LebensWut V
Irgendwann in der Nacht kam sie wieder zu sich, fröstelnd zog sie sich aus, um ins Bett zu gehen. Hoffentlich schlief sie bald wieder ein. Aber der Hunger meldete sich wieder mit leichten Stichen in den Eingeweiden. Wenn sie jetzt nichts äße, würde sie gar nicht mehr schlafen. Aber dafür würde die Waage dann sicher wieder ein paar Gramm weniger anzeigen. Nur wäre sie dann morgen früh völlig gerädert und würde im Job wieder durchhängen. Das konnte sie sich nicht leisten. Erst einmal eine Zigarette, vielleicht verginge der Hunger. Wenn es nur nicht so kalt gewesen wäre. Rastlosigkeit machte sich in ihr breit. Sie war so müde, aber das Herz schlug viel zu schnell. Der Versuch, sich durch im Geiste evozierte Bilder zu beruhigen wurde von spitzen Gedanken torpediert. Nein, die Unruhe würde sich nicht vertreiben lassen. Sie war schon so lange da und wurde mit jeder durchwachten Nacht nur stärker. Weglaufen wäre schön. Allem entfliehen. Allein wohin? Mein verirrtes Aug’ streckt sich zur Sonne hin… Nein, das klang falsch. Wie hieß es richtig? Gänsehaut, eiskalte Finger. Der Kreislauf schwächelte vor sich hin. Was tun, um ein wenig Wärme zu spüren? Einsamkeitsgefühle überschwemmten sie, aber auch wenn der scharfe Schmerz des Alleinseins in ihr wütete, die Angst vor Nähe was tausendmal stärker. Wenn jemand ihr zu nahe käme, würde er all die ekligen Details erfahren, das war einfach unmöglich. Ein so unerhörter Gedanke musste schon im Entstehen erstickt werden. Unendliche Scham machte jede über das rein körperliche hinausgehende Nähe unmöglich. Deshalb hatte sie ein Leben als Zweitfrau begonnen. Anfangs dachte sie noch, dass sie einfach ein schlechtes Händchen hätte, aber so nach und nach war ihr klar geworden, dass sie es darauf angelegt hatte, sich nur mit gebundenen Männern einzulassen. Es war soviel sicherer, keine Gefahr, dass die Kerle ihr zu sehr auf die Bude rückten. Der intensive Rausch der heimlichen Treffs, die mühsam gestohlenen Stunden waren ein sicheres Terrain. Man kostete die kurze Zeit aus, berauschte sich aneinander, fühlte sich wie frisch verliebt und empfand sich als köstlich tragische Figur. Die alten Königskinderlieder schwangen leise im Raum. (...)
Sie konnte sich nicht in romantische Phantasien flüchten, denn Romantik war eine schale Lüge für arme Tröpfe, die es nicht besser wussten. Sie war nüchtern, rational, glaubte nicht an die große Liebe. Alles Konstrukte, die geschaffen wurden, um die alles beherrschende Sinnlosigkeit zu mildern. Romantische Spinnereien, die wie Opium vom Schmerz genannt Leben ablenken sollten. Nicht mit ihr. Der Schmerz war immer noch besser als das dumpfe Sein. Mit dem Schlafen würde das wohl heute Nacht nichts mehr. Sie holte sich ein neues Glas Wein. Zappte sich durch das Fernsehprogramm. Talkshows ohne Ende, was trieb Menschen in diese Shows, die nur darauf ausgelegt waren, dass sich arme Toren vor der Fernsehnation zum Hanswurst machten? Unerträglich, wie da unreflektiert polemisiert wurde. Die verantwortlichen Programmdirektoren sollte man in Einzelhaft stecken, wo sie dann 24 Stunden am Tag nur ihre eigenen Shows ansehen mussten. Sieben Tage die Woche, solange bis sie endlich den letzten Rest ihres kleinen Verstandes verlieren würden. Dann könnte man sie in die Shows der anderen karren und da dem gröhlenden Publikum zum Fraß vorwerfen. Sie verachtete all diese Menschen. Aber sie war ja nicht besser. Sie war auch ein armer Tropf, hatte nur das Pech, sich dessen allzu bewusst zu sein. Kein tröstender Gedanke weit und breit. Wut schlug langsam in Hass um. Sie konnte sich nicht ausstehen. Sie war eklig, hässlich, kalt, unfähig, brachte das Licht im Raum dazu, sich in ein dunkles Grau zu verwandeln. Die Frau, die selbst die Sonne verdunkelt. Sie hatte geträumt, dass sie einer Freundin bei der Geburt des ersten Kindes zur Seite stehen wollte, was sie tatsächlich vorgehabt hatte. Kurz vor der Entbindung hatte sie jemand in einem Traum des Raumes verwiesen: “Dies ist die Frau, die selbst die Sonne verdunkelt. Sie darf nicht bleiben, dem Kind wird sonst etwas zustoßen”. Sie war also gegangen. Der Traum und dieser Satz hallten in ihr nach. Immer wieder. Es hatte sich nichts geändert. Trotz unzähliger Bemühungen hatte sie es nicht geschafft, etwas mehr als nur ein sehr trübes, flackerndes Licht ins das Dunkel ihrer Seele zu bringen. Erschreckt stellte sie fest, dass es schon fast fünf Uhr war. Definitiv kein Schlaf diese Nacht. Was aber tun mit der leeren Zeit? Sie war müde, bis zum Aufstehen waren es noch fast zwei Stunden. Irgendwie würde die Zeit vergehen. An irgendeiner Serie würde sie hängen bleiben und dem schwachsinnigen Plot folgen, bis der Wecker der Nacht Absolution erteilte.
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Sie konnte sich nicht in romantische Phantasien flüchten, denn Romantik war eine schale Lüge für arme Tröpfe, die es nicht besser wussten. Sie war nüchtern, rational, glaubte nicht an die große Liebe. Alles Konstrukte, die geschaffen wurden, um die alles beherrschende Sinnlosigkeit zu mildern. Romantische Spinnereien, die wie Opium vom Schmerz genannt Leben ablenken sollten. Nicht mit ihr. Der Schmerz war immer noch besser als das dumpfe Sein. Mit dem Schlafen würde das wohl heute Nacht nichts mehr. Sie holte sich ein neues Glas Wein. Zappte sich durch das Fernsehprogramm. Talkshows ohne Ende, was trieb Menschen in diese Shows, die nur darauf ausgelegt waren, dass sich arme Toren vor der Fernsehnation zum Hanswurst machten? Unerträglich, wie da unreflektiert polemisiert wurde. Die verantwortlichen Programmdirektoren sollte man in Einzelhaft stecken, wo sie dann 24 Stunden am Tag nur ihre eigenen Shows ansehen mussten. Sieben Tage die Woche, solange bis sie endlich den letzten Rest ihres kleinen Verstandes verlieren würden. Dann könnte man sie in die Shows der anderen karren und da dem gröhlenden Publikum zum Fraß vorwerfen. Sie verachtete all diese Menschen. Aber sie war ja nicht besser. Sie war auch ein armer Tropf, hatte nur das Pech, sich dessen allzu bewusst zu sein. Kein tröstender Gedanke weit und breit. Wut schlug langsam in Hass um. Sie konnte sich nicht ausstehen. Sie war eklig, hässlich, kalt, unfähig, brachte das Licht im Raum dazu, sich in ein dunkles Grau zu verwandeln. Die Frau, die selbst die Sonne verdunkelt. Sie hatte geträumt, dass sie einer Freundin bei der Geburt des ersten Kindes zur Seite stehen wollte, was sie tatsächlich vorgehabt hatte. Kurz vor der Entbindung hatte sie jemand in einem Traum des Raumes verwiesen: “Dies ist die Frau, die selbst die Sonne verdunkelt. Sie darf nicht bleiben, dem Kind wird sonst etwas zustoßen”. Sie war also gegangen. Der Traum und dieser Satz hallten in ihr nach. Immer wieder. Es hatte sich nichts geändert. Trotz unzähliger Bemühungen hatte sie es nicht geschafft, etwas mehr als nur ein sehr trübes, flackerndes Licht ins das Dunkel ihrer Seele zu bringen. Erschreckt stellte sie fest, dass es schon fast fünf Uhr war. Definitiv kein Schlaf diese Nacht. Was aber tun mit der leeren Zeit? Sie war müde, bis zum Aufstehen waren es noch fast zwei Stunden. Irgendwie würde die Zeit vergehen. An irgendeiner Serie würde sie hängen bleiben und dem schwachsinnigen Plot folgen, bis der Wecker der Nacht Absolution erteilte.
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