LebensWut VIII
Nachmittags würde sie also die nächste Stunde haben. Das hieß, sie musste früher aus dem Büro weg, aber das war eigentlich kein Problem. Der gestrige Abend war nach dem üblichen Muster verlaufen. Sie hatte auf dem Heimweg eingekauft, alles bestimmungsgemäß heruntergeschlungen und wieder ausgewürgt. Routine. Wenn nur nicht dieses Gefühl des Schmutzigsein davon übrig bliebe. Eigentlich war sie ganz zufrieden, dass sie in der letzten Zeit schon Gewicht abgebaut hatte, anders ging es kaum. Der Hunger war so groß. Sollte sie das dem Therapeuten erzählen? Schwer zu entscheiden. Als professioneller Helfer dürfte er ja nicht schockiert sein. Das musste ja wohl sein Alltag sein. Aber vielleicht war es doch zu früh dafür. Er würde ihr bestimmt nahe legen, alles daran zu setzen, damit endlich aufzuhören. Das war ja ein gestörtes Verhalten. Und überhaupt. Das geht doch nicht. Wenn sie doch nur mal aufhören könnte, ständig mit den Gedanken abzudriften. Sie war nie ganz bei der Sache. Jedes Ding auf das sie prallte, löste eine Welle von Erinnerungen, Gedanken und Bildern aus, die für sie einen größeren Stellenwert hatten als die reale Welt. Sie erlebte im Geiste Situationen aus der Vergangenheit wieder und wieder oder antizipierte künftige Geschehnisse. Wie jetzt die Therapiestunde. Wer konnte sagen, wie sie verlaufen würde, aber trotzdem spann sie sich die ganze Stunde im Kopf schon aus. Das einzige Gefühl, dass sie immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholte, war der Hunger. Und der bohrte jetzt wieder in ihr. Sie musste etwas essen. Es ging nicht mehr anders. Und sie würde es in sich behalten müssen, denn im Job zu kotzen, war absolut tabu. Diese beiden Welten mussten streng getrennt werden.Sie machte sich auf die Suche nach etwas essbarem. Sie hatte nie etwas dabei, aber vielleicht hatte ja ein Kollege ein paar Kekse mitgebracht. Meistens fand sie eine Kleinigkeit. Auf dem Weg in die Teeküche begegnete ihr der Wissenschaftler und wollte ihr ein Gespräch aufdrängen. Seitdem sie irgendwann nach dem Erlöschen der ersten Begeisterung die rosa Brille für diesen Typ endgültig abgelegt hatte, fand sie ihn nur noch nervig. Aber die Höflichkeit gebot es, dass sie sich den Kollegen widmete und im Rahmen der gesellschaftlichen Norm den Kollegen entsprechende Aufmerksamkeit zollte. Der Wissenschaftler erzählte von einem Theaterstück, das er gesehen hatte. Irgendein Kleinkunst-Spektakel. Das war etwas, was sie noch nie wirklich gemocht hatte. Es stellte sich heraus, dass es sich um eine Art Gaukelei gehandelt hatte. Nach Mittelalter-Märkten eine der größten Plagen der modernen Menschheit wie sie fand. Aber eigentlich war sie ganz froh, dass sie mit jemandem reden konnte. Lenkte ab. Das Komische war, wie gut sie sich immer im Griff hatte, die meisten Menschen hielten sie für eine nette Frau. Sie dagegen hatte immer wieder Amok-Phantasien und hätte mit großer Begeisterung allerlei Leute auf die Streckbank gelegt und sie bis zu Bewußtlosigkeit maltraitiert. Sie schweifte schon wieder ab. Der Wissenschaftler dozierte über das Befreiende im derben Klamauk und sie heuchelte ein wenig Zustimmung und Interesse. Dann kam eine Kollegin dazu, Frau Seisogut, die sich dem Wissenschaftler an die Lippen hängte, was er natürlich außerordentlich gerne hatte und schon waren die beiden im Gespräch vertieft. “Sei so gut und gib mir was von Deinem Kaffee, Wissenschaftler, ” sie konnte sich diesen kleinen Seitenhieb für Frau Seisogut nicht verkneifen. Diese Frau war die volle Panne. Unerträglich. Frau Seisogut lachte laut, warf den Kopf nach hinten und legte dem Wissenschaftler neckisch die Hand auf den Oberarm. Es wurde Zeit zu fliehen. Dieses zuckersüße Getue war nicht zu ertragen.
toxea - 15. Jan 2007, 17:13







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