LebensWut VII
Irgendwie war es Nachmittag geworden. Die Halbtagskräfte verließen das Büro, es wurde ruhiger. Theoretisch hätte sie nun ihre Stille Stunde haben sollen. Ein weiterer vergeblicher Versuch, das Chaos des Alltags zu reglementieren. Vermeintlich gute Ideen, die einem auf irgendwelchen Schulungen oktroyiert wurden, um effektiver zu sein. Prioritäten vergeben, stille Stunde, Pareto und all der ganze Zeitmanagement-Blödsinn, von dem ein ganzer Dienstleistungssektor lebte. Wie viele dieser Zeitmanagement-Gurus hielten sich wohl an ihre eigene Doktrin? Es war doch geradezu eine Auszeichnung, keine Zeit, aber viel Stress zu haben. Wieder eine völlig schwachsinnige Selbstüberhöhung. Ich habe keine Zeit, ergo: ich bin wichtig. Sie hatte immer mehr Zeit als ihr lieb war. Viel zu viel Zeit, die leer blieb und sie immer wieder auf die Tatsache der absoluten Sinnlosigkeit zurückwarf. Plötzlich meldete sich nagender Hunger in ihren Eingeweiden. Sie versuchte, tagsüber nichts zu essen. Das war nicht immer einfach, weil eine der Kolleginnen immer wieder Kuchen mitbrachte und manchmal konnte sie nicht widerstehen. Sie hatte das mal besser gekonnt. Damals war sie konsequent gewesen und hatte so ein Gewicht von 44 kg und weniger geschafft und darauf war sie wirklich stolz gewesen. Eitler Fatz, der sie war. Aber dann hatte sie sich auf eine Therapie eingelassen. Gezwungenermaßen eigentlich, weil der Arzt meinte, sie sei zu dünn. Wie konnte man überhaupt zu dünn sein? Sie war aber eine gute und folgsame Patientin gewesen, hatte alle Trainings absolviert, das Essen wieder begonnen, sogar vernünftig gegessen, ihr Verhalten geändert und doch hatte sie sich mit jedem Kilo, das sie zunahm noch mehr gehasst.Die Therapie hatte ihr beigebracht, normal zu essen, sich den Normen anzupassen, nicht aber wie sie sich selbst ertragen oder gar mögen konnte. Irgendwann hatte sie dann ein Gewicht von 60 kg erreicht und fühlte sich die sprichwörtlichen zwei Öltanks. So hatte sie begonnen, systematisch jede Nahrung wieder herauszuwürgen. So ziemlich jeden Abend aß sie bis zum Platzen und reiherte sich dann die Seele aus dem Leib, bis der Hals wund war und das Denken in saurem Ekel ertrank. Sie hatte ihre Technik verfeinert, wusste welche Dinge in welcher Reihenfolge gegessen werden mussten, um ein effektives und vollständiges Erbrechen zu ermöglichen. Manchmal fühlte sich dadurch stark und autark. Sie bestimmte über ihren Körper. Sie gab sich dem Genuss der Völlerei hin, fraß und stopfte sich all die verbotenen Köstlichkeiten in den Mund. Es tat so gut, so grenzenlos zu fressen, sich einfach der Nahrung zu ergeben und trotzdem die Oberhand nicht zu verlieren. Nach dem geschmacklichen und hochkalorischen Exzess bestimmte die Ratio, dass die Nahrung den eigentlichen Zweck des Genießens erfüllt hatten, nicht aber der Ernährung dienen sollten. Also musste alles raus. Alle. Restlos. Es kostete Kraft, Energie, es erleichterte, es schmerzte. Es hatte etwas rauschhaftes und ungeheuer heftiges. Es war kein Einerlei-Gefühl. Es tat weh. Das hatte sie verdient.
Sie ahnte, dass sie nun nicht mehr so lange arbeiten würde, denn der Gedanke ans Essen bekam langsam eine sehr drängende Gestalt und sie dachte bereits darüber nach, was sie wo einkaufen würde. Das Wo war durchaus ein Problem. Denn sie kaufte permanent solche Mengen von Nahrung ein, dass sie ständig in der Angst lebe, irgend jemand könne sie mal fragen, wo sie die zehnköpfige Familie, die das alles essen sollte, versteckt halte. Sie hatte ein Netz von Supermärkten um sich herum gezogen und vermied es, im selben Laden mehr als einmal in der Woche einzukaufen. Es war eine logistische Herausforderung, aber auch eine ganz selbstverständliche Schutzmassnahme. Niemand sollte es wissen. Alle hätten sich unweigerlich mit Ekel abgewandt. Das größere Problem stellte eigentlich der finanzielle Aspekt dar. Sie fraß so viel, dass sie meistens bei Billig-Discountern einkaufen musste, damit sie einigermaßen hinkam. Das war ein wenig eklig, denn sie mochte den Billigfraß nicht wirklich.
Aber sie verfraß schon so ein Wahnsinnsgeld und mehr war einfach nicht drin. Wo würde sie also heute einkaufen? Der Billigheimer wäre wohl wieder mal dran, aber das war schon ziemlich fies. Etwas Besseres wollte sie eigentlich schon. Also würde sie wohl noch eine Kieinigkeit beim Bäcker holen. Ein machbarer Kompromiss. Sie merkte wie die Unruhe in ihr größer wurde, sie wollte jetzt essen. Aber noch hatte sie so zu tun. Sie malte sich aus, was sie essen würde, stellte sich vor, wie sie russischen Zupfkuchen äße und in Vanillequark schwelgte. Und obwohl sie alle diese herrlichen Dinge aß, würde sie weiter abnehmen. Sie musste jetzt noch etwas tun. In einer dreiviertel Stunde konnte sie das Nötigste geschafft haben. Sie musste sich endlich mal zusammenreisen und sich allein auf die Arbeit konzentrieren. Auf, auf, ihr fleißigen Hände. Wieselflink hetzten ihre Finger über die Tastatur und für einen Moment gab es nur noch die dingliche Welt und dabei empfand sie so etwas wie Erleichterung.
toxea - 15. Januar 2007, 09:36
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Sid (anonym) - Mo Jan 15, 12:54
Schade und fast aussichtslos, wenn die Therapie die Akzeptanz des Ichs nicht mit einschließt.
Dafür hör ich bei meiner Ganzheizmedizinerin mehrfach, was ich mir nicht alles vorm Spiegel sagen soll. Und dabei kann ich mit mir (nur nicht mit der Wut) - irgendwann (sollte ich das alles befolgen) ende ich wohl als Narziß. Wenn das keine Aussichten sind.
Dafür hör ich bei meiner Ganzheizmedizinerin mehrfach, was ich mir nicht alles vorm Spiegel sagen soll. Und dabei kann ich mit mir (nur nicht mit der Wut) - irgendwann (sollte ich das alles befolgen) ende ich wohl als Narziß. Wenn das keine Aussichten sind.
toxea - Mo Jan 15, 14:07
ich
vermute mal, dass das Leben als Narziß gar nicht unangenehm ist. Aber sich selbst auch mal ein paar nette Dinge zu sagen, ist sicherlich keine schlechte Übung (wahrscheinlich wird es dann auch leichter, anderen Anerkennung auszusprechen, denk ich gerade so bei mir... ), nur hilft das im Umgang mit aufbrausender Wut wohl weniger....






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