Samstag – später Abend

Dann kam die Wut. Nicht völlig unerwartet, aber doch so heftig, dass sie selbst überrascht war. Was hatte sie sich denn da für eine Vorstellung geliefert. Viel blöder hätte sie sich ja wohl nicht anstellen können. Sie war doch einfach blöd. Er war doch wirklich nett gewesen, aber sie war so überzeugt gewesen, dass er sie einmal mehr verstetzen würde, dass sie im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung alle Zeichen auf Kollisionskurs gestellt hatte. Nun wäre es ja kein Wunder mehr, wenn er sich abwendete. Sie war ja selbst schuld. Nicht in der Lage, das, was sie eigentlich fühlte, auch zum Ausdruck zu bringen, statt dessen hatte sie eine Rolle gespielt, die in ihrer Stupidität wohl kaum noch zu übertreffen war. „Dummes Fressen“, die körperlose Stimme des Peinigers, die sich so fest in ihrem Hirn verwurzelt hatte, lachte hämisch und wiederholte die üble Beschimpfung immer wieder. Ja, sie war ein dummes Fressen und hatte es verdient, dass er sich nun abwandte. Aber er hatte doch recht liebevoll geklungen, vielleicht würde er, beunruhigt durch ihre offensichtliche Verletzlichkeit, von Sorge getrieben, doch noch einfach vorbeikommen. Aber dann konnte sie sich ihm so nicht präsentieren. Aufrüschen war natürlich nicht drin, das würde merkwüdig anmuten. Sie, die ja solche Kopfschmerzen vorgegeben hatte, konnte ja nicht in perfektem Outfit die Türe öffnen, wenn er käme. Wenn er denn käme. Was für eine Folter würden die nächsten Stunden nun werden, wie lange sollte sie damit rechnen, dass er vielleicht doch noch spontan vorbeikam. Ach, es war eine furchtbar verfahrene Situation. Sie schaute zum Fenster, ihr Spiegelbild sagte ihr, dass sie bestenfalls zur Besetzung einer Horrorrolle in der Geisterbahn zu gebrauchen war. Sie war wirklich ein Bild des Schreckens und des Jammers. Und warum? Nur weil sie sich nicht von dem Gedanken der Zurückweisung befreien konnte. Sie hatte sich so sehr in diesen Gedanken verrannt, dass sie alles dafür getan hatte, dass es auch so kam. Sie konnte ihn ja noch nicht einmal dafür verurteilen, sie würde ja auch mit Abwehr reagieren, wenn ihr jemand so begegnete. Eine Welle der Wut spüllte durch ihr Gehirn, trug alle Gedanken hinfort. Im Strudel der Wut kamen Gefühle der Angst, des Hasses, des sehr kalten Hasses und eine Ahnung von Verzweiflung auf. Die Gefühle durchtränkten ihr Gehirn wie einen durstigen Schwamm. Sie wusste kaum, wie sie diese Welle der unteschiedlichsten Gefühlsregungen ertragen sollte. „Bödes Fressen“ echote es durch ihr Denken, sie war wirklich unerträglich und es war zu erwarten, dass sich niemand freiwillig dieser Unsäglichkeit ihres Seins annehmen oder sie zu ertragen versuchen würde. Sie war das Letzte. Wie konnte sie diesen Gedanken verdrängen? Hastig und ohne Genuß rauchte sie einige Zigaretten, öffnete eine Flasche Wein – denn hätte sie jetzt mit ihm zusammen trinken können, wäre sie nicht so unendlich dämlich. Das erste Glas kippte sie viel zu schnell hinunter. Aber egal, sie hatte Kopfschmerzen vorgetäuscht, nun konnte sie auch welche bekommen. Das wäre mehr als gerecht. Sie zündete die nächste Zigarette an. Beobachtete die Glut und dachte an die Erlösung durch den Gegenschmerz. Nein, das wollte sie nicht. Das würde nicht wirklich helfen, aber... Ja, immer dieses Aber. Der Peiniger schickte ihr böse Gedanken, das war seine Stunde und er nutzte sie. Wie sollte sie ihn zum Schweigen bringen, wenn nicht so? Dann hörte sie plötzlich Schritte im Treppenhaus. War das er? Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Panik, Hektik und eine ungeheure Spannung bauten sich in ihr auf. Die Schritte hielten an, scheinbar direkt vor ihrer Tür. Sollte sie öffnen, wenn es nun klingelte. Schlüsselklirren. Nein, er hatte keinen Schlüssel, er konnte es nicht sein. Die Welt verabschiedete sich beinahe, sie war nur noch Gehör. Anspannung bis in die letzte Faser ihres Bewußtseins. Stille. Qual ohne Ende. Kein Geräusch. Dann Schritte, die ihren Weg die Treppe hinauf suchten. An ihrer Tür vorbei. Er war es nicht. Wie auch? Sie war ja wirklich nicht wert, dass man nach ihr sah. Was hatte sie sich eigentlich eingebildet? „Blödes Fressen“, sie musste die Stimme des Peinigers zum Schweigen bringen, ihn betäuben. Noch ein Glas Wein, aber das reichte natürlich nicht. Blick auf die Zigarettenglut. Nein, das nicht. Ihre Hand umschlang das zarte Weinglas immer fester. Würde es brechen. Sie drückte fest zu. Fester. Dann das Gefühl des splitterndenden Glases in ihrer Hand. Sie spürte den Schmerz kaum, drückte fester zu. Das war nur der Anfang. Sie hatte es nicht besser verdient.
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