Spiegelstaub

Man stolperte durch den erstickenddüstren Gang, folgte mühsam den blutigen Spuren im dichten Staubteppich, aus vielen kleinen Schnitten rann leise Blut und der von den Füßen aufgewirbelte Staub brannte in den Wunden.

Die Tränen waren längst erstickt, fielen erst in dicken Tropfen in den Staub des Grauens, der sich vollsog und einem Pilz gleich auf jede Träne mit einer kleinen Explosion antwortete. Jeder Träne folgte eine Staubwolkenexplosion. Die Luft war staubgesättigt und bald hatte sich eine dicke, beissende Straubtränenkruste um die Augen gebildet. Fraß sich unerbittlich ins Gesicht, einem Geschwür gleich, dass sich von außen nach innen verbreiten will.

Fremde Füße gingen im falschen Takt, ein schmerzhaft verzögerter Takt. Man hätte sie sich von den Beinen reißen mögen, hätte man nicht so verzweifelt darum gekämpft, wenigstens noch auf diesen Stümpfen laufen zu können.

Im Spiegelsaal wartete die Folter, die unendliche Qual. Man wusste es nicht, humpelte ihr entgegen, glaubte noch, ein wichtiges Ziel zu erreichen, als sich die Falle schon schloss. Das Antlitz wurde von tausenden von Spiegeln – Zerrspiegeln zumeist - nicht nur reflektiert, sondern mit voller Wucht und von stromschlagenden Blitzen begleitet ins Zentrum geschleudert, in dem man zur Karikatur erstarrt wehrlos dem Bilderhagel ausgesetzt war.

Nach den Tränen erstickte der Schrei, der sich eben noch hallend und ätzend durch den Thorax geboxt hatte. Im tiefsten Innern hatte er Anlauf genommen, sich mit voller Wucht gegen die zarten Rippen geworfen, hatte zwar ein großen Loch in den Körper gerissen, fiel aber im letzten Moment in sich zusammen, verendete kläglich als schleimige Masse im zerfetzten Lungenflügel.

Die Bilder wurden spitzer. Morgensternen gleich zertrümmerten sie das zarte Denken. Andere verwandelten sich in Shuriken, hinterhältig und mit Effet geworfen, rissen sie tiefe Wunden ins Gemüt. Es folgte ein Hagel giftgetränkter Pfeile.

Die Füße waren schwarz geworden. Abgestorben. Totes Gewebe, unbrauchbar.

Das Denken lag in 1000 Splittern im Staub als traulichfreundlich blinkende Funkelwesen. Dekorativ, aber nutzlos. Das Gemüt verquallte sich zur amorphen Eitermasse, die bald vom Tränenstaub mumifiziert wurde.

Die Augen mussten alles mit ansehen, konnten sich den Bildern und ihren Folgen nicht entziehen. Kein Detail blieb ihnen erspart. Man wünschte sich nur noch, die Augen schließen zu dürfen, doch die Lider hatten sie längst entfernt.

Man wartete auf das blicklose Nichts, noch donnerten die Bilder aus den Spiegeln. Erst wenn das gespiegelte Wesen verging, würden die Spiegel blind. Es aber war zur Existenz verurteilt.
logo

GrenzGang

Fiktion und Wirklichkeit

Zuletzt passiert....

Schön, daß...
Sid Faultier - Fr, 00:11
Barfuß V
toxea - Do, 08:07
So still geworden...
Aurisa - Sa, 20:50
Nichts
toxea - Do, 06:37
wow
toxea - Di, 21:16
..unvorstellbar!...
nordenmaedchen - Di, 16:56
Spiegelstaub
toxea - Mo, 18:25

Anybody out there?

website stats

Add to Technorati Favorites Deutsches Blog Verzeichnis bloggerei.de - deutsches Blogverzeichnis Blogverzeichnis Fiction Blogs - BlogCatalog Blog Directory

Woanders gerade passiert:

word!
to01 - Sa, 17:47
word! [Flickr]
to01 - Sa, 17:46
Ja, es tut sich was!
june - Fr, 19:40
Große Momente ......
erphschwester - Fr, 19:19
pulli galore
to01 - Fr, 12:48
Gleich acht davon
kid37 - Fr, 10:26
Gas, Wasser, Sch**ße
mark793 - Fr, 09:46
viel
to01 - Do, 23:23
[helen of troy]
to01 - Do, 20:19

Credits

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur für neue Medien

powered by Antville powered by Helma


Creative Commons License

xml version of this page
xml version of this page (summary)

twoday.net AGB


Blick aus dem Fenster
Der Job
Fein gesponnen
Frei Erfunden...
GedankenSchmerz
Habseligkeiten
KultVerdacht
Leben und so
LebensWut
SchreibWerkStatt
Spielkinds Fundstück
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren