Der Brief
Als ich heute von einem 27jährigen erfuhr, dass er noch nie in seinem Leben einen Brief verschickt hat, war ich ehrlich fassungslos. Manches Mal habe ich mich gefragt, was ich wohl im Falle eines Brandes zu retten versuchen würde und recht schnell war mir die Antwort klar: Die Kiste mit den Briefen. Eine recht große Kiste voll mit Briefen aus den letzten drei Jahrzehnten. Ein kleiner Schatz, der Erinnerungen lebendig hält und mir wirklich viel bedeutet.
Ich habe schon so viele Briefe geschrieben und auch erhalten und jeder war ein kleines Ereignis. Wie aufregend ist es immer wieder, den Briefkasten zu öffnen und darin die handgeschriebene Epistel eines geschätzten Menschenn zu finden. Erwartungsfrohes Öffnen und dann das Eintauchen in den Geist eines anderen, der sich in Handschrift und Worten manifestiert. Freude, Sehnsucht, Erstaunen, auch Erschrecken, ein kleiner Kosmos mit eigener Dynamik. Erneutes Lesen, um die Nuancen des Geschriebenen zu erfassen. Das erste Formulieren einer Antwort, dann den Füller angesetzt und losgeschrieben. Mitunter den ersten Entwurf verworfen und von vorne begonnen. Soviele Zeilen voller unterschiedlichster Gefühle, nüchterne Erörterung eines Gegenstandes, gefühlsträchtiges Sehnen, flammende Zeilen, dann wieder zart formulierte Andeutungen, gefolgt von eindringlich direkter Ansprache. Die wichtigen Dinge habe ich so oft per Brief mitgeteilt. Für mich bedeutungsvolles habe ich durch Briefe erfahren. Immer war es etwas besonderes, die Zeilen zu lesen oder zu schreiben, eine Insel im Alltagssturm.
Mit fast allen Menschen, die mir wichtig sind oder waren, habe ich Briefe ausgetauscht. Als vor einigen Monaten ein früherer Freund von mir starb, habe ich mir seine Briefe wieder hervorgesucht und nach Jahren wieder gelesen. Bilder und Gefühle bildeten sich bei der Lektüre vor meinem inneren Auge, manches Gefühl meldete sich aus dem scheinbaren Vergessen und ein alter Zauber lag im Denken.
Ich erinnere mich an den ersten wirklich wichtigen Brief, der in ungelenk krakeliger Jungenschrift geschrieben war. Eigentlich "nur" eine Postkarte mit einem Motiv von Wilhelm Schlote, einer Musikkassette beigelegt, auf der Karte stand unter anderem ein Gedicht von Josef Guggenmos:
Der Brief
Es ist kein Mensch,
es ist kein Tier.
Es ist nur dies – ein Stück Papier.
Ein Stück Papier,
jedoch es spricht.
Es bringt von mir Dir den Bericht:
Ich hab‘ Dich lieb.
Vergiß mich nicht.
Wir waren dreizehn Jahre alt und diese Zeilen waren für mich damals das Schönste, was ich bis dahin erfahren hatte. Ja, ein wenig kitschig ist das schon, aber mit dreizehn nimmt man das noch anders wahr.
Soviele Briefe folgten. Von vielen Menschen.
Auch der Neomane hat mir viele Briefe geschrieben. Zwar hatten wir uns im Internet kennengelernt und ein Großteil der Kommunikation bestand aus elektronischer Post, doch die handgeschriebenen Briefe waren immer ein besonderes Glanzlicht.
Mit anderen habe ich im wahrsten Sinne des Wortes per Brief über Gott und die Welt debatiert. Wie auch immer der Briefwechsel motiviert war, immer war der schönste Moment der, indem ein neuer Brief im Kasten lag. Das Warten hatte ein Ende. Ich zog mich mit den Zeilen und Gedanken eines anderen Menschen zurück, versank darin. Dachte das Geschriebene weiter, war entzückt, entrüstet, verzaubert, berührt und bestürzt. Dann kam die Zeit der Antwort, manchmal wohlbedacht und sorgfältig formuliet. Mitunter ungestüm, euphorisch, emotional , sehnend und flammend. Wenn die Antwort dann losgeschickt war, begann das Warten, das Zweifeln. Versteht der andere, was ich sagen wollte, habe ich die richtigen Worte gewählt, den richtigen Ton getroffen. Unruhe, Antizipation, Tagträume und innerer Dialog lebten weiter bis das Warten wieder ein Ende fand, weil eine Antwort eintraf. Und wieder begann das Ritual von neuem.
Erstaunlicherweise war die Mehrheit meiner Brieffreunde männlich. Mit weiblichen Freunden habe ich immer eher telefoniert. Keine Ahnung, warum das so ist.
Die Zahl der Briefe ist auch bei mir deutlich weniger geworden, heute schreibe auch ich eher eine e-mail als einen Brief. Aber nach wie vor bedeuten mir Briefe viel. Ich freue mich über Hunderte von Briefe, die ich gesammelt habe und wenn mir sonst das Sammeln auch wesensfremd ist, möchte ich fast keinen Brief missen und werde sie immer in Ehren halten. Sie gelegentlich wieder lesen und die Wärme zwischen den Zeilen, den Geist, der sich dort ausgedrückt hat, ehren und schätzen.
Schreibt mehr Briefe, möchte ich rufen, denn sie sind und bleiben ein ganz besonderer Ausdruck der Nähe und der Wertschätzung. Vielleicht bin ich furchtbar altmodisch, aber handgeschriebene Zeilen sind einfach etwas Besonderes. Ein Geschenk.
Ich habe schon so viele Briefe geschrieben und auch erhalten und jeder war ein kleines Ereignis. Wie aufregend ist es immer wieder, den Briefkasten zu öffnen und darin die handgeschriebene Epistel eines geschätzten Menschenn zu finden. Erwartungsfrohes Öffnen und dann das Eintauchen in den Geist eines anderen, der sich in Handschrift und Worten manifestiert. Freude, Sehnsucht, Erstaunen, auch Erschrecken, ein kleiner Kosmos mit eigener Dynamik. Erneutes Lesen, um die Nuancen des Geschriebenen zu erfassen. Das erste Formulieren einer Antwort, dann den Füller angesetzt und losgeschrieben. Mitunter den ersten Entwurf verworfen und von vorne begonnen. Soviele Zeilen voller unterschiedlichster Gefühle, nüchterne Erörterung eines Gegenstandes, gefühlsträchtiges Sehnen, flammende Zeilen, dann wieder zart formulierte Andeutungen, gefolgt von eindringlich direkter Ansprache. Die wichtigen Dinge habe ich so oft per Brief mitgeteilt. Für mich bedeutungsvolles habe ich durch Briefe erfahren. Immer war es etwas besonderes, die Zeilen zu lesen oder zu schreiben, eine Insel im Alltagssturm.
Mit fast allen Menschen, die mir wichtig sind oder waren, habe ich Briefe ausgetauscht. Als vor einigen Monaten ein früherer Freund von mir starb, habe ich mir seine Briefe wieder hervorgesucht und nach Jahren wieder gelesen. Bilder und Gefühle bildeten sich bei der Lektüre vor meinem inneren Auge, manches Gefühl meldete sich aus dem scheinbaren Vergessen und ein alter Zauber lag im Denken.
Ich erinnere mich an den ersten wirklich wichtigen Brief, der in ungelenk krakeliger Jungenschrift geschrieben war. Eigentlich "nur" eine Postkarte mit einem Motiv von Wilhelm Schlote, einer Musikkassette beigelegt, auf der Karte stand unter anderem ein Gedicht von Josef Guggenmos:
Der Brief
Es ist kein Mensch,
es ist kein Tier.
Es ist nur dies – ein Stück Papier.
Ein Stück Papier,
jedoch es spricht.
Es bringt von mir Dir den Bericht:
Ich hab‘ Dich lieb.
Vergiß mich nicht.
Wir waren dreizehn Jahre alt und diese Zeilen waren für mich damals das Schönste, was ich bis dahin erfahren hatte. Ja, ein wenig kitschig ist das schon, aber mit dreizehn nimmt man das noch anders wahr.
Soviele Briefe folgten. Von vielen Menschen.
Auch der Neomane hat mir viele Briefe geschrieben. Zwar hatten wir uns im Internet kennengelernt und ein Großteil der Kommunikation bestand aus elektronischer Post, doch die handgeschriebenen Briefe waren immer ein besonderes Glanzlicht.
Mit anderen habe ich im wahrsten Sinne des Wortes per Brief über Gott und die Welt debatiert. Wie auch immer der Briefwechsel motiviert war, immer war der schönste Moment der, indem ein neuer Brief im Kasten lag. Das Warten hatte ein Ende. Ich zog mich mit den Zeilen und Gedanken eines anderen Menschen zurück, versank darin. Dachte das Geschriebene weiter, war entzückt, entrüstet, verzaubert, berührt und bestürzt. Dann kam die Zeit der Antwort, manchmal wohlbedacht und sorgfältig formuliet. Mitunter ungestüm, euphorisch, emotional , sehnend und flammend. Wenn die Antwort dann losgeschickt war, begann das Warten, das Zweifeln. Versteht der andere, was ich sagen wollte, habe ich die richtigen Worte gewählt, den richtigen Ton getroffen. Unruhe, Antizipation, Tagträume und innerer Dialog lebten weiter bis das Warten wieder ein Ende fand, weil eine Antwort eintraf. Und wieder begann das Ritual von neuem.
Erstaunlicherweise war die Mehrheit meiner Brieffreunde männlich. Mit weiblichen Freunden habe ich immer eher telefoniert. Keine Ahnung, warum das so ist.
Die Zahl der Briefe ist auch bei mir deutlich weniger geworden, heute schreibe auch ich eher eine e-mail als einen Brief. Aber nach wie vor bedeuten mir Briefe viel. Ich freue mich über Hunderte von Briefe, die ich gesammelt habe und wenn mir sonst das Sammeln auch wesensfremd ist, möchte ich fast keinen Brief missen und werde sie immer in Ehren halten. Sie gelegentlich wieder lesen und die Wärme zwischen den Zeilen, den Geist, der sich dort ausgedrückt hat, ehren und schätzen.
Schreibt mehr Briefe, möchte ich rufen, denn sie sind und bleiben ein ganz besonderer Ausdruck der Nähe und der Wertschätzung. Vielleicht bin ich furchtbar altmodisch, aber handgeschriebene Zeilen sind einfach etwas Besonderes. Ein Geschenk.
Habseligkeiten - toxea - 11. Aug 2008, 21:41
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