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15
Jan
2007

LebensWut VIII

Nachmittags würde sie also die nächste Stunde haben. Das hieß, sie musste früher aus dem Büro weg, aber das war eigentlich kein Problem. Der gestrige Abend war nach dem üblichen Muster verlaufen. Sie hatte auf dem Heimweg eingekauft, alles bestimmungsgemäß heruntergeschlungen und wieder ausgewürgt. Routine. Wenn nur nicht dieses Gefühl des Schmutzigsein davon übrig bliebe. Eigentlich war sie ganz zufrieden, dass sie in der letzten Zeit schon Gewicht abgebaut hatte, anders ging es kaum. Der Hunger war so groß. Sollte sie das dem Therapeuten erzählen? Schwer zu entscheiden. Als professioneller Helfer dürfte er ja nicht schockiert sein. Das musste ja wohl sein Alltag sein. Aber vielleicht war es doch zu früh dafür. Er würde ihr bestimmt nahe legen, alles daran zu setzen, damit endlich aufzuhören. Das war ja ein gestörtes Verhalten. Und überhaupt. Das geht doch nicht. Wenn sie doch nur mal aufhören könnte, ständig mit den Gedanken abzudriften. Sie war nie ganz bei der Sache. Jedes Ding auf das sie prallte, löste eine Welle von Erinnerungen, Gedanken und Bildern aus, die für sie einen größeren Stellenwert hatten als die reale Welt. Sie erlebte im Geiste Situationen aus der Vergangenheit wieder und wieder oder antizipierte künftige Geschehnisse. Wie jetzt die Therapiestunde. Wer konnte sagen, wie sie verlaufen würde, aber trotzdem spann sie sich die ganze Stunde im Kopf schon aus. Das einzige Gefühl, dass sie immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholte, war der Hunger. Und der bohrte jetzt wieder in ihr. Sie musste etwas essen. Es ging nicht mehr anders. Und sie würde es in sich behalten müssen, denn im Job zu kotzen, war absolut tabu. read more

LebensWut VII

Irgendwie war es Nachmittag geworden. Die Halbtagskräfte verließen das Büro, es wurde ruhiger. Theoretisch hätte sie nun ihre Stille Stunde haben sollen. Ein weiterer vergeblicher Versuch, das Chaos des Alltags zu reglementieren. Vermeintlich gute Ideen, die einem auf irgendwelchen Schulungen oktroyiert wurden, um effektiver zu sein. Prioritäten vergeben, stille Stunde, Pareto und all der ganze Zeitmanagement-Blödsinn, von dem ein ganzer Dienstleistungssektor lebte. Wie viele dieser Zeitmanagement-Gurus hielten sich wohl an ihre eigene Doktrin? Es war doch geradezu eine Auszeichnung, keine Zeit, aber viel Stress zu haben. Wieder eine völlig schwachsinnige Selbstüberhöhung. Ich habe keine Zeit, ergo: ich bin wichtig. Sie hatte immer mehr Zeit als ihr lieb war. Viel zu viel Zeit, die leer blieb und sie immer wieder auf die Tatsache der absoluten Sinnlosigkeit zurückwarf. Plötzlich meldete sich nagender Hunger in ihren Eingeweiden. Sie versuchte, tagsüber nichts zu essen. Das war nicht immer einfach, weil eine der Kolleginnen immer wieder Kuchen mitbrachte und manchmal konnte sie nicht widerstehen. Sie hatte das mal besser gekonnt. Damals war sie konsequent gewesen und hatte so ein Gewicht von 44 kg und weniger geschafft und darauf war sie wirklich stolz gewesen. Eitler Fatz, der sie war. Aber dann hatte sie sich auf eine Therapie eingelassen. Gezwungenermaßen eigentlich, weil der Arzt meinte, sie sei zu dünn. read more
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