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28
Feb
2009

Nichts geschenkt

Wohlgefühl. Ein Feuerwerk für alle Sinne, fast schon Entgrenzung durch Hingabe, wäre da nicht im Hintergrund immer ein leiser Zweifel, der verhinderte, dass sie sich wirklich fallen ließ. Aber es war mehr, als sie erhofft und erwartet hatte. Erhofft. Das war eine Quelle des Zweifels, sie konnte nur hoffen. Sie hatte sich in die Rolle der Reagierenden drängen lassen. Nein. Nicht daran denken, nur auf den Moment konzentrieren und einfach genießen, was war. Das Hirn hatte Sendepause.

Auf sein Atmen hören, seinen Duft trinken. Mit geschlossenen Augen versuchte sie, nur das Gefühl zuzulassen. Weiche Wärme mit aromatischen Spitzen, kleine Splitter prickelnder Lust. Einfach sein, nicht denken. Sie streckte sich, drehte sich auf die Seite und sah ihn an. Es tat schon fast weh, ihn so entspannt schlafen zu sehen. Ein Moment der Gemeinsamkeit, der so selten vorkam und ihr fast mehr bedeutete als alle Ekstase. Na na, jetzt mal nicht in kitschige Romantik ausbrechen. Würde sie das denn wirklich jeden Tag haben wollen, war es nicht auch die Unverbindlichkeit, die sie reizte? Mit den Fingerspitzen strich sie sanft über das Laken und spürte die Wärme seines Körpers. Es war doch billig, sich jetzt in zarte Gefühle zu verstricken, die große Sehnsuchtsnummer abzuziehen. Ach, wenn ich Dich doch immer so neben mir haben könnte. Manchmal fühlte sie so, dann glaubte sie tatsächlich, dass sie nur glücklich sein könne, wenn sie ihn nicht nur als Geliebten, sondern auch als Gefährten hätte. Dann zerfloss sie in dieser klebrig süßen Sehnsucht, in solchen Momente wurde all ihr Denken und Fühlen von Wünschen nach Gemeinsamkeit und Harmonie absorbiert. Sie litt dann Höllenqualen, fühlte sich einsam und verlassen und ertrank in Selbstmitleid. Unerträglich. Sie schnaubte ärgerlich. Konnte sie nicht einfach mal den Moment genießen, ohne sich wieder im Zweikampf aus warmem Weib und kalter Amazone zu verlieren? Eine leise Wut nagte an ihren Nerven. Abrupt drehte sie sich um und griff nach dem Weinglas, leerte es in wenigen Schlucken.

„Na, mein Wirbelwind, wieso bist Du denn soweit weg?“ Er streckte den Arm aus, zog mit leichtem Druck an ihrer Schulter und sie folgte der Bewegung. Ein Lächeln auf seinem Gesicht, das ihr Gänsehaut bereitete. Unverständliches murmelnd kuschelte sie sich näher. Er strich mit der Hand über ihren Nacken, dann umgriff er die Rückseite ihres Halses. Sie erstarrte für einen Moment, entspannte sich, schmiegte sich der Länge nach an ihn, ließ ihre Fingerspitzen über sein Rückgrat gleiten und krallte sich andeutungsweise mit den Fingernägeln in seinen Rücken. Ein leiser Seufzer. Neugierige, drängende, elektrisierende Hände, die Begehren verströmten.

Klingeln. Sein Mobile klingelte. Mitten im Kuss erstarrte sie. Er hatte sofort auf das Klingeln reagiert. Nicht etwa ärgerlich, sondern pflichtbewusst wie sie fand. Und er ließ es nicht klingeln, sondern befreite sich aus der Umarmung und tastete nach dem Telefon. Er antwortete tatsächlich. Sie war fassungslos. „Ja?...... Aha, hmm….. was gibt’s?“ Er hörte zu. Das konnte nur Nachtschwester Ingeborg sein. Sie drehte sich um, zog die Decke an sich und lauschte. „Ja, ist gut, mach ich. Ich hole sie dann ab.“ Vielleicht doch jemand anderes? Er klang sachlich, vielleicht ein Kollege? Aber den würde er nicht siezen. „Aber wo ist sie denn eigentlich? Ballett oder Malschule?“ Klar, sie war’s. Wut flammte in ihr auf. Musste er denn wirklich drangehen? „Okay… Nein, vergesse ich nicht. Bis später.“ Warum beendete er den Anruf nicht? Sie lauschte angespannt. „Ich Dich auch. Ciao.“

Ein echter Schlag in die Fresse, sie hätte kotzen können. Wut kochte in ihr hoch, rauschte lavagleich durchs Gemüt. Entschlossen stand sie auf und ging ins Bad. Sie wickelte den Bademantel ärgerlich um ihren zitternden Körper. Wie sie das hasste. Ich Dich auch, echote es durch ihr Hirn. Verfluchte Kacke, das musste doch nicht sein. Was für ein widerlicher Schleimer. Sie konnte sich kaum beruhigen, schloss die Augen, atmete tief durch und schlug mit der Faust auf den Waschtisch. Sie hätte am liebsten eine der Parfumflaschen in den Spiegel gedonnert. Terror machte sich in ihr breit.

Er wusste genau, was jetzt kommt. Es war ihm rausgerutscht, er hatte nicht wirklich nachgedacht. Aber sie hatte es natürlich gehört und würde sich wie immer daran aufhängen. Würde erst wütend werden, ihn mit irgendeiner verletzenden, kalten Bemerkung angreifen, die eiskalte Rächerin geben und dann wenn er genauso kalt antwortete, würde sie in heulendes Elend ausbrechen. Sie konnte das wirklich gut. Sie war jedes Mal so überzeugend, dass er sich vorkam wie der letzte Esel. Er würde dann tröstend und beruhigend alles zurücknehmen. Daraufhin brach sie in einen Entschuldigungsmarathon aus, weil sie ja überhaupt keine Ansprüche an ihn stellen wolle und ihn ja auch nicht einengen wolle, aber es täte doch so weh zu wissen, dass seine Frau bla bla bla… Wie oft hatten sie das jetzt schon durchexerziert. War es das eigentlich wert. Irgendwo schon, aber nicht schon wieder. Das musste doch mal aufhören. Sie hatte schließlich von Anfang an gewusst, worauf sie sich einließ. Er hatte ihr unverblümt gesagt, dass er nur eine Affaire wollte. Vor sich hin fluchend suchte er seine Sachen zusammen und zog sich an. Diesmal würde er das Spiel nicht mitspielen.

Sie spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Das machte er doch mit Absicht, so gedankenlos konnte man doch gar nicht sein. Klar, er wollte ihr mal wieder zeigen, dass sie nur eine Art Spielzeug war. Wahrscheinlich hatte er Nachtschwester Ingeborg vorher noch gebeten, ihn zu einer bestimmten Zeit anzurufen, das war doch ein abgekartetes Spiel. Dass sie das bisher noch nicht gesehen hatte. Klar, er wollte ihr mal wieder so richtig den Frust reinwürgen. Musste eine Art Machtkomplex sein. Er konnte sie damit ja wunderbar manipulieren. Erst schlagen, dann verbinden. Peiniger und Retter zugleich. Na, das Spiel würde sie ihm austreiben. Sie biss die Zähne aufeinander, holte tief Luft, straffte die Schultern und verließ das Bad.

Als sie ins Schlafzimmer kam, sagte sie: „So, jetzt musst Du mal gehen, der nächste Kunde kommt in einer halben Stunde und ich muss vorher noch das Bett beziehen.“ Sie zitterte ein wenig. Klang aber überzeugend kalt.

Doch die Wohnung war leer. Er war schon gegangen. Sie starrte fassungslos in den Raum, in ihrem Hirn explodierte das Denken. Inferno.
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