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13
Jan
2010

Referrer-Orakel

Ich sollte vielleicht eine neue Kategorie anlegen: Referrer-Orakel oder -Botschaften.

Die Liste der Referrer erzählt mir heute gleich mehrfach, dass ich meine Chance gehabt hätte....

Im Dezember wurde mir die Kunst des Aufgebens wieder in Erinnerung gerufen.

Interessant finde ich es ja auch, was Menschen so im Netz suchen und warum sie mit solchen Suchanfragen bei mir gelandet sind:
- na du, wie gehts dir. war ein schöner abend gestern
- wenn du mich magst dann ruf mich an
Nett fand ich auch dies:
- Sie sind eine attraktive Frau, darf ich das sagen?

Schauen wir mal, was das Referrer-Orakel als nächstes präsentiert....

Neuland

Umringt von Ghoulen erwachte das Wesen in tiefem Gestrüpp. Es hatte keine Vorstellung, wie es dorthin gekommen war, fühlte dumpfen Schmerz und konnte ihn nicht wirklich lokalisieren. Die Haut war mit schwärenden Wunden übersät, ein geschundener Leib, der sich mit letzter Kraft durch dorniges Gestrüpp robbte. Einem inneren Drang folgend kroch das Wesen weiter, ohne eigentlich zu wissen, wo es hin wollte. Nur weg. Fliehen. Vor den Ghoulen. Der Angst. Der Kälte. Dem Schmerz. Immer in der Hoffnung, es gäbe einen Ort, an dem dem Allen zu entkommen sei. Das Wesen hielt inne, blieb im Dickicht liegen und schloss die Augen.

Der merkwürdige Organismus betrachtete den Glaskasten mit gelindem Interesse. Er war ein wenig gelangweilt.

Die Geräusche verebbten. Langsam öffnete das Wesen die Augen, blinzelte. Vorsichtiger Blick ins zwielichtige Dickicht. Die Ghoule waren fort. Warum hatten sie die Jagd aufgegeben, als sie im Grunde nur noch zuschlagen mussten? Irritation machte sich über das Wesen her. Verwundert kroch es ein wenig aus dem Gestrüpp heraus. Weit und breit war niemand zu sehen. Noch ein Stück weiter. Es wagte sich auf den morastigen Weg, der noch von Fußspuren gezeichnet war. Es war unnatürlich still. Immerhin knackten die Zweige noch, wenn sie brachen. Aber kein anderes Geräusch war zu hören. Die Ghoule mussten sich einen besonders fiesen Hinterhalt ausgedacht haben. Sie würden doch nie von ihrem Opfer ablassen. Bestimmt kämen sie aus dem Unterholz, sobald das Wesen sich ein wenig entfernt hatte. Warum also überhaupt bewegen. Jeder Versuch war zwecklos. Sie würden auf jeden Fall zurückkommen und sich wieder über das Wesen hermachen. Sie würden mit ihm spielen, es quälen, sich saftige Stücke aus Leib und Seele herausbeißen, es aber nie töten. Ihm immer wieder so viel Zeit geben, dass es sich regenerierte, damit die Jagd von Neuem beginnen konnte. Es war zwecklos.

Das Wesen sollte wohl besser die Ruhe nutzen. Aber in Ruhe überlegte es sich ständig, was nun als nächstes passieren würde. Nahm alle kommenden Quälereien vorweg, übertraf in den Gedankenbildern sogar die künftige Realität und litt fast mehr unter Angst und Schmerz als während der akuten Jagd. Dann also besser wieder mitspielen und das unvermeidliche annehmen. Schritte. Ah, ja, da waren sie also. Das Spiel ging weiter.

Aber es waren nur leise Schritte. Das Wesen blickte angestrengt ins Halbdunkel. Das waren andere Wesen, das waren keine Ghoule. Andere Wesen? Es dachte immer, es sei allein, gab es tatsächlich noch andere Wesen? Langsam lösten sich die Silhouetten zweier Wesen aus dem Dunkel und humpelten dem Wesen entgegen. Auch ihre Füße waren verstümmelt. Sie mussten ähnliches erlebt haben. Das Wesen staunte die anderen Wesen ungläubig an. Diese sahen es skeptisch an und mit leichten verengtem Blick sprachen sie es an: „Bist Du allein? Oder bist Du ein Lockvogel? Kannst Du sprechen?“ „Wie seid ihr entkommen? Wart ihr auch im Kasten? Eure Füße …. Sind sie bei – ihm?“ Fragende Blicke. „Du weißt, was uns passiert ist?“ Nicken. Tiefer Blick in Augengeschichten. Ja, es war wahr. Sie hatten es auch gesehen. Gefühlt. „Werdet ihr auch?“ Leises Kopfschütteln. „Anfangs schon. Wir konnten uns aus dem Kasten befreien. Sie hatte sogar schon ihre Füße gefunden, aber während der Nacht kamen die Ghoule und haben sie ihr wieder abgerissen. Aber seit einigen Tagen sind die Ghoule verschwunden. Wir haben einen Plan gefunden. Eine Art Landkarte.“ Ein schwindeliges Gefühl der Hoffnung machte sich in dem Wesen breit. Heißeres Flüstern „Ihr meint, ihr kennt den Weg in sicheres Areal?“ Augenlider schlossen sich zur Bestätigung. Dem Wesen stockte der Atem. Ein Ausweg. Es war kaum zu glauben. „Ja. Lass uns gehen. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, aber wir könnten es schaffen. Falls die Ghoule uns in Ruhe lassen.“

Heftiges Klopfen weckte den merkwürdigen Organismus, der wutentbrannt zur Tür stürzte und sich dem Störenfried mit voller Wucht widmete. Nette Abwechslung. Feine Keilerei.

Sie humpelten davon so gut es eben ging. Sie krochen, wenn die Stümpfe unter ihnen nachgaben. Gönnten sich kaum eine Pause und schliefen nur abwechselnd und stundenweise. Drei Tage waren sie unterwegs, als die Ghoule zurückkehrten. Das Wesen wollte sich sofort wieder ins Dickicht flüchten, aber die anderen Wesen hielten es zurück. Zeigten nach oben. In die Bäume. „Wie sollen wir da hochkommen?“ Ein Wesen zog ein langes Seil mit Enterhaken aus dem Beutel, schlang ein Ende um den Arm und feuerte den Haken mit Schwung in die Luft. Das andere Wesen zog am nun vom Baum hängenden Ende und robbte sich an ihm in die Höhe. Das beiden anderen folgten. Bis in die dichte Krone des Baumes. Das Wesen war fassungslos. Es saß in einem Baum. Unglaublich. Es konnte von oben die suchenden Ghoule sehen, die aber nur im Dickicht und im Unterholz stöberten. An Baumkronen dachten sie nicht. Stundenlang suchten sie erfolglos. Dann gaben sie auf und wirbelten davon. Erleichterung. Nun aber weitergehen.

Gehen. Humpeln. Robben. Kriechen. Auf allen vieren. Dann wieder aufrecht. Aber immer voran. Immer weiter. Tatsächlich wurde der Wald lichter. Die Wege trockener. Mehr Licht. Es war, als gäbe es neue Luft. Immer wieder tauchten Ghoulsuchtrupps auf, aber die Flucht in die Bäume gelang jedes Mal. Es schien, dass deren auftauchen seltener wurde. Sie mochten den hellen trockenen Wald wohl nicht.
Die Wesen krauchten den Weg entlang, sie hatten nur noch wenig Kraft. Das Laufen tat so weh. Die Stümpfe schmerzten. Aber noch trieb Hoffnung sie an. Jetzt nur nicht aufgeben. Schlafen wäre schön. Aber es konnte nicht mehr weit sein.

Die Wesen kamen nur noch langsam voran, noch langsamer. Stilstand. Es ging nichts mehr. Die Kraft verliess sie. Sie sanken auf dem Weg in sich zusammen und starrten mit leerem Blick in die Luft. „Wo kommt ihr denn her?“ Eine Stimme. Schreck und Freude zugleich. Vor ihnen stand ein Wesen. Mit intakten Füßen. Schwindelige Freude stob durch das kleine Denken. „Hat es euch die Sprache verschlagen?“ Das Wesen pfiff und schon kamen andere Wesen herbei. „Kommt, nehmen wir die drei mit, sie brauchen einen Arzt.“ Die Wesen hievten die drei hoch, sie wurden auf Schultern gehoben und davongetragen.
Ein Raum. Ohne Kasten. Kein Staub. Und alle hatten Füße. Es war unfassbar. Die Wesen waren stumm vor Staunen. Hier gab es Nahrung, Wasser, sogar Gelächter. Diese Wesen hatten sogar Nachwuchs, den sie hegten und pflegten. Sie waren entkommen. Sicherheit.

Der merkwürdige Organismus kam lachend in den Raum und rieb sich in diebischer Freude die Hände.

Die anderen Wesen bereiteten ihnen ein Nachtlager, nachdem ein Arzt sie verbunden und ihnen Schmerzmittel verabreicht hatte. Der Arzt hatte sie gefragt, was ihnen denn nur geschehen sei und konnte kaum glauben, was sie ihm erzählten. Er schüttelte verständnislos den Kopf. „Das ist ja schrecklich, aber das kriegen wir wieder hin. Erst lindern wir mal die Schmerzen und dann in ein paar Tagen, wenn die Stümpfe verheilt sind, werden wir sehen, ob wir passende Prothesen anfertigen können. Das wird schon wieder. Nun schlaft erst mal.“ Erleichtert und noch immer ein wenig fassungslos ließen sich die drei Wesen in die sanfte Betäubung der Schmerzlosigkeit fallen.

Umringt von Ghoulen erwachte das Wesen in tiefem Gestrüpp. Es hatte keine Vorstellung, wie es dorthin gekommen war, fühlte dumpfen Schmerz und konnte ihn nicht wirklich lokalisieren.

Der merkwürdige Organismus schlug sich lachend auf die Schenkel und wischte sich die Tränen aus den Augen.

15
Okt
2009

Barfuß V

Schreie fliegen durch die Luft, die siedend heiß und abgestanden das Denken füllt und so unglaublich nach Verwesung riecht, dass man das Atmen einstellen möchte. Immer wieder hält man den Atem an, möchte weder Luft noch Geruch in sich hineinlassen. Dem Delphin gleich möchte man das Atmen mit dem Willen steuern. Stattdessen bohrt sich die verfaulte Luft tief in die Eingeweide, verätzt das Denken und stachelt die im Untergrund vegetierenden Zombies an, sich mal wieder zu einem Gelage niederzulassen. Mit gleichgültiger Grausamkeit reißen sie sich große Fetzen aus dem weißen Leib, kauen aus reiner Bosheit an den Nerven, verknoten Nervenenden und lassen ein Feuerwerk aus Schlägen und Schmerz auf die Synapsen herniederregnen. Faules Fleisch fällt von morschen Knochen, verfällt wie im Zeitraffer und lässt nur einen schleimig amorphen Klumpen übrig, der nicht mehr als Lebewesen zu identifizieren ist.

Der merkwürdige Organismus betrachtet den Verfall und das Siechtum mit mildem Interesse, er liebt den süßlichen Gestank und schlägt voller Freude mit der geballten Hand in den Klumpen, um die dicken Schleimtropfen aufspritzen zu sehen. Er wühlt suchend durch den klumpigen Matsch, schaufelt mit widerwärtigem Eifer den fauligen Schmodder von einer Seite auf die andere und findet endlich die Füße wieder, die er mit einem satten Grinsen zusammenbindet und dem Wesen vors Gesicht hält.

Wieder der Glaskasten. Blutige Füße im Staub. Es gibt kein Entrinnen.

14
Mai
2009

Nichts

Mitten im Tun wurde einem schlagartig klar, dass es zu Ende geht, dass in wenigen Stunden alles Leben vergehen würde. Unentrinnbar kam man dem zeitlosen Nichts immer näher. Man war nicht allein in der Erkenntnis, auch andere wurden ungefragt von dem Wissen um das nahende Ende überfallen, aber man war allein darin, mit dem Wissen fertig zu werden. Einige reagierten kopflos und verzweifelten, andere versuchten trotzig so zu tun, als sei es nicht wahr. Wieder andere fieberten danach, die vermeintlich wichtigen Dinge nachzuholen oder das bisher aufgeschobene in einer letzten Welle der Lebendigkeit zu erleben.

Man selbst resignierte einfach nur. Es war nun alles unwichtig geworden und völlig belanglos, was man noch tat oder nicht. Man sah dem hektischen Treiben zu, blieb ungerührt. Versuchte zu begreifen, was geschah. Nach der Resignation kam die Angst. Doch auf dem Boden der Resignation hielt sie sich nicht sehr lange, auch sie war im Grunde nicht mehr wichtig. Es folgte das Bedauern, ein brennender Schmerz. Man hätte doch noch gerne und überhaupt, aber eigentlich war das ja nun auch egal. Aller Resignation zum Trotz erledigte man noch einiges, was zwar genauso sinnlos wie alles andere war, aber falls der eine oder andere dem Nichts doch noch entkäme, konnte man ja vielleicht wenigstens für die Überlebenden noch etwas tun.

Es ging schneller als erwartet. Man wurde als eine der ersten abgeholt. Ein schlittenähnliches Gefährt fuhr vor und bevor man sich versah, lag man darauf und glitt in berauschender Geschwindigkeit in die Dunkelheit. Erst spürte man nur den Luftstrom, dann verdichtete sich die Luft. Das Gefährt drang in dichten Nebel vor, der den Körper zu zerdrücken drohte. Dumpfer Druck, dann ein scharfer Schmerz.
Vorbei.

Im Nichts angekommen.

11
Mai
2009

Spiegelstaub

Man stolperte durch den erstickenddüstren Gang, folgte mühsam den blutigen Spuren im dichten Staubteppich, aus vielen kleinen Schnitten rann leise Blut und der von den Füßen aufgewirbelte Staub brannte in den Wunden.

Die Tränen waren längst erstickt, fielen erst in dicken Tropfen in den Staub des Grauens, der sich vollsog und einem Pilz gleich auf jede Träne mit einer kleinen Explosion antwortete. Jeder Träne folgte eine Staubwolkenexplosion. Die Luft war staubgesättigt und bald hatte sich eine dicke, beissende Straubtränenkruste um die Augen gebildet. Fraß sich unerbittlich ins Gesicht, einem Geschwür gleich, dass sich von außen nach innen verbreiten will.

Fremde Füße gingen im falschen Takt, ein schmerzhaft verzögerter Takt. Man hätte sie sich von den Beinen reißen mögen, hätte man nicht so verzweifelt darum gekämpft, wenigstens noch auf diesen Stümpfen laufen zu können.

Im Spiegelsaal wartete die Folter, die unendliche Qual. Man wusste es nicht, humpelte ihr entgegen, glaubte noch, ein wichtiges Ziel zu erreichen, als sich die Falle schon schloss. Das Antlitz wurde von tausenden von Spiegeln – Zerrspiegeln zumeist - nicht nur reflektiert, sondern mit voller Wucht und von stromschlagenden Blitzen begleitet ins Zentrum geschleudert, in dem man zur Karikatur erstarrt wehrlos dem Bilderhagel ausgesetzt war.

Nach den Tränen erstickte der Schrei, der sich eben noch hallend und ätzend durch den Thorax geboxt hatte. Im tiefsten Innern hatte er Anlauf genommen, sich mit voller Wucht gegen die zarten Rippen geworfen, hatte zwar ein großen Loch in den Körper gerissen, fiel aber im letzten Moment in sich zusammen, verendete kläglich als schleimige Masse im zerfetzten Lungenflügel.

Die Bilder wurden spitzer. Morgensternen gleich zertrümmerten sie das zarte Denken. Andere verwandelten sich in Shuriken, hinterhältig und mit Effet geworfen, rissen sie tiefe Wunden ins Gemüt. Es folgte ein Hagel giftgetränkter Pfeile.

Die Füße waren schwarz geworden. Abgestorben. Totes Gewebe, unbrauchbar.

Das Denken lag in 1000 Splittern im Staub als traulichfreundlich blinkende Funkelwesen. Dekorativ, aber nutzlos. Das Gemüt verquallte sich zur amorphen Eitermasse, die bald vom Tränenstaub mumifiziert wurde.

Die Augen mussten alles mit ansehen, konnten sich den Bildern und ihren Folgen nicht entziehen. Kein Detail blieb ihnen erspart. Man wünschte sich nur noch, die Augen schließen zu dürfen, doch die Lider hatten sie längst entfernt.

Man wartete auf das blicklose Nichts, noch donnerten die Bilder aus den Spiegeln. Erst wenn das gespiegelte Wesen verging, würden die Spiegel blind. Es aber war zur Existenz verurteilt.

9
Mai
2009

Sonntagfrüh

(Fortsetzung des sinnfreien Samstagabends:) Im dunklen Schein des blauen Mondes lassen sich vereinzelte waidwunde Brötchen, die sich leichtsinnigerweise in ihrer grenzenlosen Abenteuerlust zu weit von der gröhlenden Bäckerhorde entfernt haben, mit purpurzarten Keschern von ringelstrumpftragenden Schlamperpuppen, die ihr spröd verzagtes Herz an ein mäßig musikalisches Skelett mit Hang zu gutmütiger Gefangennahme verloren haben, immer wieder einfangen, von deren hastigem Genuß aber nur abgeraten werden kann, denn die verstörten kleinen Brötchenlaiber gehören unbedingt in die gloriose Parade der unverdrossen hüpfenden Frühstückseier, die in bebender Erwartung der rohen Enthauptung mit einigen gequälten Arien nicht nur ihr, sondern auch das sehnlich befürchtete Ende des Wochenendes schauerlich falsch singend und dabei doch so anrührend beklagen, dass die staubig-kalten Klagelieder wie immer den graublütigen Polizisten auf dem zögernden Weg in das fensterlose Haus begleiten, wo er von der freudestrahlenden achtarmigen Brut der mit Froscheiern genährten Pinguine empfangen und umringt wird, damit er das sinnentleerte Spiel des Bambusweitwurfs mit ihnen spielt und damit den überraschenden Auftakt für die ausgelassen feiernden Balken gibt, sich in der grauen Enge der Vorstadt zum besinnlichen Plausch zusammenzufinden, wodurch die springlebendigen, aber auch sehr müden Mücken sanft in einen traumquelligen Schlummer gelockt werden, in dem sie nur gelegentlich mit sonorem Schnarchen zu erkennen geben, dass sie noch leben, während die jodelnden Möwen langsam ihr Ränzlein packen, um sich in den verhassten Trott der zweitägigen Arbeitswoche zu stürzen, die ihnen wieder alle überbordende Fantasie im Finden hinterlistiger Verstecke abverlangen wird, die ihnen aber mit großzügigen Gaben rostiger Hühnerknochen vergolten wird, mit denen sie dann die dreibeinigen Katzen, die keine Mäusemilch mehr fangen konnten, anlocken können, damit sie diesen die bleiernen Ranzen aufbürden können, obwohl sie genau wissen, dass die ungelenken Viecher ihre Last verlieren werden und dann laut klagend zu den Schlamperpuppen laufen werden, um denen beim Brötchenbacken um die Beine zu streichen, bis sich die viel zu dünnlichen Beinchen ineinander verwickeln und so den röschen Brötchen die Chance zur voreiligen Flucht geben, so fügt sich wieder eins ins andere und alle ergeben sich der zwingenden Determiniertheit ihres kleinen Seins und folgen dem verborgen-verwirrten Rhythmus des merkwüdigen Gebildes, das sie Leben nennen.

13
Apr
2009

Morpheus

Morpheus ist ein recht launischer Geselle, der sich in stetig wandelnder Gestalt zeigt. Mitunter gibt er den charmanten Verführer, zieht einen sanft und doch unerbittlich in seinen Bann und hält den Geist im wagen Ungefähr gefangen. Fast körperlos schwebschwimmt man durch die Welt des Ungefährs, wandelt durch elysische Gedanken, begegnet zarten Bildern, die noch beim Aufwachen ein wenig schmerzen und der Wehmut reichlich Nahrung bringen. Federleicht, von aller Erdenschwere befreit, wandelt man durch hauchdünne Mitternachtsspitzenlandschaften, die von leisen Tönen getragen werden, alle Wohlgerüche der bekannten Welt enthalten und die Haut nie frieren lassen. Ja, gelegentlich webt er Traumteppiche, auf denen man unentwegt fliegen möchte und man nimmt es Hypnos wirklich übel, dass er Morpheus‘ Zeit immer recht knapp bemisst.

Zur Zeit hält Morpheus sich allerdings für einen recht durchgeknallten, sadistischen Horrorfilmregisseur, der - einem Ed Wood-Epigonen gleich - nur unglaubliches Schmierentheater zu inszenieren versteht, aber desto verbissener jede Nacht an einem großen Wurf arbeitet, denn er weiß – aber auch nur er – dass er ein verkanntes Genie ist. Da wird gemordet, seziert, gequält und drangsaliert, dass Hieronymus Boschs Höllenvisionen als Kleinkindlektüre durchgehen. Der Geist wird an einen bleischweren Körper gefesselt, mit Schmerz verwoben, der sich unerbittlich durchs Denken brennt. Mit glühenden Eisen und nachleuchtenden Farben werden die Folterszenen in die Synapsen gebrannt, bohren sich harpunengleich ins Bewusstsein und wollen nicht verblassen. Die Zähren zehren reichlich von diesen Bildern und bereiten dem Morgen einen verquollenen Empfang. Man möchte Morpheus raten, sich eine neue Crew zu suchen, Requisiteure, Drehbuchschreiber und das Kamerateam schleunigst auszutauschen. Müde lächelnd entgegnet er, dass er nun einmal nur mit dem Material arbeiten könne, das er in des Schläfers Hirn finde…
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