Der merkwürdige Organismus langweilte sich, das Wesen im Glaskasten schien sich nicht mehr zu rühren, es umklammerte wie gehabt die Schuhe. Beine und Arme gefesselt, war es zur Regungslosigkeit verurteilt und hatte sich wohl dem Stupor ergeben. Dieses aufgeregte, blutstolpernde Etwas hantierte mit Wassereimern, ohne zu bemerken, dass der Eimer ein Loch hatte, und es 100 Jahre dauern würde, bis es den Glaskasten mit Wasser füllen würde.
Der Organismus beschloss, sich ein wenig Abwechslung zu verschaffen, schnippte mit einer lässigen Bewegung sämtliche Türen zu, betrachtete das Wesen im Glaskasten. Da war so viel nicht zu sehen, aber das köstliche Innere würde ihm sicherlich noch Spaß bereiten. Also öffnete der Organismus die Hirnschale des Wesens und leuchtete mit einem grellen Scheinwerfer die bisher in freundlicher Dunkelheit ruhenden Gedankenleiber aus. In dem verquasten Hirn schien es mal wieder lustig durcheinander zu gehen. Es blubberte an einigen Stellen, zäher Schleim kroch durch einige Gänge und die Temperatur war deutlich erhöht. An einigen Ecken schwärten Gefühlspestbeulen und verbreiteten den dezenten Duft rottender Wünsche. Der Organismus nahm eine dicke Stricknadel, stach in eine dieser Beulen hinein, aus denen der ätzendsaure Saft der unerhörten Gefühle erst nur leckte, aber mit jedem Stich klatschten dickere Tropfen der gallebitteren Flüssigkeit in den Gedankenstrom, gewannen mit ihm schnell an Fahrt und wirbelten durch das halbtote Hirn.
Der Gedankenstrom mäanderte durch das Hirn, färbte sich zusehends sehnsuchtfarben ein und sein pestilenzartiger Gestank ließ die ein oder zwei verbliebenen Soldaten des Verstandes grün anlaufen, die daraufhin geistkotzend das Weite suchten.
Der Organismus rieb sich die Hände, da passierte mehr, als er zu hoffen gewagt hatte, das konnte noch ein schönes Schauspiel geben.
Aus dem wirbelnden Strom, der mehr und mehr die Konsistenz von Treibsand angenommen hatte, erhoben sich ein paar uralte Gedankenleichen, man hatte sie einfach in den Fluß geworfen, weil man sich weder mit den Leichen, noch mit den Gründen ihres Todes hatte beschäftigen wollen. Nun wurden sie zu neuem Leben erweckt und gewannen erstaunlich schnell an Größe und Kraft. Sie ließen sich so lange vom mäandernden Strom vorantreiben, bis sie sich am Schlamm des Unerhörten genügend gelabt hatten und robbten sich dann erstaunlich behende aus dem Schlamm ans Ufer. Dort taumelten sie ein Weilchen zombiegleich durch die Gegend, das Gehen fiel schwer und noch wussten sie nicht, was sie tun sollten. Sie stromerten ziellos durch die Gedankenbaracken, trieben sich im Gefühlswald herum, machten um den Sumpf einen großen Bogen, den der war ihnen ja schon mal zum Verhängnis geworden. Ein Zombie geriet ins Nervenfeld und wunderte sich ein wenig über all die Funken, Blitze und knisternden Laute, die da durch die Luft stoben, sie zischten zwischen all den Nervenenden hin und her, dass sich den Gedankenzombies die Haare aufstellten. Schnell rief der Zombie die anderen herbei, schrie nach Messern und anderen Waffen und im Handumdrehen hatten die Zombies sich daran gemacht, das Myelin von den Nerven zu kratzen, den Strom auf die ungeschützten Nerven zu leiten und um das Szenario noch ein wenig aufzuheitern, panschten sie mit Salzwasser herum.
Das Wesen wurde mit einer Kakophonie der Schmerzlaute aus der Katatonie geholt. Ein Brüllen lag in der Luft, das so stark war, dass es den Luftstrom der Laute auf der Haut spürte. Funkenbunter Schmerz ergoss sich durch den Körper und riss alles andere mit sich fort. Der Schmerz biss, zog, zerrte und zwickte an allem, was sich ihm in den Weg stellen wollte. Das Wesen wünschte sich nichts mehr, als das es endlich wieder den Verstand verlöre, das Tremolo der auf es niederprasselnden Schmerzen verwandelte den weißen Leib in eine regenbogenschillernde Masse, da jeder Stoß sofort Hämatome hervorrief.
Man lief immer noch wie mit fremden Füßen, die Blutspur im Staub wurde immer dicker und der Grund wurde rutschig, aber man musste mehr Wasser in diesen Glaskasten schütten. Der Eimer war nicht dicht und man verlor soviel Wasser, dass es noch 100 Jahre dauern würde, bis man den Glaskasten gefüllt hätte. Verzweifelt suchte man nach einer anderen Lösung, durchsuchte die Räume fieberhaft, rutschte mit den blutigen Stümpfen aus und wusste kaum, was man tat.
Das Wesen war nur noch Schmerz. Es gab kein Sein mehr, nur noch zuckender, veitstanzender Schmerz, der sich durch die Synapsen brannte und den zarten Leib immer wieder mit roher Gewalt an die Wand schleuderte.
Die Zombies hatten helle Freude an dem Feuerwerk, das sie da veranstalteten und der merkwürdige Organismus ergötzte sich geifernd an dem Schauspiel. Er wälzte sich vor Freude in dem Schmerz, dem Ekel und dem Gestank des verwesenden Wesens. Er überlegte, dass er noch ein paar Kettenhunde der Vergangenheit entfesseln könnte, die würden sich tief ins zuckende Fleisch verbeißen und so ließen sich noch höher Grade des Schmerzes erreichen. Schon schrillte ein Pfiff durch die Nacht und die Kettenhunde schlugen an, zerrten an ihrem Geschirr und wollten Beute machen.
Plötzlich fand man einen alten Schlauch, ein Wasserschlauch voller Löcher zwar, aber doch immer noch wirkungsvoller als der lecke Eimer, mit zitternden Händen verband man ihn mit dem Wasserhahn, er rutschte sofort ab, als man das Wasser aufdrehte. Man schnitt sich schnell ein paar Streifen aus dem noch gesunden Gewebe, umschlang den Hahn und den Schlauch damit und betete, es möge wenigsten einige Minuten halten.
Wasser strömte, erst als kleines Rinnsal, doch dann mit großer Kraft. Das Wesen spürte die Abkühlung und für eine Bruchteil einer Sekunde so etwas wie Linderung. Aus dem kurzen Moment des Luftholens entstand ein Gedanke, der kometengleich ins Hirn schoss: Tauche meine Welt in Schwarz, damit es endlich heller wird.
Die schwarze Brühe hatte den Glaskasten gefüllt. Das Wesen wurde vom schmatzenden Schlamm verschluckt, sank in freundliches, fühlloses Schwarz. Nichts. Ruhe. Kein Gefühl.
Der merkwürdige Organismus brüllte enttäuscht auf, dieses stumpfblutfüßige Etwas hatte ihm den Spaß verdorben. Er schlug mit der wabbeligen Faust auf den Tisch, stieß dabei den Raum samt Glaskasten vom Tisch, erhob sich ächzend vom Stuhl und trollte sich davon, um sich an anderem Leid das Mütchen zu kühlen.
Man sank auf die fremden Füße, erschöpft. Erleichtert. Wenn man die Schuhe befreien könnte, würde man es vielleicht doch noch schaffen, aber erst würde man neue Füße schnitzen müssen, diese Stümpfe trügen einen nicht mehr weit. Egal. Man war auf den fremden Füßen weit gekommen. Man sang „Ich tauche Deine Welt in Schwarz…“ und freundliches Vergessen legte sich über die Schultern wie ein wattewarmer Schal.