick in die Luft. „Wo kommt ihr denn her?“ Eine Stimme. Schreck und Freude zugleich. Vor ihnen stand ein Wesen. Mit intakten Füßen. Schwindelige Freude stob durch das kleine Denken. „Hat es euch die Sprache verschlagen?“ Das Wesen pfiff und schon kamen andere Wesen herbei. „Kommt, nehmen wir die drei mit, sie brauchen einen Arzt.“ Die Wesen hievten die drei hoch, sie wurden auf Schultern gehoben und davongetragen.
Ein Raum. Ohne Kasten. Kein Staub. Und alle hatten Füße. Es war unfassbar. Die Wesen waren stumm vor Staunen. Hier gab es Nahrung, Wasser, sogar Gelächter. Diese Wesen hatten sogar Nachwuchs, den sie hegten und pflegten. Sie waren entkommen. Sicherheit.
Der merkwürdige Organismus kam lachend in den Raum und rieb sich in diebischer Freude die Hände.
Die anderen Wesen bereiteten ihnen ein Nachtlager, nachdem ein Arzt sie verbunden und ihnen Schmerzmittel verabreicht hatte. Der Arzt hatte sie gefragt, was ihnen denn nur geschehen sei und konnte kaum glauben, was sie ihm erzählten. Er schüttelte verständnislos den Kopf. „Das ist ja schrecklich, aber das kriegen wir wieder hin. Erst lindern wir mal die Schmerzen und dann in ein paar Tagen, wenn die Stümpfe verheilt sind, werden wir sehen, ob wir passende Prothesen anfertigen können. Das wird schon wieder. Nun schlaft erst mal.“ Erleichtert und noch immer ein wenig fassungslos ließen sich die drei Wesen in die sanfte Betäubung der Schmerzlosigkeit fallen.
Umringt von Ghoulen erwachte das Wesen in tiefem Gestrüpp. Es hatte keine Vorstellung, wie es dorthin gekommen war, fühlte dumpfen Schmerz und konnte ihn nicht wirklich lokalisieren.
Der merkwürdige Organismus schlug sich lachend auf die Schenkel und wischte sich die Tränen aus den Augen.