Frei Erfunden...

28
Feb
2009

Nichts geschenkt

Wohlgefühl. Ein Feuerwerk für alle Sinne, fast schon Entgrenzung durch Hingabe, wäre da nicht im Hintergrund immer ein leiser Zweifel, der verhinderte, dass sie sich wirklich fallen ließ. Aber es war mehr, als sie erhofft und erwartet hatte. Erhofft. Das war eine Quelle des Zweifels, sie konnte nur hoffen. Sie hatte sich in die Rolle der Reagierenden drängen lassen. Nein. Nicht daran denken, nur auf den Moment konzentrieren und einfach genießen, was war. Das Hirn hatte Sendepause.

Auf sein Atmen hören, seinen Duft trinken. Mit geschlossenen Augen versuchte sie, nur das Gefühl zuzulassen. Weiche Wärme mit aromatischen Spitzen, kleine Splitter prickelnder Lust. Einfach sein, nicht denken. Sie streckte sich, drehte sich auf die Seite und sah ihn an. Es tat schon fast weh, ihn so entspannt schlafen zu sehen. Ein Moment der Gemeinsamkeit, der so selten vorkam und ihr fast mehr bedeutete als alle Ekstase. Na na, jetzt mal nicht in kitschige Romantik ausbrechen. Würde sie das denn wirklich jeden Tag haben wollen, war es nicht auch die Unverbindlichkeit, die sie reizte? Mit den Fingerspitzen strich sie sanft über das Laken und spürte die Wärme seines Körpers. Es war doch billig, sich jetzt in zarte Gefühle zu verstricken, die große Sehnsuchtsnummer abzuziehen. Ach, wenn ich Dich doch immer so neben mir haben könnte. Manchmal fühlte sie so, dann glaubte sie tatsächlich, dass sie nur glücklich sein könne, wenn sie ihn nicht nur als Geliebten, sondern auch als Gefährten hätte. Dann zerfloss sie in dieser klebrig süßen Sehnsucht, in solchen Momente wurde all ihr Denken und Fühlen von Wünschen nach Gemeinsamkeit und Harmonie absorbiert. Sie litt dann Höllenqualen, fühlte sich einsam und verlassen und ertrank in Selbstmitleid. Unerträglich. Sie schnaubte ärgerlich. Konnte sie nicht einfach mal den Moment genießen, ohne sich wieder im Zweikampf aus warmem Weib und kalter Amazone zu verlieren? Eine leise Wut nagte an ihren Nerven. Abrupt drehte sie sich um und griff nach dem Weinglas, leerte es in wenigen Schlucken.

„Na, mein Wirbelwind, wieso bist Du denn soweit weg?“ Er streckte den Arm aus, zog mit leichtem Druck an ihrer Schulter und sie folgte der Bewegung. Ein Lächeln auf seinem Gesicht, das ihr Gänsehaut bereitete. Unverständliches murmelnd kuschelte sie sich näher. Er strich mit der Hand über ihren Nacken, dann umgriff er die Rückseite ihres Halses. Sie erstarrte für einen Moment, entspannte sich, schmiegte sich der Länge nach an ihn, ließ ihre Fingerspitzen über sein Rückgrat gleiten und krallte sich andeutungsweise mit den Fingernägeln in seinen Rücken. Ein leiser Seufzer. Neugierige, drängende, elektrisierende Hände, die Begehren verströmten.

Klingeln. Sein Mobile klingelte. Mitten im Kuss erstarrte sie. Er hatte sofort auf das Klingeln reagiert. Nicht etwa ärgerlich, sondern pflichtbewusst wie sie fand. Und er ließ es nicht klingeln, sondern befreite sich aus der Umarmung und tastete nach dem Telefon. Er antwortete tatsächlich. Sie war fassungslos. „Ja?...... Aha, hmm….. was gibt’s?“ Er hörte zu. Das konnte nur Nachtschwester Ingeborg sein. Sie drehte sich um, zog die Decke an sich und lauschte. „Ja, ist gut, mach ich. Ich hole sie dann ab.“ Vielleicht doch jemand anderes? Er klang sachlich, vielleicht ein Kollege? Aber den würde er nicht siezen. „Aber wo ist sie denn eigentlich? Ballett oder Malschule?“ Klar, sie war’s. Wut flammte in ihr auf. Musste er denn wirklich drangehen? „Okay… Nein, vergesse ich nicht. Bis später.“ Warum beendete er den Anruf nicht? Sie lauschte angespannt. „Ich Dich auch. Ciao.“

Ein echter Schlag in die Fresse, sie hätte kotzen können. Wut kochte in ihr hoch, rauschte lavagleich durchs Gemüt. Entschlossen stand sie auf und ging ins Bad. Sie wickelte den Bademantel ärgerlich um ihren zitternden Körper. Wie sie das hasste. Ich Dich auch, echote es durch ihr Hirn. Verfluchte Kacke, das musste doch nicht sein. Was für ein widerlicher Schleimer. Sie konnte sich kaum beruhigen, schloss die Augen, atmete tief durch und schlug mit der Faust auf den Waschtisch. Sie hätte am liebsten eine der Parfumflaschen in den Spiegel gedonnert. Terror machte sich in ihr breit.

Er wusste genau, was jetzt kommt. Es war ihm rausgerutscht, er hatte nicht wirklich nachgedacht. Aber sie hatte es natürlich gehört und würde sich wie immer daran aufhängen. Würde erst wütend werden, ihn mit irgendeiner verletzenden, kalten Bemerkung angreifen, die eiskalte Rächerin geben und dann wenn er genauso kalt antwortete, würde sie in heulendes Elend ausbrechen. Sie konnte das wirklich gut. Sie war jedes Mal so überzeugend, dass er sich vorkam wie der letzte Esel. Er würde dann tröstend und beruhigend alles zurücknehmen. Daraufhin brach sie in einen Entschuldigungsmarathon aus, weil sie ja überhaupt keine Ansprüche an ihn stellen wolle und ihn ja auch nicht einengen wolle, aber es täte doch so weh zu wissen, dass seine Frau bla bla bla… Wie oft hatten sie das jetzt schon durchexerziert. War es das eigentlich wert. Irgendwo schon, aber nicht schon wieder. Das musste doch mal aufhören. Sie hatte schließlich von Anfang an gewusst, worauf sie sich einließ. Er hatte ihr unverblümt gesagt, dass er nur eine Affaire wollte. Vor sich hin fluchend suchte er seine Sachen zusammen und zog sich an. Diesmal würde er das Spiel nicht mitspielen.

Sie spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Das machte er doch mit Absicht, so gedankenlos konnte man doch gar nicht sein. Klar, er wollte ihr mal wieder zeigen, dass sie nur eine Art Spielzeug war. Wahrscheinlich hatte er Nachtschwester Ingeborg vorher noch gebeten, ihn zu einer bestimmten Zeit anzurufen, das war doch ein abgekartetes Spiel. Dass sie das bisher noch nicht gesehen hatte. Klar, er wollte ihr mal wieder so richtig den Frust reinwürgen. Musste eine Art Machtkomplex sein. Er konnte sie damit ja wunderbar manipulieren. Erst schlagen, dann verbinden. Peiniger und Retter zugleich. Na, das Spiel würde sie ihm austreiben. Sie biss die Zähne aufeinander, holte tief Luft, straffte die Schultern und verließ das Bad.

Als sie ins Schlafzimmer kam, sagte sie: „So, jetzt musst Du mal gehen, der nächste Kunde kommt in einer halben Stunde und ich muss vorher noch das Bett beziehen.“ Sie zitterte ein wenig. Klang aber überzeugend kalt.

Doch die Wohnung war leer. Er war schon gegangen. Sie starrte fassungslos in den Raum, in ihrem Hirn explodierte das Denken. Inferno.

5
Aug
2007

Käsebemmen

Sie schaute ihn über den Rand der Teetasse an. Sie konnte ihm doch unmöglich sagen, was los war. Er war schließlich ein Fremder. Ein netter zwar, aber eben vollkommen unbekannt. Sie seufzte. "Ich hatte einfach keinen guten Tag."
"Das kann ich mir vorstellen, aber es muß doch etwas ziemlich schlimmes passiert sein, dass Sie so verzweifelt sind. Warum suchen Sie Ihre Cousine eigentlich?"
Ihre Gedanken kreisten noch immer um Roger und seine vermeintliche Frau."Meine Cousine?"
"Ja, Sie sagten doch, dass Frau Schröder Ihre Cousine sei und dass Sie sie nicht erreichen könnten."
"Ach das", entgegnete sie lahm. Diese Lüge war ihr völlig entfallen. Was sagen? Wie konnte sie jetzt eine glaubhafte Geschichte erfinden? Sie kramte verzweifelt nach den Erinnerungen das abendlichen Dialoges.
"Sie ist gar nicht Ihre Cousine, nicht wahr? Aber wen suchen Sie wirklich? Den Chef?"

Ein Satz wie ein Hammer. Sie erstarrte. War sie so leicht zu durchschauen? Wie peinlich, sie führte sich auf wie ein hysterischer Teenager. Ihr fiel einfach nichts ein, mit den Tränen kämpfend stand sie auf: "Ich habe Sie schon viel zu sehr belästig, Herr Fellner, es tut mir leid. Ich denke, ich werde dann mal gehen." Nur ein leichtes Zittern in der Stimme, aber doch überzeugend gesagt, das musste reichen.
"Papperlapapp" schnob der alte Mann. "Sie belästigen mich gar nicht und ich kann doch sehen, dass es Ihnen nicht gut geht. Hören Sie auf einen alten Kauz und lassen Sie sich sagen, dass die meisten Probleme viel leichter lösbar sind, wenn man mit jemanden darüber spricht, der nichts damit zu tun hat. Bleiben Sie ruhig noch, ich habe die ganze Nacht Zeit, muss nur ab und zu meine Runden drehen."
Sie setzte sich wieder, die Wärme, die der Wachmann ausstrahlte, tat gut. Er hatte etwas reales, unaufgeregtes, dass ihr ertwas Ruhe gab.
"Sie müssen natürlich nichts erzählen, wenn Sie nicht wollen, aber trinken Sie wenigstens noch einen Tee, das beruhigt", fuhr er fort, während er Tee nachschenkte.

Eigentlich hätte sie ihm gerne etwas erzählt, aber es ging immerhin um den "Chef". Roger würde ausflippen, wenn er erfuhr, dass sie mit einem Angestellten über ihn geredet hatte. Sie betrachtete den freundlichen Mann, das schüttere Haare, die etwas trüben, aber wachen Augen und die sehnigen Hände, die ruhig auf dem Tisch lagen. Alte Hände, die warm und kräftig wirkten. Fast wie die ihres Großvaters, bevor sie vom Rheuma verformt worden waren. Eine der Hände in ihrem Blickfeld hob vom Tisch ab, berührte sie leicht am Unterarm, nur ein leichtes, beruhigendes Auflegen der Hand.
"Alexa, machen Sie sich mal keine Sorgen. Wachmänner sind fast wie Priester, sie unterliegen auch der Schweigepflicht". Ein verschmitztes Lächeln und ein Nicken.
Sie musste lächeln. "Na, immerhin ein Lächeln. Das ist doch schon was."
"Sie erinnern mich an meinen Großvater", sagte sie unbedacht. "Oh, ich meine, der wäre natürlich jetzt viel älter."
"Schon klar, aber keine Sorge, ich finde das eher schmeichelnd. Sie können mich auch ruhig Papa Kauz nennen, das ist nicht so steif wie Herr Fellner". Wieder ein aufmunterndes Lächeln.
Ein Lächeln, das wie ein Sonnenstrahl an einem kalten Wintertag auf ihr Gemüt fiel. Sie griff nach der Tasse, nahm einen Schluck und sagte: "Danke. Sie haben mir echt geholfen."
"Keine Ursache. Wollen Sie mir denn nicht vielleicht doch erzählen, was eigentlich passiert ist? Ich kann gut zuhören."

Sie zögerte. Er strahlte Vertrauen aus, ihm könnte man wohl einiges erzählen, aber wieder kam die Besorgnis, was er davon hielte, wenn er es erführe… Aber sie musste ihm ja nicht sagen, dass es um Roger ging. Aber dann würde er sich fragen, warum sie nach Frau Schröder gefragt hatte. Anlügen mochte sie ihn auch nicht. Es würde gut tun, mal mit jemanden wirklich zu reden. Für und Wider überschlugen sich, sie wollte reden und auch wieder nicht. Sie öffnete den Mund, schloß ihn wieder.
"Wissen Sie was, ich mache uns mal ein paar Schnittchen. Sie haben bestimmt noch nichts gegessen. Sind zwar nur Käsebrote, die ich machen kann, aber besser als nichts." Stand auf und fing an, in der Kitchenette herumzuklappern.
"Käsebrote. Mit Emmentaler?", fragte sie, als sie beim Schneiden des Käses beobachtete.
"Natürlich mit Emmentaler, das ist der beste Käse, um die Zunge zu lösen."

Sie lachte. Herzlich und tief aus dem Bauch heraus. Er stimmte ein. Für einen Moment fühlte sie sich wie damals, als ihr Großvater bei gemeinsamen Ausflügen das Proviant verteilte und immer sagte: Hier, iss ´ne Käsebemme, das gibt Kraft.
Sie erzählte Papa Kauz von den Käsebemmen. "Sehen Sie, alte Männer wissen eben einiges." Er schmunzelte.
Sie holte tief Luft, schaute auf den Boden und begann zu erzählen.

29
Jul
2007

Papa Kauz

"Der hat keine, der lebt allein…" Keine Familie. Die Worte des Wachmannes echoten durch ihren Kopf, wie betäubt drehte sie sich um und lief davon.
"Junge Frau, was ist denn? Kann ich was für Sie tun", rief der alte Mann hinter ihr her, aber sie reagierte nicht. Wut und Verzweiflung schlugen in Wellen über ihr zusammen. Was sollte das? Wieso erzählte er in epischer Breite von seiner Frau und den Problemen mit ihr, hatte aber gar keine. Das konnte doch alles nicht sein. Der alte Mann war verwirrt. Das war es. Er hat sich geirrt. Nein, so alt war der gar nicht, außerdem machte er einen ganz klaren und nüchternen Eindruck. Er müsste es doch wissen, wenn es eine Frau gäbe. Sie verstand es einfach nicht. Wie konnte er Spaß daran finden, sie so anzulügen? Hatte er solche Angst, dass sie ihm zu nahe kam? Oder hatte er noch mehr Affairen, von denen keiner etwas wissen sollte? Das musste es sein. Noch eine illegitime Verbindung, eine Frau, mit der er schon lange eine Beziehung hatte, aber die er auch geheim hielt. Aber die Kinder. Wieso auch noch Kinder, die ließen sich doch kaum verheimlichen. Aber konnte er wirklich Kinder erfinden? Das war doch krank.

Plötzlich klopfte es. Sie erschrak fast bis zur Ohnmacht. Sie saß wieder im Auto, ohne wirklich zu wissen, wie sie dahin gekommen war.
An der Fahrertür stand der Wachmann und klopfte ans Fenster: "Hallo, fehlt Ihnen was? Sie sehen aber gar nicht gut aus. Kommen Sie mal mit zu mir ins Büro, da mache ich Ihnen erstmal einen Tee." Jetzt nur nicht weinen. Aber genau das wollte sie eigentlich am liebsten. Nur noch weinen, bis sie leer war.
Sie drehte das Fenster runter, versuchte eine Lüge. "Geht schon, machen Sie sich mal keine Sorgen."
"Ne, ne, junge Frau, Sie fahren mir so nicht Auto. Sie sehen aus wie der Tod, so lasse ich sie nicht weg." Schon schossen ihr Tränen in die Augen, die Worte erstickten im Schluchzen. Der Wachmann öffnete die Fahrertür, reichte ihr die Hand und sprach beruhigend auf sie ein, während er das Fenster und den Wagen schloß. Sie stand da wie ein Trottel, unterdrückte mühsam das Weinen und überließ ihm die Regie. Väterlich legte er die Hand auf ihren Arm, führte sie zu seiner Wachstube und bot ihr einen Sessel an. "Setzten Sie sich mal hin, Kindchen. Ich mache erst mal einen guten, starken Tee. Dann kommen Sie erst mal wieder zu sich." Hantierte in der kleinen Küchenzeile und sprach weiterhin harmlos beruhigend vor sich hin.
Sie fühlte sich wie ein Roboter, ohne Gefühle. Außer vielleicht Schmerz, der saß tief in ihrer Brust und wütete, aber so richtig spüren konnte sie sogar das nicht. Ihr Kopf war leer, sie fühlte sich wie eine leere Tonne, auf die jemand permanent mit Hammern einschlug.
Der alte Mann schob ihr einen halbvollen Becher Tee zwischen die Hände: "Nicht, dass Sie sich da noch dran verbrennen, die Wärme soll Ihnen gut tun." Sie nahm den Becher, schaute in die Tasse. Tee mit Milch. Die einzige Art wie sie Tee mochte. Sie war gerührt. Sie ließ die Tränen zu, nippte am Tee und flüsterte ein Danke.
"Ach, da nicht für", der Wachmann setzte sich. "Ich hab' mich ja gar nich' vorgestellt. Karl Fellner ist mein Name, aber alle nennen mich Papa Kauz." Er lächelte auffordernd.
" Oh, wieso denn Papa Kauz?"
"Ach, als ich hier mit der Nachtwache anfing, habe ich eine junge Eule gefunden, die hatte sich den Flügel gebrochen und ich hab' sie aufgepäppelt. Eine Weile hab' ich die Eule nachts mit in den Dienst genommen und so wurde ich zu Papa Kauz. Mir gefällt's. Irgendwie bin ich ja ein alter Kauz. Aber mit wem habe ich denn das Vergnügen?"
"Ach, Entschuldigung. Alexa Wehner."
"Alexa. Schöner Name. Und selten. Darf ich Alexa sagen?" Ein Nicken. "Dann erzählen Sie doch mal, Alexa, was Sie so bedrückt."

18
Jun
2007

Entdeckung

Sie fuhr zu seinem Büro. Es war zwar nicht wirklich wahrscheinlich, dass er noch dort war, aber einen anderen Anhaltspunkt hatte sie ja nicht. Wahrscheinlich wäre er längst zu Hause, bei Frau und Kindern, den perfekten Familienvater gebend. Das konnte sie sich lebhaft vorstellen. Wenn sie doch wenigstens wüsste, wo er wohnte. Aber trotz aller Recherchen war es ihr nicht gelungen, das herauszubekommen. Sie wusste nur, dass er im Westen wohnte, da wo man wohnte, wenn man Geld an den Füßen hatte. Sie hatte überlegt, sich als Lieferantin auszugeben, um so in seiner Firma an die Adresse zu kommen, aber das war ihr dann doch zu peinlich gewesen, wenn er davon Wind bekommen hätte, wäre sie vollkommen unten durch. Die Gedanken überschlugen sich in ihrem Hirn, was würde sie tun, wenn er nicht im Büro wäre? Und was, wenn er es wäre? Das wäre einfacher. Wenn da noch jemand wäre, würde sie einfach hineinstürmen und nach ihm fragen, der Rest würde sich dann schon ergeben. Wahrscheinlich würde sie vor Wut kaum ein Wort herausbekommen oder ihn verfluchen. Sie wusste es nicht, aber erst mal musste sie ihn finden. Und wenn er nicht da wäre? Ja, dann würde sie wahrscheinlich so lange wütend durch die Gegend fahren, bis die Wut in Tränen umschlug und sie frustriert und todtraurig nach Hause fuhr, um sich dann mit einem Glas Wein zu trösten. Dem guten, den sie nur für ihn gekauft hatte. Sie hätte vor Wut ins Lenkrad beissen mögen. Sie war angekommen. Da lag die Firma im Dunkeln. Na ja, was hatte sie auch erwartet. Es musste gegen 11 Uhr sein, so lange arbeitete er dann wohl doch nicht. Sie hielt. Starrte auf das dunkle Firmengebäude. Stieg aus und lief den Zaun entlang, Richtung Eingang. Wozu eigentlich, war doch eh niemand mehr da. Sie ging trotzdem weiter, schaute die Hausfront entlang, sah in die verschwiegenen Fenster, die trotzig dumpf in die Nacht hinausstarten. Die würden ihr nichts verraten. Sie suchte den Hof mit den Augen ab, aber da war nichts zu sehen.

„Na, junge Frau, was haben wir denn vor?“ Sie erschrak fast zu Tode. Verlor für einen Moment das Gleichgewicht und strauchelte während sie sich hektisch zur Stimme drehte. Ein Sicherheitsmann guckte sie zwar verwundert, aber nicht unfreundlich an. „Wen suchen Sie denn hier um diese Zeit“. Kurze Panik, Aussetzen aller Gedanken, was sollte sie bloss sagen? „Äh… ich suche Frau Schröder, die arbeitet hier und ich kann sie nicht erreichen.“ Das klang ja nun nicht gerade sinnvoll, aber immerhin wusste sie, dass seine Sekretärin Schröder hiess. Einmal hatte sie in der Firma angerufen, als er sich wieder mal ewig nicht gemeldet hatte. Er hatte sich damals furchtbar darüber aufgeregt.
„Um diese Zeit? Gute Frau, hier arbeitet um diese Zeit kein Mensch mehr.“
„Ja, ich weiss, aber zu Hause ist sie nicht, und ans Telefon geht sie auch nicht, auch nicht an ihr Handy und da habe ich gedacht, ich gucke mal hier.“
„Na, da kommen sie besser morgen früh wieder. So spät ist hier keiner mehr. Höchstens der Chef, aber der ist auch schon gegange. Schon vor 3 Stunden. “
„Ja, aber Frau Schröder ist doch seine Assistentin, die arbeitet auch oft lange..“ Wie lahm das klang, als würde sie dem Wachmann die Welt erklären wollen.
„Ach, die meinen Sie? DIE Frau Schröder, na, da kann ich sie beruhigen. Die hat mit dem Chef zusammen die Firma verlassen. Da machen sie sich mal keine Sorgen.“ Der Wachmann, schon deutlich über sechzig, schaute sie leutselig an und versuchte ein freundlich-aufmunterndes Lächeln.
„Oh, das ist gut. Sind die beiden denn zusammen weggefahren?“ Ihr Herz schlug bis zum Hals, sollte er tatsächlich eine Affaire mit seiner Sekretärin haben?
Der Wachmann guckte sie verdutzt an. „Nein, er ist mit seinem Wagen weggefahren und sie mit ihrem. Warum wollen Sie das denn wissen?“ Er musterte sie mit leicht fragendem Blick.
„Vielleicht weiss er ja, wo sie ist. Ich weiss nicht mehr, wo ich noch suchen soll. Am Ende ist ihr was passiert.“ Am Ende lag sie jetzt mit ihm in den Federn, eine Horrorvorstellung. Sie schenkte dem Wachmann ein hilfloses Lächeln.
„So schlimm wird’s schon nicht sein. Vielleicht ist sie mit Freunden unterwegs und die Batterie vom Handy ist leer. So was passiert.“ Es war ja freundlich von ihm, dass er sie beruhigen wollte, doch wie konnte sie jetzt nach seiner Adresse fragen? „Vielleicht können Sie mir ja seine Telefonnummer geben? Ich möchte seine Familie ja nicht gern so spät stören, aber ich mache mir echte Sorgen um meine Cousine.“
„Ihre Cousine ist das? Hmm, na um die Familie vom Chef müssen sie sich keine Gedanken machen, der hat keine, der lebt allein. Aber stören möchte’ ich ihn um diese Zeit trotzdem nicht…“.

16
Jun
2007

Später Abend

Natürlich war er nicht gekommen. Er hatte sie zum Narren gehalten. Oder hatte sich mal wieder irgendeine andere Gelegenheit nicht entgehen lassen können. Was auch immer. Sie kannte das. Sie hatte so oft auf ihn gewartet, dass sie schon Schwielen an der Seele hatte. Irgendwann würde er dann unvermittelt vor der Türe stehen, mit lausbübischem Grinsen sagen, dass es ihm leid täte, aber er hätte nun einmal einen dringenden Geschäftstermin gehabt. Klar, abends nach zehn gehörte das ja wohl zur Tagesordnung. Hielt er sie den wirklich für so blöd? Sie wunderte sich ja schon, dass seine Ehefrau das alles schluckte und anscheinend keinerlei Zweifel an der Strebsamkeit und dem emsigen Fleiß ihres Herrn Gatten hatte. Er hatte zwar immer mal gesagt, er müsse zu Hause wieder ein wenig für „Gut Wetter“ sorgen, aber ernsthafte Probleme schien es nie zu geben. Es war eigentlich erstaunlich, wie wenig sie von ihm wußte. Von seiner Frau und der Familie wollte sie eigentlich auch nichts wissen, denn so wahnsinnig toll fand sie das Leben als Zweitfrau nun auch wieder nicht, dass sie das Gefühl, nur eine Art Gespielin zu sein, noch durch faktisches Wissen über die andere Frau füttern musste. Sie war stocksauer. Sie kam sich so unendlich blöd vor, hatte sich im Grunde fast schon angebiedert und er hatte nur ein Spielchen mit ihr getrieben. In Gedanken das Gespräch des Nachmittages durchgehend, zündete sie sich eine Zigarette an und nippte am Wein, den sie natürlich extra besorgt hatte. Nur für ihn, weil er ihn so gerne mochte. Ein Grund mehr sich zu ärgern und ihn zu verfluchen.

Sie legte die Stirn an das kalte Fenster, starrte in die Dunkelheit. Mistkerl, elender. Warum konnte sie sich nicht einfach auf theatralische Weise von ihm verabschieden, ihn genauso eiskalt ablaufen lassen, wie er es mit ihr tat? Warum hing sie denn immer noch an diesem Ekelpaket, dass sie im Grunde doch nur benutzte? Wut blubberte in kleinen Blasen durch ihre Gedanken und produzierte neue Wut. Nein, so konnte das nicht weitergehen. Sie musste ihn zur Rede stellen. Sie musste ihm einmal sagen, wie sehr er sie mit seinem Verhalten verletzte. Nein, das wäre wohl nicht gut, wenn sie ihre Verletzlichkeit so deutlich zeigte, würde das nur seine Position stärken. Aber sie wollte mit ihm sprechen, ihn anschreien, ihn zur Rede stellen, ihm zeigen, dass er so nicht mit ihr umgehen konnte. Sie würde zu ihm fahren. Nachsehen, ob er vielleicht noch im Büro war. Zu ihm nach hause konnte sie ja nicht fahren. Obwohl sie in dieser Stimmung sogar das erwog, aber sie wusste ja nicht einmal, wo er wohnte. Er hatte es ihr nie gesagt. Auch so eines der Dinge, die sie ihm an den Kopf knallen wollte. Er hatte immer gesagt, dass er seine Familie da komplett raushalten wollte. „Da raushalten“ – allein die Wortwahl war verletztend. Als wäre das nur eine schmutzige Affaire, vor der man die Unschuldigen schützen müsse. Genau das. Genau das hatte er wohl damit sagen wollen. Ein scharfer Wutschmerz durchzuckte ihr Herz. Genauso behandelte er sie, wie eine kleine schmutzige Affaire. Das musste aufhören. Sie schnappte sich Handtasche und Jacke und stürmte aus dem Haus.

3
Jun
2007

Die Gespielin - Fortsetzung

Sie saß mit hängenden Schultern am Küchentisch und starrte abwechselnd auf das Telefon und dann wieder in die Flamme der Kerze, die träge vor sich hin blakte.
Einsamkeitsgefühle hatten sie überschwemmt wie Regen, der auf versiegelten Boden prasselt. Ihr Denken schwamm in graubrauner Brühe des Selbsthasses und die gnadenlose spitze Stimme, die sich in ihr Hirn gehackt hatte, brüllte Amok. Es war schier unerträglich. Einsamkeit schnürrte ihr den Hals zu, Wut ließ sie zittern und heisse Zornestränen ätzten sich durch die spärlichen Gedanken. Der Streit und die Folgen hielten sie noch immer gefangen. Sie hatte sich benommen wie eine Furie, schämte sich dafür, aber zugleich war sie zutiefst gekränkt, denn sie wusste, dass er sie nur benutzte und das in Ordnung fand. Sie hatte sich ja auch nie beschwert und wenn sie dann einmal kurz zu sagen wagte, dass sie sich wie eine Ausgehaltene, aber nicht wie eine Geliebte fühlte, wurde ihr das gleich wieder als übertriebene Anspruchshaltung ausgelegt und vorgeworfen. Nun wäre es also an ihr, zu Kreuze zu kriechen, ihn anzurufen, sich zu entschuldigen, auf leise, hilflose Frau zu machen, um so zu gleichen Teilen des Beschützer- wie den Besitzerinstikt zum aufflackern zu bringen. Sie kannte das Spiel. Besser als ihr lieb war. Sie wusste, dass sie es durchziehen konnte. Die Haut fror so sehr, dass sie gegen die Illusion einer Berührung vieles einzutauschen bereit war. Wenn sie doch nur nicht so sehr davon überzeugt gewesen wäre, dass sie eine Zumutung sei und sich eben die menschliche – na ja, wenigstens die männliche Nähe – mit einer Art Selbstaufgabe erkaufen musste. Und schon wieder rotteten sich im Hinterkopf die alten Gedanken zusammen, die voller Wut ihre Haßtiraden über die zuckenden Gefühle ausspien. Würden sie jemals zum schweigen kommen? Würde sie jemals anders von sich denken können, als von einer armseligen Bittstellerin, die sich mühsam von den abfallenden Brosamen achtlos weggeworfener Zärtlichkeiten nährte. Zärtlichkeiten, zart wie Sandpapier. Labsal und Qual zugleich, aber sie wusste nicht, was sie dagegen halten sollte. Sie hatte es nicht besser verdient. READ MORE

18
Feb
2007

Die Gespielin

PENG! Die Tür fiel ins Schloß. Er war weg. Gegangen. Mal wieder allein. War auch besser so, der Streit der letzten halben Stunde war übel verlaufen.

Begonnen hatte es ganz harmlos.
„Ich muss dann mal los“, hatte er gesagt.
„Okay, wann sehen wir uns wieder?“ Sie hatte nicht wirklich nachgedacht, denn sie wusste doch, dass er auf diese Frage allergisch reagierte. Es hatte beiläufig klingen sollen, einfach so eine Frage ohne tiefere Bedeutung. Sachlich.
„Jetzt mach’ mir bloss keine Szene“, hatte er geantwortet.
„Ach was, hab’ ich gar nicht vor. War nur eine Frage.“
„Komm schon, ich hör’ doch, dass Du schon wieder mit den Tränen kämpfst. Müssen wir uns den wieder so trennen? Muss das sein?“
Ja, musste es wohl. Sie war gekränkt. Wut stieg in ihr auf. Es kränkte sie, dass sie immer auf Abruf verfügbar sein sollte. Sie konnte im Grunde kaum etwas planen, es konnte ja sein, dass er etwas Zeit für sie erübrigen konnte. Wie oft wartete sie, ohne das etwas geschah. Kein Anruf, nichts. Und dann, wenn sie einmal etwas anderes geplant hatte, rief er garantiert an und wollte sie sehen. Das bischen Leben, dass sie hatte, wurde von ihm vereinnahmt, der Preis war hoch. Zu hoch.
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31
Jan
2007

Ein Telefonat - Samstag abend

Tränen rannen noch immer über ihr Gesicht als irgendwann das Telefon klingelte. Kurzes Erschrecken, das Herz schlug einen kleinen Salto. Es klingelte. Sollte sie überhaupt drangehen. Es war ja klar, dass er jetzt absagen würde. Sollte sie sich dem noch stellen? Zögern. Es klingelte noch immer, dann sprang der Anrufbeantworter an. Dann seine Stimme: „Hallo? Wo bist Du denn? Hallo? Nimm doch bitte ab!“
Nein, sie wollte es nicht wissen.
„Komm, Du bist doch sicher zu Hause, nimm bitte ab.“
Nun gut, das würde sie auch noch aushalten. „Ja? Bist Du das?“ Was für eine blöde Frage.
„Huch, bist Du erkältet? Du klingst ja gar nicht gut.“
Klar klang sie nicht gut, wie auch, wenn er sie immer wieder versetzte. Was würde nun wohl kommen? Eine halbgare Entschuldigung? Arbeit, die nicht warten konnte?
„Was ist denn mit Dir? Geht es Dir nicht gut?“
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23
Jan
2007

Samstag nachmittag.

Er würde sich verspäten. Sie wusste es. Wenn sie um sieben verabredet waren, erschien er entweder um fünf oder um neun, aber garantiert nicht um sieben. Ärger kam in ihr auf, sie hasste es zu warten, das wusste er doch ganz genau. Trotzdem würde er sie garantiert wieder warten lassen, irgendwann käme ein Anruf, dass es später werden würde und sie würde dann warten, warten, warten. Wie sie das hasste, es gab eigentlich nichts demütigenderes als zu warten. Es demonstrierte deutlichst wie unwichtig sie war. Sie konnte man ja warten lassen, sie war ja nicht wichtig. Verdrossenheit blubberte durch ihr Denken und verwandelte Gedanken in zähen Schleim, der sich über ihr Gemüt ergoss.

Ein Blick zur Uhr, es war nun kurz nach vier. Verabredet waren sie für halb acht, also noch reichlich Zeit, um sich zurecht zu machen. Wieder der Gedanke, dass er sich sicher verspäten würde, dann hatte sie ja noch alle Zeit der Welt. Warum musste er sie nur immer wieder warten lassen. Warum. Das hatte sie doch gar nicht verdient. Oder doch? Sie schaute in den Spiegel. Kritisch. Na ja, eine Schönheit war sie ja nun wirklich nicht. Sie liess den Blick auf ihrem Spiegelgesicht ruhen. Sie sah abgespannt aus, war müde, hatte leichte Ringe unter den Augen, war blass wie immer. Na ja, das würde sich durch die übliche Retusche in den Griff kriegen lassen. Erneuter Blick auf die Uhr. Es war nun halb fünf. Immer noch viel Zeit. Und noch mehr Zeit, wenn er wieder zu spät käme.

Sie ging in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen, aufräumen wollte sie eigentlich auch noch. Damit konnte sie die Zeit gut überbrücken, konnte etwas gegen das Warten tun. Warten war furchtbar und das Warten auf etwas, von dem man wusste, dass es unangenehm werden würde, war noch schlimmer. Eigentlich freute sie sich ja auf den Abend. Eigentlich. Aber es kränkte sie, dass sie immer wieder warten musste. Dass sie scheinbar nicht wichtig genug war, um sich die Mühe zu machen, pünktlich zu sein. Sie war der gutmütige Trottel, den man warten lassen konnte. Klar, sie musste ja froh sein, wenn man sich überhaupt mit ihr traf. Sie durfte ihrem Ärger ja noch nicht mal Ausdruck verleihen, weil er dann ganz sicher gehen würde. Also musste sie es hinnehmen.

Ärger nagte an ihr, nistete sich in die Gedanken ein und klopfte an das Türchen Selbsthass, das sich bereitwilligst öffnete und eine Flut negativer Gedanken krabbelte eiligst aus dem engen Gefängnis und machte sich breit. READ MORE

26
Nov
2006

Sonntag nachmittag

Draussen setzte die Dämmerung ein. Eine Tasse Kaffee mit beiden Händen umfassend stand sie am Fenster und sah in die aufkommende Dunkelheit hinaus. Die Hände schmerzten, die Wärme der Tasse verstärkte den Schmerz. Sie nahm es als verdiente Strafe hin. In den Hochhäusern gegenüber gingen in einigen Fenstern die Lichter an. Kleine Bühnen, die plötzlich vom Schlaglicht in den Vordergrund gebracht wurden. Lauter kleine Fernseher, die tonlose Alltagsszenen keinem Publikum präsentierten.
Überwiegend häuslich-familiäre Inszenierungen des vermeintlich sonntäglichen Friedens. Familien vor Fernsehern, Menschen in Küchen, das frühe Abendbrot vorbereitend, ein paar einsame Gestalten, die mehr oder weniger trübsinnig das ausgehende Wochenende ertrugen.

Direkt gegenüber eine Familie mit vier Kindern, dort schien das Leben zu Hause zu sein. Ständiger Trubel, zwei der Kinder tobten mal wieder durch das Wohnzimmer, stürzten sich auf den Vater, der sich in gutmütiger Art mit ihnen balgte, während seine Frau kopfschüttelnd den Raum verliess, wahrscheinlich dabei noch einige mahnende Worte an die zur Laokoongruppe gewordenen Raufer richtend, es mit dem wilden Spiel nicht zu übertreiben. Sie sah dieser Familie gern zu, sie hatten etwas unschuldig-heiteres, unbeschwertes, fast schon tröstendes. Möglicherweise war aber auch deren Leben so verkorkst wie ihres. Vielleicht konnten die Eltern sich kaum noch ertragen, betrugen sich nur der Kinder wegen heiter und träumten von einem anderen Leben. Einer der Jungen war offensichtlich recht zurückhaltend und ein wenig verschlossen, sie sah ihn oft allein im Kinderzimmer, das er mit einem kleineren Geschwister teilte. Er las viel - wie sie es als Kind auch gerne getan hatte. Sie fragte sich, ob er das Lesen auch als Flucht begriff oder ob es für ihn einfach nur ein liebgewonnener Zeitvertreib war.
Wenn man kein eigenes Leben hatte, war es überaus spannend sich den Kopf über anderer Leute Denken und Tun zu zerbrechen. Bitterkeit und Einsamkeit färbten ihren Blick und legten sich auf ihre Empfindungen wie ein schlechter Geschmack. Nach und nach wurden mehr und mehr Fenster erleuchtet, die einzelnen Szenen traten in den Hintergrund, ein Mosaik aus lebenden Bildern. Mehr oder weniger lebenden Bildern, denn die meisten dort dargestellten Leben schienen von Gleichförmigkeit und Routine bestimmt und es kam ihr vor, als würde das Leben daran ersticken. Das Leben ruht in aller Herzen wie in Särgen. Sie hatte sich das Gedicht auf den Spiegel geschrieben. Sie schrieb sich oft selbst Botschaften auf den Spiegel. Eine Angewohnheit, die die wenigen Besucher gründlich irritierte, da sie normalerweise eher drastische Selbstbeschimpfungen enthielten. Als er das zum ersten Mal gesehen hatte, kommentierte er den am Spiegel prangenden Spruch „Du bist so hässlich, Du Monster!!“ mit einem ironischen „Na, hast Du unerwünschte Mitbewohner?“ und sie war sich ungeheuer albern vorgekommen. Danach hatte sie nur noch Gedichte an den Spiegel geschrieben, was er kommentarlos zur Kenntnis genommen hatte.

Der gestrige Abend drängte sich wieder in ihr Bewusstsein. Erneut stieg Wut über ihre eigene Dummheit auf, eine Wut, die sich wie eine Harpune in ihrem Gemüt verhakte und regelmässig neue Wutimpulse aussandte. Sie wollte nicht daran denken.
Draussen war nun ganz dunkel geworden, fast alle Fenster waren erleuchtet, die ersten Vorhänge schlossen sich und weitere Stücke wurden als Privatissime gegeben. Was sollte sie mit diesem leeren Abend anfangen? Sie dachte darüber nach, ihn anzurufen. Eine Entschuldigung wäre vielleicht angebracht. Aber dann müsste sie am Ende erklären, was eigentlich los gewesen war. Noch schlimmer wäre es, wenn er vorschlüge, sich zu treffen. Wenn er ihre Hände und Arme sähe, gäbe es nur eine weitere inquisitorische Befragung. Das wollte sie auf keinen Fall.
Es war schon schwer genug, sich morgen für die Kollegen eine neue Ausrede einfallen zu lassen. Die hielten sie schon für den Grobmotoriker des Jahres, weil sie permanent von häuslichen Pannen und kleinen Unfällen heimgesucht wurde. Eine Kollegin hatte sie zur Seite genommen und besorgt gefragt, ob sie misshandelt würde. Sie hatte natürlich nicht direkt gefragt, sondern vorausgeschickt, dass sie solche Verletzungen mal bei einer Freundin gesehen habe, von der sie später erfuhr, dass ihr Mann sie geschlagen hatte. Sie war verblüfft gewesen, hatte lachend geantwortet, dass sie ja keinen Mann habe und hatte was von Bindegewebeschwäche und einem schlechten Immunsystem gefasselt, weil sie wusste, dass die Kollegin sich sehr für Immunsysteme und deren Stärkung interessierte. Erwartungsgemäß hatte sich das Gespräch auf die letzten Erkenntnisse zu Echninacea verlagert.
Irgendwie musste sie diesen Abend hinter sich bringen. Hunger nagte an ihr, aber sie wollte nichts essen. Sie wollte gar nichts mehr, vor allem nichts mehr fühlen oder denken. Da half nur noch Ablenkung durch Aktionismus, also würde sie den Abend putzend als häusliches Heimchen verbringen und hoffen, dass die äussere Ordnung ein wenig das innere Chaos betäuben würde.
Eins von vielen Ritualen, das so etwas wie Halt vermitteln sollte.
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