Sonntag nachmittag

Draussen setzte die Dämmerung ein. Eine Tasse Kaffee mit beiden Händen umfassend stand sie am Fenster und sah in die aufkommende Dunkelheit hinaus. Die Hände schmerzten, die Wärme der Tasse verstärkte den Schmerz. Sie nahm es als verdiente Strafe hin. In den Hochhäusern gegenüber gingen in einigen Fenstern die Lichter an. Kleine Bühnen, die plötzlich vom Schlaglicht in den Vordergrund gebracht wurden. Lauter kleine Fernseher, die tonlose Alltagsszenen keinem Publikum präsentierten.
Überwiegend häuslich-familiäre Inszenierungen des vermeintlich sonntäglichen Friedens. Familien vor Fernsehern, Menschen in Küchen, das frühe Abendbrot vorbereitend, ein paar einsame Gestalten, die mehr oder weniger trübsinnig das ausgehende Wochenende ertrugen.

Direkt gegenüber eine Familie mit vier Kindern, dort schien das Leben zu Hause zu sein. Ständiger Trubel, zwei der Kinder tobten mal wieder durch das Wohnzimmer, stürzten sich auf den Vater, der sich in gutmütiger Art mit ihnen balgte, während seine Frau kopfschüttelnd den Raum verliess, wahrscheinlich dabei noch einige mahnende Worte an die zur Laokoongruppe gewordenen Raufer richtend, es mit dem wilden Spiel nicht zu übertreiben. Sie sah dieser Familie gern zu, sie hatten etwas unschuldig-heiteres, unbeschwertes, fast schon tröstendes. Möglicherweise war aber auch deren Leben so verkorkst wie ihres. Vielleicht konnten die Eltern sich kaum noch ertragen, betrugen sich nur der Kinder wegen heiter und träumten von einem anderen Leben. Einer der Jungen war offensichtlich recht zurückhaltend und ein wenig verschlossen, sie sah ihn oft allein im Kinderzimmer, das er mit einem kleineren Geschwister teilte. Er las viel - wie sie es als Kind auch gerne getan hatte. Sie fragte sich, ob er das Lesen auch als Flucht begriff oder ob es für ihn einfach nur ein liebgewonnener Zeitvertreib war.
Wenn man kein eigenes Leben hatte, war es überaus spannend sich den Kopf über anderer Leute Denken und Tun zu zerbrechen. Bitterkeit und Einsamkeit färbten ihren Blick und legten sich auf ihre Empfindungen wie ein schlechter Geschmack. Nach und nach wurden mehr und mehr Fenster erleuchtet, die einzelnen Szenen traten in den Hintergrund, ein Mosaik aus lebenden Bildern. Mehr oder weniger lebenden Bildern, denn die meisten dort dargestellten Leben schienen von Gleichförmigkeit und Routine bestimmt und es kam ihr vor, als würde das Leben daran ersticken. Das Leben ruht in aller Herzen wie in Särgen. Sie hatte sich das Gedicht auf den Spiegel geschrieben. Sie schrieb sich oft selbst Botschaften auf den Spiegel. Eine Angewohnheit, die die wenigen Besucher gründlich irritierte, da sie normalerweise eher drastische Selbstbeschimpfungen enthielten. Als er das zum ersten Mal gesehen hatte, kommentierte er den am Spiegel prangenden Spruch „Du bist so hässlich, Du Monster!!“ mit einem ironischen „Na, hast Du unerwünschte Mitbewohner?“ und sie war sich ungeheuer albern vorgekommen. Danach hatte sie nur noch Gedichte an den Spiegel geschrieben, was er kommentarlos zur Kenntnis genommen hatte.

Der gestrige Abend drängte sich wieder in ihr Bewusstsein. Erneut stieg Wut über ihre eigene Dummheit auf, eine Wut, die sich wie eine Harpune in ihrem Gemüt verhakte und regelmässig neue Wutimpulse aussandte. Sie wollte nicht daran denken.
Draussen war nun ganz dunkel geworden, fast alle Fenster waren erleuchtet, die ersten Vorhänge schlossen sich und weitere Stücke wurden als Privatissime gegeben. Was sollte sie mit diesem leeren Abend anfangen? Sie dachte darüber nach, ihn anzurufen. Eine Entschuldigung wäre vielleicht angebracht. Aber dann müsste sie am Ende erklären, was eigentlich los gewesen war. Noch schlimmer wäre es, wenn er vorschlüge, sich zu treffen. Wenn er ihre Hände und Arme sähe, gäbe es nur eine weitere inquisitorische Befragung. Das wollte sie auf keinen Fall.
Es war schon schwer genug, sich morgen für die Kollegen eine neue Ausrede einfallen zu lassen. Die hielten sie schon für den Grobmotoriker des Jahres, weil sie permanent von häuslichen Pannen und kleinen Unfällen heimgesucht wurde. Eine Kollegin hatte sie zur Seite genommen und besorgt gefragt, ob sie misshandelt würde. Sie hatte natürlich nicht direkt gefragt, sondern vorausgeschickt, dass sie solche Verletzungen mal bei einer Freundin gesehen habe, von der sie später erfuhr, dass ihr Mann sie geschlagen hatte. Sie war verblüfft gewesen, hatte lachend geantwortet, dass sie ja keinen Mann habe und hatte was von Bindegewebeschwäche und einem schlechten Immunsystem gefasselt, weil sie wusste, dass die Kollegin sich sehr für Immunsysteme und deren Stärkung interessierte. Erwartungsgemäß hatte sich das Gespräch auf die letzten Erkenntnisse zu Echninacea verlagert.
Irgendwie musste sie diesen Abend hinter sich bringen. Hunger nagte an ihr, aber sie wollte nichts essen. Sie wollte gar nichts mehr, vor allem nichts mehr fühlen oder denken. Da half nur noch Ablenkung durch Aktionismus, also würde sie den Abend putzend als häusliches Heimchen verbringen und hoffen, dass die äussere Ordnung ein wenig das innere Chaos betäuben würde.
Eins von vielen Ritualen, das so etwas wie Halt vermitteln sollte.
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