Entdeckung

Sie fuhr zu seinem Büro. Es war zwar nicht wirklich wahrscheinlich, dass er noch dort war, aber einen anderen Anhaltspunkt hatte sie ja nicht. Wahrscheinlich wäre er längst zu Hause, bei Frau und Kindern, den perfekten Familienvater gebend. Das konnte sie sich lebhaft vorstellen. Wenn sie doch wenigstens wüsste, wo er wohnte. Aber trotz aller Recherchen war es ihr nicht gelungen, das herauszubekommen. Sie wusste nur, dass er im Westen wohnte, da wo man wohnte, wenn man Geld an den Füßen hatte. Sie hatte überlegt, sich als Lieferantin auszugeben, um so in seiner Firma an die Adresse zu kommen, aber das war ihr dann doch zu peinlich gewesen, wenn er davon Wind bekommen hätte, wäre sie vollkommen unten durch. Die Gedanken überschlugen sich in ihrem Hirn, was würde sie tun, wenn er nicht im Büro wäre? Und was, wenn er es wäre? Das wäre einfacher. Wenn da noch jemand wäre, würde sie einfach hineinstürmen und nach ihm fragen, der Rest würde sich dann schon ergeben. Wahrscheinlich würde sie vor Wut kaum ein Wort herausbekommen oder ihn verfluchen. Sie wusste es nicht, aber erst mal musste sie ihn finden. Und wenn er nicht da wäre? Ja, dann würde sie wahrscheinlich so lange wütend durch die Gegend fahren, bis die Wut in Tränen umschlug und sie frustriert und todtraurig nach Hause fuhr, um sich dann mit einem Glas Wein zu trösten. Dem guten, den sie nur für ihn gekauft hatte. Sie hätte vor Wut ins Lenkrad beissen mögen. Sie war angekommen. Da lag die Firma im Dunkeln. Na ja, was hatte sie auch erwartet. Es musste gegen 11 Uhr sein, so lange arbeitete er dann wohl doch nicht. Sie hielt. Starrte auf das dunkle Firmengebäude. Stieg aus und lief den Zaun entlang, Richtung Eingang. Wozu eigentlich, war doch eh niemand mehr da. Sie ging trotzdem weiter, schaute die Hausfront entlang, sah in die verschwiegenen Fenster, die trotzig dumpf in die Nacht hinausstarten. Die würden ihr nichts verraten. Sie suchte den Hof mit den Augen ab, aber da war nichts zu sehen.

„Na, junge Frau, was haben wir denn vor?“ Sie erschrak fast zu Tode. Verlor für einen Moment das Gleichgewicht und strauchelte während sie sich hektisch zur Stimme drehte. Ein Sicherheitsmann guckte sie zwar verwundert, aber nicht unfreundlich an. „Wen suchen Sie denn hier um diese Zeit“. Kurze Panik, Aussetzen aller Gedanken, was sollte sie bloss sagen? „Äh… ich suche Frau Schröder, die arbeitet hier und ich kann sie nicht erreichen.“ Das klang ja nun nicht gerade sinnvoll, aber immerhin wusste sie, dass seine Sekretärin Schröder hiess. Einmal hatte sie in der Firma angerufen, als er sich wieder mal ewig nicht gemeldet hatte. Er hatte sich damals furchtbar darüber aufgeregt.
„Um diese Zeit? Gute Frau, hier arbeitet um diese Zeit kein Mensch mehr.“
„Ja, ich weiss, aber zu Hause ist sie nicht, und ans Telefon geht sie auch nicht, auch nicht an ihr Handy und da habe ich gedacht, ich gucke mal hier.“
„Na, da kommen sie besser morgen früh wieder. So spät ist hier keiner mehr. Höchstens der Chef, aber der ist auch schon gegange. Schon vor 3 Stunden. “
„Ja, aber Frau Schröder ist doch seine Assistentin, die arbeitet auch oft lange..“ Wie lahm das klang, als würde sie dem Wachmann die Welt erklären wollen.
„Ach, die meinen Sie? DIE Frau Schröder, na, da kann ich sie beruhigen. Die hat mit dem Chef zusammen die Firma verlassen. Da machen sie sich mal keine Sorgen.“ Der Wachmann, schon deutlich über sechzig, schaute sie leutselig an und versuchte ein freundlich-aufmunterndes Lächeln.
„Oh, das ist gut. Sind die beiden denn zusammen weggefahren?“ Ihr Herz schlug bis zum Hals, sollte er tatsächlich eine Affaire mit seiner Sekretärin haben?
Der Wachmann guckte sie verdutzt an. „Nein, er ist mit seinem Wagen weggefahren und sie mit ihrem. Warum wollen Sie das denn wissen?“ Er musterte sie mit leicht fragendem Blick.
„Vielleicht weiss er ja, wo sie ist. Ich weiss nicht mehr, wo ich noch suchen soll. Am Ende ist ihr was passiert.“ Am Ende lag sie jetzt mit ihm in den Federn, eine Horrorvorstellung. Sie schenkte dem Wachmann ein hilfloses Lächeln.
„So schlimm wird’s schon nicht sein. Vielleicht ist sie mit Freunden unterwegs und die Batterie vom Handy ist leer. So was passiert.“ Es war ja freundlich von ihm, dass er sie beruhigen wollte, doch wie konnte sie jetzt nach seiner Adresse fragen? „Vielleicht können Sie mir ja seine Telefonnummer geben? Ich möchte seine Familie ja nicht gern so spät stören, aber ich mache mir echte Sorgen um meine Cousine.“
„Ihre Cousine ist das? Hmm, na um die Familie vom Chef müssen sie sich keine Gedanken machen, der hat keine, der lebt allein. Aber stören möchte’ ich ihn um diese Zeit trotzdem nicht…“.

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