Fein gesponnen

2
Jun
2008

Schattentod

Die Schatten wandeln nicht mehr durch das finstergrüne Denken des im Alltag erstarrten Gehirns, sie haben sich in dunkle Abseiten des Hirns zurückgezogen, frissten ihr klägliches Dasein in unbewusster Agonie, verbrauchen sich im mühsamen Torkeln durch gesperrte Areale eines Verstandes, der sich der Funktion verschrieben hat.

Als die Schatten noch lebendig waren, hatten sie sich an den Träumen satt gefressen, hatten sich im Wünschen eingerichtet und den kleinen Schmerz der Sehnsucht in das Denken gespült. Die Schatten hatten sich vermehrt, hatten sich an den Träumen gemästet, waren gierig geworden, wollten den Tag wie die Nacht beherrschen und überspülten den Verstand mit dem nicht mehr ganz so süßen Gift des unerfüllten Verlangens, das sich im Dunkeln so trefflich vermehrt und die Gefühle in einen treibsandartigen Sumpf verwandelt. Im Sumpf gediehen viele neue Blüten, die betörende Düfte ausströmten, das Wollen evozierten und die ungeheure Sucht nach sinnlichen Erfahrungen aus dem Boden stampften. Da stand die Sucht, bebend vor Verlangen, gewaltig in ihren Ausmaßen, unüberspürbar in ihrem Drängen und hatte den kleinen Körper in haltlosen Rausch treiben wollen, hatte nicht eher nachgelassen, bis alle Fasern dieses zarten, aber kraftvollen Körpers vibrierten und sich in einer großen Explosion verbrauchen wollten. Das Leben pulsierte in jeder Zelle wie ein brandendes Meer bei Sturmflut, das Blut zischte kochender Lava gleich durch die viel zu engen Arterien und alles Atmen ließ die Luft wirbelnd durch die Lungen schießen. Das Sehnen war zum Brand geworden, die Schatten wurden Feuergeister, ach was, Feuerteufel , die das Denken in lodernde Flammen aufgehen ließen. Selten hatten sie sich so lebendig gefühlt.

Ein bebender Körper, angefüllt mit spürbarem Wollen, einem Verlangen, das sich wie eine mächtige Aura um die Erscheinung legte und die Anwesenden in den Bann schlug. Niemand konnte sich der Lebendigkeit dieses Wesens entziehen, die einen waren fasziniert, andere erschreckt und einige verunsichert. Doch viele reagierten mit Ablehnung, Entsetzen, dieses brennende, nach außen gestoßene Leben, dieses verlangende Feuer und die physische Erscheinung eines Lust versprechenden Körpers hatte einfach keinen Platz in der wohlgeordneten Welt des funktionierenden Bürgers. Diese Sinnlichkeit war nachgerade unanständig und man konnte ihm nicht ins Auge sehen, ohne sich in den wildesten Träumen aus der Ursuppe des Lebens wiederzufinden. Man konnte sich ihm einfach nicht entziehen, es war so unschuldig in der so tief empfundenen Sehnsucht nach dem sinnlichen Erdbeben, dass es völlig unverstellt und offen auf die Menschen reagierte. Doch schon das Lachen, diese tiefglucksende, aus dem innersten aufsteigende Lachen, das wie Rinnsal leicht temperierten Öls über das Rückgrat lief, rief eine wohlige Gänsehaut hervor. Man hätte sich in das Lachen legen wollen, hätte ihm folgen und die Quelle des Lachens erobern wollen. Das Strahlen der Augen, der samtige Geruch der Haut, die einfach danach schrie berührt zu werden und das Sehnen in allen Gemütern zur mächtig-nächtlichen Gewalt aufstachelte, waren fast mehr als man ertragen konnte. Man wollte sich diesem Wesen anverwandeln, wollte in ihm versinken, in ihm ertrinken, an ihm verbrennen und wenn es das letzte war, was man tat.

Doch es konnte nicht hingenommen werden. Dieser Körper, der soviel wunschbrennende Lust verströmte, dieser gierige Geist, der sich so ungeniert in ekstatischem Sprühen verbreitete, musste gebändigt werden. Soviel Lebenslust und –gier musste verstörend und abstoßend wirken und das wurde dem Wesen auf schonungslose Art deutlich gemacht. Er lernte, an sich selbst zu leiden und dann hatte man es so weit, dass es selbst um die Erlösung von der fordernden Sinnlichkeit bat. Man heilte es von all seinem Sehnen.

Nein, die Schatten wandeln nicht mehr. Sie ruhen im Stupor in ihren engen Gefängissen und starren müde vor sich hin. Aus den Schattenmündern rinnt gelegentlich ein wenig graues Blut. Wenn es auf den Boden tropft, sieht man ein paar kleine Spritzer, die schnell vertrocknen, aber für einen Moment ist er wieder da, der samtigheiße Duft der Sinnlichkeit und für eine Sekunde ist das Glitzern in den Augen noch zu sehen, bevor das Alltagsgrau das Licht der erstickten Augen bricht.

2
Okt
2007

Rettungen

„Ich saß zwischen zwei Stühlen, durfte nicht gehen und wollte nicht bleiben.“
„Wie meinen Sie das? Warum hätten Sie nicht einfach gehen können.“
„Weil er mir drohte, sich dann umzubringen. Weil er mir immer wieder sagte, dass er ohne mich nicht leben könne, dass er Amok laufen würde, wenn ich ihn verließe.“
„Hm, das ist heftig. Wollen Sie eine Zigarette?“
„Gerne. Ja, es war heftig. Ich wußte wirklich nicht, wie ich damit umgehen sollte. Ich habe es ihm geglaubt, konnte mir wirklich vorstellen, dass er Amok laufen würde. Er konnte so unglaublich aggressiv werden, so sehr, dass er sich wirklich völlig von aller Ratio entfernte.“
„Wie sah das aus?“
„Oh, es fing damit an, dass er mit Dingen um sich warf. Einmal hat er mir eine volle Kaffeekanne entgegengeworfen. Voll mit heißem Kaffee und Kaffeesatz, der mich im Gesicht getroffen hat, als die Kanne an der Wand zerschlug und der Inhalt durch die Gegend spritzte. Das war ihm aber noch nicht genug. Er ging auf mich los. Und drohte, mich in Grund und Boden zu schlagen. Ich hatte echt Angst und habe ihm an den Kopf geworfen, dass das ja eine echte Heldentat sei, eine Frau zu verprügeln. Da ist er weiß vor Wut geworden und hat mit der Faust solange in den Spiegel gehauen, bis der zerbrach. Seine Hand war gebrochen und das blutete stark. Ich hatte alle Mühe, den Arm abzubinden und ihn ins Krankenhaus zu schaffen.“
„Phfff. Das klingt wirklich beängstigend. Aber gab es denn gar keinen Weg, ihm klar zu machen, dass er Hilfe braucht?“
„ER sollte Hilfe annehmen. Ich lach’ mich tot. Er war doch immer der Weltenretter. Er hat mich solange klein gemacht, bis ich ein Häufchen Elend war und er mich „retten“ konnte. Nein, der hätte niemals auch nur den Gedanken an sich herangelassen, dass er womöglich ein Problem hatte. Haben Sie noch eine Zigarette für mich.“
. READ MORE

12
Aug
2007

Rattenmurmeln

Man hatte schon wieder Ratten im Soufflé gefunden. Schon wieder? Ekel quoll ins Denken, der süße Duft der Verwesung bohrte sich in die Nase. Als das Soufflé groß und dampfend serviert wurde, stach man gierig den Löffel hinein und führte ihn schwungvoll zum Mund, wo die Zunge Alarm ins Geschmackszentrum funkte, während sie irritiert die Knochen des Rattenkopfes zu identifizieren versuchte. Reflexhaft spuckte man die unerkannte Nahrung aus. Andere Restaurantbesucher schauten angewidert herüber.
Das Gesicht gegenüber wurde blass und quetschte „Sie benehmen sich unmöglich, das ist doch nur eine Ratte“ zwischen den Zähnen hervor.
Der Kellner rauschte an. „Oh mein Gott, hat es Ihnen etwa nicht gemundet? Ich werde das sofort entfernen.“
Man sah ihn verständnislos an: „Aber das ist eine RATTE!“
„Aber natürlich! Was denn sonst?“
„Im Dessert?“
Fassungslose Blicke. Irritiert erklärte der Kellner: „Dies ist das beste Bestalitätenrestaurant der Stadt. Alle Gerichten werden nur mit ausgesuchten Zutaten hergestellt. Das Soufflé Surprise wird natürlich nur mit Zuchtratten aus kontrollierter Züchtung komponiert.“
Man fragte sich, was noch in den Gerichten enthalten gewesen sein mochte, als Ekel und Brechreiz das Ruder übernahmen. Würgend lief man in Richtung der Toiletten.

Die Speisenmasse formte sich im Magen zu einer harten Faust, READ MORE

2
Dez
2006

Sinnfrei in den Samstagabend

Der dickfellige, aber spindeldürre Affenkönig sitzt aufgeblasen auf dem gusseisernen Deckel einer irdenen Mülltonne, in der nur am 30. Februar Müll zu finden ist, und zieht wutschnaubend den aromatischen Duft langsam dahinwelkender, junger Bambustriebe ein, während auf der anderen, lila gestrichenen Strassenseite ein halbkahler, graublütiger Verkehrspolizist zähnefletschend seinen gläsernen Gummiknüppel verspeist und sich die dröhnenden Autos wie ein wild gewordene Windmühle geschickt in einander verkutzeln lässt, so wie jeden lieblichen Samstagabend in der sonnig-dunstigen Metropole des östlichen Mittelwestens geschieht, wo normalerweise nur besonders prächtige Pinguine den nassen Sand zur Seite schieben, um an die begehrten stinkenden Froscheier, die nur bei 100 Grad im Schatten des lachenden Eifelturms so recht gedeihen, zu gelangen, sofern sie die putzigen Verstecke finden, in die diese aussergewöhnliche Delikatesse von den jodelnden Möwen, die in grauer Vorzeit das Salz in die fernen Meere getragen haben, gelegt wird, wobei es auch solche pflichtvergessenen Möwen gibt, die lieber die rostigen Nägel aus den flüsternden Balken ziehen, obwohl sich die Balken gerne in die glühenden Steppen des verwaisten Einkaufszentrums flüchten würden, um sich die einschläfernde Peep-Show der jungen Hähnchen an der grössten Theke der Sonne anzusehen, doch sie würden ohnehin von den tirillierenden Elefanten, die auf zierlichen Mücken einhergeritten kommen, gestört werden, denn deren mühsame Pflicht ist es, die wilden Mengen von Algen und Wasserflöhen in die ungeheuren Wälder Chinas zu treiben, weil diese dort Froscheier herstellen und Bambus hacken müssen, um so den nächsten sonnigen Samstagabend zu ermöglichen, der ja bekanntlich von der langen Prozession der Foxtrott-tanzenden Palmen und der steinewerfenden Eichhörnchen beendet wird, um sicher gehen zu können, das alle blauen Bohnen von den zirpenden Ameisen beseitigt werden, denn dann erst darf die helle Nacht die traurige Landschaft mit einer feinen, netzartigen Eisschicht überziehen und so den ewig wiederkehrenden, im Chaos geordneten Samstag in den blicklosen Sonntagmorgen verwandeln.

23
Nov
2006

Abendessen mit Hindernissen

Samstag abend, kurz nach sieben. Wir hatten Gäste geladen und die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren, es sollte ein unvergesslicher Abend werden, denn wir wollten unsere Gäste mit erstaunlichen Kreationen aus unserer Küche überraschen. Das war der Plan und es sollte uns gelingen. Und wie.

Stundenlang hatten wir uns der Zubereitung von kleinen Speisen für das Buffet gewidmet, hatten sogenanntes Finger Food und Amuse Geule bereitet, Feinkostsalate und andere Köstlichkeiten hatten wir gezaubert. Nachmittags hatte ich schon das meiste servierfertig dekoriert und aller Platz in der Küche wurde von Platten und Schüsseln beansprucht, die Anrichte bog sich unter der Last der Köstlichkeiten und ein betörender Duft liess einem das Wasser im Munde zusammenlaufen. Da wir aber für die Zubereitung des Sushis noch reichlich Raum brauchten, suchte ich nach einer Möglichkeit, all die Köstlichkeiten kühl zu lagern. Nach kurzem Überlegen entschied ich, dass der Balkon ein gutes Kühlhaus abgäbe und fluggs wanderte alles dorthin.

Also konnte die Sushi-Produktion starten. Leider hatte ich mich mit dem dafür nötigen Zeitbedarf verkalkuliert, was in direktem Zusammenhang mit der mir fehlenden Meisterschaft in der Zubereitung dieser Speise stand, und leichte Hektik trat auf. Erschwerend kam hinzu, dass mir unsere Katzen nicht mehr von der Seite weichen wollten, da sie den köstlichen Duft rohen Fisches wahrgenommen hatten. Zweimal hatten sie schon versucht, mich durch gezielte Achter um meine Knöchel zu Fall zu bringen und es war wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis ich oder der Fisch zu Boden fallen würden. Ich rief eindringlich um Hilfe und mein Freund nahm sich der Katzen an, lockte sie mit etwas Fisch aus der Küche und ich konnte ungehindert weiterarbeiten.

Er war erstaunlich erfolgreich, denn ich hörte noch nicht einmal Protestmiauen. Das wunderte mich ein wenig, denn so groß ist die Wohnung nicht, aber ich hatte anderes zu tun. Das gänzliche Fehlen von Katzenförmigen Fellwesen und den dazu gehörenden, eindringlichen Stimmen, die in sich höher schraubenden Kadenzen um Futter zu betteln pflegten, weckte leises Unwohlsein in mir. Ich fragte, was er denn mit den kleinen Quälgeistern getan hatte. „Ach,“ meinte er, „das war gar nicht schwer, ich habe sie auf den Balkon gesperrt....“.
Ahnungsvoller Schrecken durchfuhr mich. Von dunklesten Befürchtungen gepeinigt stob ich zum Balkon und tatsächlich. Die Katzen hatten die unfreiwillige Einladung zum fürstlichen Abendessen allzu gerne angenommen und hatten alles probiert.
Ein Schlachtfeld war dagegen ein beruhigender Anblick.

Nun musste ganz schnell eine Lösung gefunden werden. Es war kaum noch eine Stunde bis die Gäste eintrafen und mehr als zwei Drittel des Essens waren nicht mehr servierbar. Eine Katastrophe!!! Da konnte nur noch der Feinkosthändler helfen. Also ins Auto gestürmt und in den nächsten Supermarkt mit Feinkostabteilung gefegt. In rekordverdächtigem Tempo sammelte ich ein Assortiment unterschiedlichster Delikatessen ein und sauste mit meinem Wagen zur Kasse. Als die Kassiererin die Summe nannte, suchten mich leichte Schwindelanfälle heim, aber es half ja nichts. Ich zückte also das Plastikgeld... „Es tut mir leid“ sagte die Kassiererin, „aber die Karte wird nicht akzeptiert. Haben Sie noch eine andere“. Klar, hatte ich. Aber... „Nein, tut mir leid, die kann ich nicht nehmen, haben Sie nicht eine xxxxx-Karte?“. Nein, hatte ich nicht. Meine Barschaft reichte gerade mal für ein paar Kaugummis... was tun? Ich bat darum, dass man meinen Wagen kurz ins Kühlhaus schob, während ich schnell versuchen würde, Bargeld zu besorgen.
Auf zur nächsten Bank, aber auch hier wurde die Karte nicht akzeptiert. Also rief ich meinen Freund an. Der sich auch sofort auf den Weg machte, um mit seiner Karte zu Hilfe zu eilen. Sicherheitshalber zogen wir schnell etwas Bargeld und machten uns auf, die wartenden Lebensmittel auszulösen. Als wir am Supermarkt ankamen, traf mich der Schlag. Zu. Wie die Zeit verfliegt, wenn man Spaß hat... Hektisches Klopfen an der Türe, aber niemand wollte uns hören.
Zu Hause standen wohl schon die Gäste vor der Tür... was tun? Kurz erwog ich die Flucht ins Ausland...
Dann die rettende Idee... Eine viertel Stunde später waren alle Gäste in festlichen Abendroben erschienen und harrten erwartungsvoll der Eröffnung des Büffets. Ein leichtes Unwohlsein machte sich bei mir breit, aber da mussten wir nun durch.
Ich werde den dezent fassunglosen Blick unserer Gäste bei der Präsentation unseres Büffets nie vergessen. Wir hatten alle Köstlichkeiten der Welt: Hamburger, Pommes Frites, Cheesburger, Nuggets und alles, was der Fast Food Laden noch so hergegeben hatte. Alles stilvoll arrangiert und dekoriert... ein wahres Elysium für Feinschmecker...

Seitdem gelten wir als leicht exzentrische Gastgeber ... und unsere Einladungen werden nicht mehr ganz so oft angenommen wie früher...

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