LebensWut IX
Auf dem Weg zur nächsten Sitzung. Was sollte sie da erzählen? Sie hatte sich zwar alles in Gedanken zurecht gelegt, aber vielleicht sollte sie anders vorgehen. Gab es irgendeine Strategie, die sie verfolgen sollte? Aber wie sollte es eine Strategie geben, wenn sie noch nicht einmal wusste, was sie eigentlich erreichen wollte. Der Therapeut begrüßte sie mit einem warmen Händedruck, bat sie Platz zu nehmen, griff sein Schreibtablett, wandte sich ihr zu und sah sie auffordernd an. Er sagte nichts. Überließ es ihr, die Stunde wie auch immer zu eröffnen. Sie hatte keine Ahnung, was sie sagen sollte. Reichte ihr nicht mit einem offenen “Wie geht es Ihnen heute, Frau Patientin” die Hand, um die riesige Kluft zwischen ihr und ihm, der so nah und zugleich unerreichbar, war, zu überbrücken helfen. Er saß da vor seiner Bücherwand, hätte genauso gut dahinter sitzen können, es machte keinen Unterschied. Kunstbände, Psychologisches in allen Preisklassen, vom allgemeinen Ratgeber über Klassiker bis hin zu etwas abstruser englischsprachiger Betroffenenliteratur. Sehr beeindruckend. Wohlgeformtes Chaos, das wohl ausdrücken sollte, dass er die Bücher auch las, mit ihnen lebte. Schön, schön, aber das half ihr auch nicht. Sollte sie ihm von den Fressanfällen erzählen? Sie schämte sich dafür und war nicht sicher, ob das schon dran sein sollte. Aber es kam ihr nichts in den Sinn, leer, alles leer. Weg. Und wenn man es anders betonte, wurde es ein Weg, aber der führte nirgendwo hin. Er schlug die Beine über einander. Verschließende Geste, sollte sie sagen: Es ist ihre Zeit, die wir hier verschenken? Ihre Zeit, Zeit hatte sie genug. Und auch wieder nicht. Sie betrachtete ihre Hände, sah die unzähligen Verletzungen. Sie blickte auf, und sah, dass sein Blick auch auf ihren Händen ruhte. Ertappt. Wobei eigentlich? Sag doch endlich was. Wer hatte das jetzt zu wem gesagt?“Tja, in den letzten Tagen ging es mir nicht so richtig gut”. Beifall für das Understatement der Woche. Offener Blick auf der anderen Seite, eine leise angedeutet Zucken mit der Augenbraue, das wohl signalisieren sollte, dass er ganz Ohr ist. Wenn es gegangen wäre, hätte er wohl die Ohren gespitzt, um im Bild zu bleiben. Der Satz war vor ihr auf den dicken Teppich gefallen, wo er jetzt sein Leben aushauchte und sich in eine amorphe Masse verwandelte. Die amorphe Masse rappelte sich auf und krabbelte über den Teppich zum Schreibtisch, kletterte an ihm hoch, schenkte ihr eine Kusshand und stürzte sich kopfüber in den Papierkorb.
toxea - 16. Jan 2007, 08:51







Trackback URL:
http://grenzgang.twoday.net/stories/3189156/modTrackback