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Papa Kauz

"Der hat keine, der lebt allein…" Keine Familie. Die Worte des Wachmannes echoten durch ihren Kopf, wie betäubt drehte sie sich um und lief davon.
"Junge Frau, was ist denn? Kann ich was für Sie tun", rief der alte Mann hinter ihr her, aber sie reagierte nicht. Wut und Verzweiflung schlugen in Wellen über ihr zusammen. Was sollte das? Wieso erzählte er in epischer Breite von seiner Frau und den Problemen mit ihr, hatte aber gar keine. Das konnte doch alles nicht sein. Der alte Mann war verwirrt. Das war es. Er hat sich geirrt. Nein, so alt war der gar nicht, außerdem machte er einen ganz klaren und nüchternen Eindruck. Er müsste es doch wissen, wenn es eine Frau gäbe. Sie verstand es einfach nicht. Wie konnte er Spaß daran finden, sie so anzulügen? Hatte er solche Angst, dass sie ihm zu nahe kam? Oder hatte er noch mehr Affairen, von denen keiner etwas wissen sollte? Das musste es sein. Noch eine illegitime Verbindung, eine Frau, mit der er schon lange eine Beziehung hatte, aber die er auch geheim hielt. Aber die Kinder. Wieso auch noch Kinder, die ließen sich doch kaum verheimlichen. Aber konnte er wirklich Kinder erfinden? Das war doch krank.

Plötzlich klopfte es. Sie erschrak fast bis zur Ohnmacht. Sie saß wieder im Auto, ohne wirklich zu wissen, wie sie dahin gekommen war.
An der Fahrertür stand der Wachmann und klopfte ans Fenster: "Hallo, fehlt Ihnen was? Sie sehen aber gar nicht gut aus. Kommen Sie mal mit zu mir ins Büro, da mache ich Ihnen erstmal einen Tee." Jetzt nur nicht weinen. Aber genau das wollte sie eigentlich am liebsten. Nur noch weinen, bis sie leer war.
Sie drehte das Fenster runter, versuchte eine Lüge. "Geht schon, machen Sie sich mal keine Sorgen."
"Ne, ne, junge Frau, Sie fahren mir so nicht Auto. Sie sehen aus wie der Tod, so lasse ich sie nicht weg." Schon schossen ihr Tränen in die Augen, die Worte erstickten im Schluchzen. Der Wachmann öffnete die Fahrertür, reichte ihr die Hand und sprach beruhigend auf sie ein, während er das Fenster und den Wagen schloß. Sie stand da wie ein Trottel, unterdrückte mühsam das Weinen und überließ ihm die Regie. Väterlich legte er die Hand auf ihren Arm, führte sie zu seiner Wachstube und bot ihr einen Sessel an. "Setzten Sie sich mal hin, Kindchen. Ich mache erst mal einen guten, starken Tee. Dann kommen Sie erst mal wieder zu sich." Hantierte in der kleinen Küchenzeile und sprach weiterhin harmlos beruhigend vor sich hin.
Sie fühlte sich wie ein Roboter, ohne Gefühle. Außer vielleicht Schmerz, der saß tief in ihrer Brust und wütete, aber so richtig spüren konnte sie sogar das nicht. Ihr Kopf war leer, sie fühlte sich wie eine leere Tonne, auf die jemand permanent mit Hammern einschlug.
Der alte Mann schob ihr einen halbvollen Becher Tee zwischen die Hände: "Nicht, dass Sie sich da noch dran verbrennen, die Wärme soll Ihnen gut tun." Sie nahm den Becher, schaute in die Tasse. Tee mit Milch. Die einzige Art wie sie Tee mochte. Sie war gerührt. Sie ließ die Tränen zu, nippte am Tee und flüsterte ein Danke.
"Ach, da nicht für", der Wachmann setzte sich. "Ich hab' mich ja gar nich' vorgestellt. Karl Fellner ist mein Name, aber alle nennen mich Papa Kauz." Er lächelte auffordernd.
" Oh, wieso denn Papa Kauz?"
"Ach, als ich hier mit der Nachtwache anfing, habe ich eine junge Eule gefunden, die hatte sich den Flügel gebrochen und ich hab' sie aufgepäppelt. Eine Weile hab' ich die Eule nachts mit in den Dienst genommen und so wurde ich zu Papa Kauz. Mir gefällt's. Irgendwie bin ich ja ein alter Kauz. Aber mit wem habe ich denn das Vergnügen?"
"Ach, Entschuldigung. Alexa Wehner."
"Alexa. Schöner Name. Und selten. Darf ich Alexa sagen?" Ein Nicken. "Dann erzählen Sie doch mal, Alexa, was Sie so bedrückt."
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