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Käsebemmen

Sie schaute ihn über den Rand der Teetasse an. Sie konnte ihm doch unmöglich sagen, was los war. Er war schließlich ein Fremder. Ein netter zwar, aber eben vollkommen unbekannt. Sie seufzte. "Ich hatte einfach keinen guten Tag."
"Das kann ich mir vorstellen, aber es muß doch etwas ziemlich schlimmes passiert sein, dass Sie so verzweifelt sind. Warum suchen Sie Ihre Cousine eigentlich?"
Ihre Gedanken kreisten noch immer um Roger und seine vermeintliche Frau."Meine Cousine?"
"Ja, Sie sagten doch, dass Frau Schröder Ihre Cousine sei und dass Sie sie nicht erreichen könnten."
"Ach das", entgegnete sie lahm. Diese Lüge war ihr völlig entfallen. Was sagen? Wie konnte sie jetzt eine glaubhafte Geschichte erfinden? Sie kramte verzweifelt nach den Erinnerungen das abendlichen Dialoges.
"Sie ist gar nicht Ihre Cousine, nicht wahr? Aber wen suchen Sie wirklich? Den Chef?"

Ein Satz wie ein Hammer. Sie erstarrte. War sie so leicht zu durchschauen? Wie peinlich, sie führte sich auf wie ein hysterischer Teenager. Ihr fiel einfach nichts ein, mit den Tränen kämpfend stand sie auf: "Ich habe Sie schon viel zu sehr belästig, Herr Fellner, es tut mir leid. Ich denke, ich werde dann mal gehen." Nur ein leichtes Zittern in der Stimme, aber doch überzeugend gesagt, das musste reichen.
"Papperlapapp" schnob der alte Mann. "Sie belästigen mich gar nicht und ich kann doch sehen, dass es Ihnen nicht gut geht. Hören Sie auf einen alten Kauz und lassen Sie sich sagen, dass die meisten Probleme viel leichter lösbar sind, wenn man mit jemanden darüber spricht, der nichts damit zu tun hat. Bleiben Sie ruhig noch, ich habe die ganze Nacht Zeit, muss nur ab und zu meine Runden drehen."
Sie setzte sich wieder, die Wärme, die der Wachmann ausstrahlte, tat gut. Er hatte etwas reales, unaufgeregtes, dass ihr ertwas Ruhe gab.
"Sie müssen natürlich nichts erzählen, wenn Sie nicht wollen, aber trinken Sie wenigstens noch einen Tee, das beruhigt", fuhr er fort, während er Tee nachschenkte.

Eigentlich hätte sie ihm gerne etwas erzählt, aber es ging immerhin um den "Chef". Roger würde ausflippen, wenn er erfuhr, dass sie mit einem Angestellten über ihn geredet hatte. Sie betrachtete den freundlichen Mann, das schüttere Haare, die etwas trüben, aber wachen Augen und die sehnigen Hände, die ruhig auf dem Tisch lagen. Alte Hände, die warm und kräftig wirkten. Fast wie die ihres Großvaters, bevor sie vom Rheuma verformt worden waren. Eine der Hände in ihrem Blickfeld hob vom Tisch ab, berührte sie leicht am Unterarm, nur ein leichtes, beruhigendes Auflegen der Hand.
"Alexa, machen Sie sich mal keine Sorgen. Wachmänner sind fast wie Priester, sie unterliegen auch der Schweigepflicht". Ein verschmitztes Lächeln und ein Nicken.
Sie musste lächeln. "Na, immerhin ein Lächeln. Das ist doch schon was."
"Sie erinnern mich an meinen Großvater", sagte sie unbedacht. "Oh, ich meine, der wäre natürlich jetzt viel älter."
"Schon klar, aber keine Sorge, ich finde das eher schmeichelnd. Sie können mich auch ruhig Papa Kauz nennen, das ist nicht so steif wie Herr Fellner". Wieder ein aufmunterndes Lächeln.
Ein Lächeln, das wie ein Sonnenstrahl an einem kalten Wintertag auf ihr Gemüt fiel. Sie griff nach der Tasse, nahm einen Schluck und sagte: "Danke. Sie haben mir echt geholfen."
"Keine Ursache. Wollen Sie mir denn nicht vielleicht doch erzählen, was eigentlich passiert ist? Ich kann gut zuhören."

Sie zögerte. Er strahlte Vertrauen aus, ihm könnte man wohl einiges erzählen, aber wieder kam die Besorgnis, was er davon hielte, wenn er es erführe… Aber sie musste ihm ja nicht sagen, dass es um Roger ging. Aber dann würde er sich fragen, warum sie nach Frau Schröder gefragt hatte. Anlügen mochte sie ihn auch nicht. Es würde gut tun, mal mit jemanden wirklich zu reden. Für und Wider überschlugen sich, sie wollte reden und auch wieder nicht. Sie öffnete den Mund, schloß ihn wieder.
"Wissen Sie was, ich mache uns mal ein paar Schnittchen. Sie haben bestimmt noch nichts gegessen. Sind zwar nur Käsebrote, die ich machen kann, aber besser als nichts." Stand auf und fing an, in der Kitchenette herumzuklappern.
"Käsebrote. Mit Emmentaler?", fragte sie, als sie beim Schneiden des Käses beobachtete.
"Natürlich mit Emmentaler, das ist der beste Käse, um die Zunge zu lösen."

Sie lachte. Herzlich und tief aus dem Bauch heraus. Er stimmte ein. Für einen Moment fühlte sie sich wie damals, als ihr Großvater bei gemeinsamen Ausflügen das Proviant verteilte und immer sagte: Hier, iss ´ne Käsebemme, das gibt Kraft.
Sie erzählte Papa Kauz von den Käsebemmen. "Sehen Sie, alte Männer wissen eben einiges." Er schmunzelte.
Sie holte tief Luft, schaute auf den Boden und begann zu erzählen.
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