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16
Jun
2007

Später Abend

Natürlich war er nicht gekommen. Er hatte sie zum Narren gehalten. Oder hatte sich mal wieder irgendeine andere Gelegenheit nicht entgehen lassen können. Was auch immer. Sie kannte das. Sie hatte so oft auf ihn gewartet, dass sie schon Schwielen an der Seele hatte. Irgendwann würde er dann unvermittelt vor der Türe stehen, mit lausbübischem Grinsen sagen, dass es ihm leid täte, aber er hätte nun einmal einen dringenden Geschäftstermin gehabt. Klar, abends nach zehn gehörte das ja wohl zur Tagesordnung. Hielt er sie den wirklich für so blöd? Sie wunderte sich ja schon, dass seine Ehefrau das alles schluckte und anscheinend keinerlei Zweifel an der Strebsamkeit und dem emsigen Fleiß ihres Herrn Gatten hatte. Er hatte zwar immer mal gesagt, er müsse zu Hause wieder ein wenig für „Gut Wetter“ sorgen, aber ernsthafte Probleme schien es nie zu geben. Es war eigentlich erstaunlich, wie wenig sie von ihm wußte. Von seiner Frau und der Familie wollte sie eigentlich auch nichts wissen, denn so wahnsinnig toll fand sie das Leben als Zweitfrau nun auch wieder nicht, dass sie das Gefühl, nur eine Art Gespielin zu sein, noch durch faktisches Wissen über die andere Frau füttern musste. Sie war stocksauer. Sie kam sich so unendlich blöd vor, hatte sich im Grunde fast schon angebiedert und er hatte nur ein Spielchen mit ihr getrieben. In Gedanken das Gespräch des Nachmittages durchgehend, zündete sie sich eine Zigarette an und nippte am Wein, den sie natürlich extra besorgt hatte. Nur für ihn, weil er ihn so gerne mochte. Ein Grund mehr sich zu ärgern und ihn zu verfluchen.

Sie legte die Stirn an das kalte Fenster, starrte in die Dunkelheit. Mistkerl, elender. Warum konnte sie sich nicht einfach auf theatralische Weise von ihm verabschieden, ihn genauso eiskalt ablaufen lassen, wie er es mit ihr tat? Warum hing sie denn immer noch an diesem Ekelpaket, dass sie im Grunde doch nur benutzte? Wut blubberte in kleinen Blasen durch ihre Gedanken und produzierte neue Wut. Nein, so konnte das nicht weitergehen. Sie musste ihn zur Rede stellen. Sie musste ihm einmal sagen, wie sehr er sie mit seinem Verhalten verletzte. Nein, das wäre wohl nicht gut, wenn sie ihre Verletzlichkeit so deutlich zeigte, würde das nur seine Position stärken. Aber sie wollte mit ihm sprechen, ihn anschreien, ihn zur Rede stellen, ihm zeigen, dass er so nicht mit ihr umgehen konnte. Sie würde zu ihm fahren. Nachsehen, ob er vielleicht noch im Büro war. Zu ihm nach hause konnte sie ja nicht fahren. Obwohl sie in dieser Stimmung sogar das erwog, aber sie wusste ja nicht einmal, wo er wohnte. Er hatte es ihr nie gesagt. Auch so eines der Dinge, die sie ihm an den Kopf knallen wollte. Er hatte immer gesagt, dass er seine Familie da komplett raushalten wollte. „Da raushalten“ – allein die Wortwahl war verletztend. Als wäre das nur eine schmutzige Affaire, vor der man die Unschuldigen schützen müsse. Genau das. Genau das hatte er wohl damit sagen wollen. Ein scharfer Wutschmerz durchzuckte ihr Herz. Genauso behandelte er sie, wie eine kleine schmutzige Affaire. Das musste aufhören. Sie schnappte sich Handtasche und Jacke und stürmte aus dem Haus.

Barfuß - Variation

Man stand in der großen Halle und schaute sich in dem heruntergekommen Saal um. Alles war von einem hochflorigen Staubteppich bedeckt, jeder Schritt wurde durch den Samtstaub abgefedert und gedämpft, kleine Dunstwolken stoben auf, Staubkristalle tanzten in den wenigen Lichtstrahlen und die Luft war kaum zu atmen. Es war düster und unnatürlich ruhig. Der Saal verströmte Verlassenheit, die Reliquien früherer, lebendigerer Zeiten lagen verstreut herum, vom kriechenden Staub langsam überspült. Allgemeiner Verfall hatte sich ausgebreitet, mit diesen Räumlichkeiten liess sich nichts mehr anfangen, sie waren nicht mehr sanierungsfähig und wohl auch hochgradig einsturzgefährdet, aber das spielte auch keine Rolle mehr. Man hustete sich so durch den Raum und stellte sich vor, dass man mit einem Flammenwerfer hier ein schönes Feuerwerk anrichten könne, als der Blick von Spuren im Staub gefangen wurde. Da waren Fussabdrücke, barfuss und blutig. Es waren die eigenen, man war schon mal hier gewesen. Fast panisch schaute man an sich herab und stellte fest, dass man noch immer oder schon wieder blutige Füße hatte. Man war nicht sicher, ob das ein Deja vu war oder ob man in eine Art Albtraumschleife geraten war. Jeder Schritt brannte wie Feuer, der Staub fraß sich in die offenen Wunden, die von Rasierklingen zu stammen schienen. Man musste sich unbedingt die Schuhe zurückholen. Man hatte sie gesehen. Wo hatte man sie nur gesehen? Langsam und unter heftigen Schmerzen quälte man sich durch den Raum. Der Schmerz fraß sich durch das Nervensystem und jedes Gefühl und jeder Gedanke wurde von dem pulsierenden Schmerz übertönt. Man zuckte sich durch den Schmerz ins Dunkel.

Das Wesen versuchte sich zu bewegen, stellte aber sofort fest, dass es auf gemeine und effektive Weise gefesselt war. Je mehr es die Gliedmaßen zu bewegen versuchte, desto enger zog sich das Seil um den Hals und atmen wurde schier unmöglich. Das Wesen versuchte seine eigene Lage zu ergründen. Offensichtlich lag es gefesselt in einem Kasten. Die Dunkelheit war kaum zu durchdringen. Es lag ein mehrkwürdiger Geruch in der Luft, wie von verbrannten Haaren und plötzlich ahnte das Wesen, dass es seine Haare waren, die gebrannt hatten. Ein kurzer Erinnerungsflash. Erschreckendes Erkennen. Und die sofortige strikte Weigerung zu glauben, was es da eben für einen Moment gesehen hatte.

Stimmen im Hintergrund. Nicht verständlich, aber eine Wohltat fürs Ohr. Beim Versuch den Kopf in die Richtung der Töne zu drehen, zogen sich die Fesseln so fest zu, dass das Wesen nur noch röcheln konnte. Wenn es doch die Hände befreien könnte, wenn es doch nur die Fessel am Hals lösen konnte. Stimmen kamen näher. „Na, hatten wir einen Spaß, nicht wahr?“ Höhnisches Gelächter. Die Stimme war dem Wesen so vertraut, woher kannte es sie nur. „In dem Glaskasten kannst Du meinetwegen vergammeln, aber gib’ mir gefälligst meine Schuhe zurück.“ „Ich werde Dir schon Dampf machen, damit Du die rausrückst….“ Das Wesen verstand nicht recht, wovon die Stimme sprach. Es hatte offensichtlich keine Schuhe mehr an. Oder doch? Und schon griff eine Hand in den Glaskasten und zerrte an den Fesseln. Verzweifelt versuchte sich das Wesen zu wehren, versuchte mit den Händen nach der Hand zu greifen. Das Blut pochte in den Schläfen des Wesens, alle Töne vergingen in dem unendlichen Strom des rasenden Blutes. Dann Stille.
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