LebensWut X
Sie lachte. Erstauntes Aufblicken auf der anderen Seite. Aber ein kurzes Lächeln konnte ihm doch entkommen. Sie lachte wieder. “Und was bringt Sie jetzt zum Lachen, Frau Patientin”. Ein Satz wie ein Peitschenhieb. Irgendwie hatte sie vergessen, dass der Herr Therapeut real war und der Satz traf sie unvermutet. Konnte sie ihm sagen, was gerade passiert war? Ein Test. Aber für wen? Sie schilderte ihm das eben geschehene. Kurze Ratlosigkeit, oder war das eine Täuschung?“Nun, wenn es Sie lachen lässt, ist das doch sehr schön”. Sehr unverbindlich. Was darauf erwidern? “Ja, der große Geist entdeckt auch in der Tragödie noch den Funken Witz”.
“Tragödie, was meinen Sie damit?” Na Klasse, sie hatte ihm da ja eine Steilvorlage geliefert. Erstaunlich, dass er nicht eine Anspielung auf den großen Geist machte, denn implizit hatte sie sich ja wohl als solcher bezeichnet. “Ach, irgendwie komme ich mir ständig vor, als sei ich die tragische Rolle in einem Stück dessen Drehbuch ich nicht kenne und deshalb verpasse ich immer meinen Einsatz.” Schön gesagt, und recht schwammig.“Und warum ist es die tragische Rolle”. Gute Frage, hätte sie auch gefragt.
“Weil ich nie weiß, was ich eigentlich hätte tun sollen und ständig das Gefühl habe, die falsche Entscheidung getroffen zu haben. Weil ich eigentlich in dieses Stück nicht gehöre, aber aus unerfindlichen Gründen immer wieder auf dieser Bühne lande, auf der ich mich wie ein Eindringling fühle. Ich verstehe die Handlung nicht und auch kaum die Worte. Und eigentlich sollte ich gar nicht da sein und weil ich dann auch noch alles falsch mache, wird es immer schlimmer.” “Ein sehr plastisches Bild”, sollte wohl heißen, dass er damit nichts anfangen konnte. Wenn er jetzt nichts Erlösendes sagte, musste sie aufstehen und gehen. “Aber auch ein wenig abstrakt, nennen Sie mir doch mal eine konkrete Situation, in der Sie dieses Grundgefühl haben”. Er wollte ein Beispiel, das war nicht einfach. “Wenn ich im Job bin, habe ich oft das Gefühl, da eigentlich nicht hinzugehören. Ich habe keinen medizinischen oder naturwissenschaftlichen Hintergrund und fühle mich oft als Außenseiter. Ich habe eine Art Manko, das ich ausgleichen muss. Kann ich aber nicht, weil ich immer noch studiere, zumindest auf dem Papier”
“Aber Sie arbeiten dort doch im organisatorischen Bereich, warum also sollten Sie einen medizinischen Hintergrund haben? Glauben Sie, dass ein Mediziner oder Naturwissenschaftler Ihren Job machen könnte?”
“Natürlich, jeder, der ein wenig Organisationstalent hat und strukturiert arbeiten kann, kann diesen Job machen.” Dazu gehörte nichts Besonderes.
“Ein Akademiker wäre sich sicher zu schade für den Job. Ist ja nur eine Assistenzaufgabe.” Aber sie war so eben gerade gut genug dafür. Wieder eine Welle von Selbsthass, der sie überflutete und ihre Gedanken vergiftete. Im Grunde war sie der Depp vom Dienst, den jeder scheuchen durfte. Manchmal fühlte sie sich zu höherem berufen, aber sie hatte ja nichts gelernt, war einfach nur ein dummes Ding, das froh sein musste, dass es über die Runden kam.
“Das klingt, als meinten Sie, Sie sei ihre Arbeit minderwertiger als die der anderen.”
Ach ja, da war ja noch der Therapeut, irgendwie hatte sie ihn schon wieder aus dem Fokus verloren und hatte ihren trüben Gedanken nachgehangen.
“Sicher, ich mache ja nichts Besonderes.” Bitterkeit stieg in ihr auf. Phrasendrescherei. Was machte sie hier eigentlich? Sie hatte überhaupt keine Lust mehr, dieses Spiel weiterzuspielen.
Bitterkeit fraß sich durch ihre Seele und eine Welle gelber Galle spülte durch ihr Hirn. Alles war verklebt und die Synapsen funkten ein verzweifeltes SOS, bevor sie im gelben Schleim ertranken. Der Therapeut hatte weitergeredet und sie hatte kein Wort davon verstanden… Gedankenlos starrte sie ihn an, worauf er mit fragender Miene reagierte.
“Wo sind Sie gerade?”
Ganz weit weg, und doch nicht weit genug. Was sollte sie darauf antworten, sie konnte ihm ja schlecht von ihrem allgemeinen Ekel erzählen. Sie wusste, dass wenn sie jetzt spräche, gelbe Schleimblasen aus ihrem Mund herausträten. Sie würden allmählich den Raum füllen und die Bibliothek sähe dadurch aus wie ihr Hirn. Unzählige Erinnerungen in dicken Kladden und alles mit gelbem Schleim bedeckt, ähnlich aufgeplatzten Innereien. Bitterer Geruch in der Luft, der einen würgen ließ und das Atmen erschwerte. Beißende Dämpfe stiegen auf und vernebelten die Sicht, aber hier gab es ohnehin nichts zu sehen. Wer wollte hier schon hin, aber sie ging immer wieder dorthin zurück. Als könne sie dort etwas finden, dabei wollte sie nur entkommen. Aber es gab kein Entrinnen, der gelbe Schleim war an ihr kleben geblieben. Irgendetwas war passiert.
Der Therapeut stand auf und sagte:
“Dann bis nächste Woche, Frau Patientin”. Hatte sie mit ihm geredet? Hatte er davor was gesagt? Wo waren die letzten Minuten geblieben? Verdattert stand sie auf, reichte ihm die Hand und verließ die Praxis.
toxea - 19. Jan 2007, 08:19







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