[>>]

GedankenSchmerz

15
Okt
2009

Barfuß V

Schreie fliegen durch die Luft, die siedend heiß und abgestanden das Denken füllt und so unglaublich nach Verwesung riecht, dass man das Atmen einstellen möchte. Immer wieder hält man den Atem an, möchte weder Luft noch Geruch in sich hineinlassen. Dem Delphin gleich möchte man das Atmen mit dem Willen steuern. Stattdessen bohrt sich die verfaulte Luft tief in die Eingeweide, verätzt das Denken und stachelt die im Untergrund vegetierenden Zombies an, sich mal wieder zu einem Gelage niederzulassen. Mit gleichgültiger Grausamkeit reißen sie sich große Fetzen aus dem weißen Leib, kauen aus reiner Bosheit an den Nerven, verknoten Nervenenden und lassen ein Feuerwerk aus Schlägen und Schmerz auf die Synapsen herniederregnen. Faules Fleisch fällt von morschen Knochen, verfällt wie im Zeitraffer und lässt nur einen schleimig amorphen Klumpen übrig, der nicht mehr als Lebewesen zu identifizieren ist.

Der merkwürdige Organismus betrachtet den Verfall und das Siechtum mit mildem Interesse, er liebt den süßlichen Gestank und schlägt voller Freude mit der geballten Hand in den Klumpen, um die dicken Schleimtropfen aufspritzen zu sehen. Er wühlt suchend durch den klumpigen Matsch, schaufelt mit widerwärtigem Eifer den fauligen Schmodder von einer Seite auf die andere und findet endlich die Füße wieder, die er mit einem satten Grinsen zusammenbindet und dem Wesen vors Gesicht hält.

Wieder der Glaskasten. Blutige Füße im Staub. Es gibt kein Entrinnen.

14
Mai
2009

Nichts

Mitten im Tun wurde einem schlagartig klar, dass es zu Ende geht, dass in wenigen Stunden alles Leben vergehen würde. Unentrinnbar kam man dem zeitlosen Nichts immer näher. Man war nicht allein in der Erkenntnis, auch andere wurden ungefragt von dem Wissen um das nahende Ende überfallen, aber man war allein darin, mit dem Wissen fertig zu werden. Einige reagierten kopflos und verzweifelten, andere versuchten trotzig so zu tun, als sei es nicht wahr. Wieder andere fieberten danach, die vermeintlich wichtigen Dinge nachzuholen oder das bisher aufgeschobene in einer letzten Welle der Lebendigkeit zu erleben.

Man selbst resignierte einfach nur. Es war nun alles unwichtig geworden und völlig belanglos, was man noch tat oder nicht. Man sah dem hektischen Treiben zu, blieb ungerührt. Versuchte zu begreifen, was geschah. Nach der Resignation kam die Angst. Doch auf dem Boden der Resignation hielt sie sich nicht sehr lange, auch sie war im Grunde nicht mehr wichtig. Es folgte das Bedauern, ein brennender Schmerz. Man hätte doch noch gerne und überhaupt, aber eigentlich war das ja nun auch egal. Aller Resignation zum Trotz erledigte man noch einiges, was zwar genauso sinnlos wie alles andere war, aber falls der eine oder andere dem Nichts doch noch entkäme, konnte man ja vielleicht wenigstens für die Überlebenden noch etwas tun.

Es ging schneller als erwartet. Man wurde als eine der ersten abgeholt. Ein schlittenähnliches Gefährt fuhr vor und bevor man sich versah, lag man darauf und glitt in berauschender Geschwindigkeit in die Dunkelheit. Erst spürte man nur den Luftstrom, dann verdichtete sich die Luft. Das Gefährt drang in dichten Nebel vor, der den Körper zu zerdrücken drohte. Dumpfer Druck, dann ein scharfer Schmerz.
Vorbei.

Im Nichts angekommen.

11
Mai
2009

Spiegelstaub

Man stolperte durch den erstickenddüstren Gang, folgte mühsam den blutigen Spuren im dichten Staubteppich, aus vielen kleinen Schnitten rann leise Blut und der von den Füßen aufgewirbelte Staub brannte in den Wunden.

Die Tränen waren längst erstickt, fielen erst in dicken Tropfen in den Staub des Grauens, der sich vollsog und einem Pilz gleich auf jede Träne mit einer kleinen Explosion antwortete. Jeder Träne folgte eine Staubwolkenexplosion. Die Luft war staubgesättigt und bald hatte sich eine dicke, beissende Straubtränenkruste um die Augen gebildet. Fraß sich unerbittlich ins Gesicht, einem Geschwür gleich, dass sich von außen nach innen verbreiten will.

Fremde Füße gingen im falschen Takt, ein schmerzhaft verzögerter Takt. Man hätte sie sich von den Beinen reißen mögen, hätte man nicht so verzweifelt darum gekämpft, wenigstens noch auf diesen Stümpfen laufen zu können.

Im Spiegelsaal wartete die Folter, die unendliche Qual. Man wusste es nicht, humpelte ihr entgegen, glaubte noch, ein wichtiges Ziel zu erreichen, als sich die Falle schon schloss. Das Antlitz wurde von tausenden von Spiegeln – Zerrspiegeln zumeist - nicht nur reflektiert, sondern mit voller Wucht und von stromschlagenden Blitzen begleitet ins Zentrum geschleudert, in dem man zur Karikatur erstarrt wehrlos dem Bilderhagel ausgesetzt war.

Nach den Tränen erstickte der Schrei, der sich eben noch hallend und ätzend durch den Thorax geboxt hatte. Im tiefsten Innern hatte er Anlauf genommen, sich mit voller Wucht gegen die zarten Rippen geworfen, hatte zwar ein großen Loch in den Körper gerissen, fiel aber im letzten Moment in sich zusammen, verendete kläglich als schleimige Masse im zerfetzten Lungenflügel.

Die Bilder wurden spitzer. Morgensternen gleich zertrümmerten sie das zarte Denken. Andere verwandelten sich in Shuriken, hinterhältig und mit Effet geworfen, rissen sie tiefe Wunden ins Gemüt. Es folgte ein Hagel giftgetränkter Pfeile.

Die Füße waren schwarz geworden. Abgestorben. Totes Gewebe, unbrauchbar.

Das Denken lag in 1000 Splittern im Staub als traulichfreundlich blinkende Funkelwesen. Dekorativ, aber nutzlos. Das Gemüt verquallte sich zur amorphen Eitermasse, die bald vom Tränenstaub mumifiziert wurde.

Die Augen mussten alles mit ansehen, konnten sich den Bildern und ihren Folgen nicht entziehen. Kein Detail blieb ihnen erspart. Man wünschte sich nur noch, die Augen schließen zu dürfen, doch die Lider hatten sie längst entfernt.

Man wartete auf das blicklose Nichts, noch donnerten die Bilder aus den Spiegeln. Erst wenn das gespiegelte Wesen verging, würden die Spiegel blind. Es aber war zur Existenz verurteilt.

13
Apr
2009

Morpheus

Morpheus ist ein recht launischer Geselle, der sich in stetig wandelnder Gestalt zeigt. Mitunter gibt er den charmanten Verführer, zieht einen sanft und doch unerbittlich in seinen Bann und hält den Geist im wagen Ungefähr gefangen. Fast körperlos schwebschwimmt man durch die Welt des Ungefährs, wandelt durch elysische Gedanken, begegnet zarten Bildern, die noch beim Aufwachen ein wenig schmerzen und der Wehmut reichlich Nahrung bringen. Federleicht, von aller Erdenschwere befreit, wandelt man durch hauchdünne Mitternachtsspitzenlandschaften, die von leisen Tönen getragen werden, alle Wohlgerüche der bekannten Welt enthalten und die Haut nie frieren lassen. Ja, gelegentlich webt er Traumteppiche, auf denen man unentwegt fliegen möchte und man nimmt es Hypnos wirklich übel, dass er Morpheus‘ Zeit immer recht knapp bemisst.

Zur Zeit hält Morpheus sich allerdings für einen recht durchgeknallten, sadistischen Horrorfilmregisseur, der - einem Ed Wood-Epigonen gleich - nur unglaubliches Schmierentheater zu inszenieren versteht, aber desto verbissener jede Nacht an einem großen Wurf arbeitet, denn er weiß – aber auch nur er – dass er ein verkanntes Genie ist. Da wird gemordet, seziert, gequält und drangsaliert, dass Hieronymus Boschs Höllenvisionen als Kleinkindlektüre durchgehen. Der Geist wird an einen bleischweren Körper gefesselt, mit Schmerz verwoben, der sich unerbittlich durchs Denken brennt. Mit glühenden Eisen und nachleuchtenden Farben werden die Folterszenen in die Synapsen gebrannt, bohren sich harpunengleich ins Bewusstsein und wollen nicht verblassen. Die Zähren zehren reichlich von diesen Bildern und bereiten dem Morgen einen verquollenen Empfang. Man möchte Morpheus raten, sich eine neue Crew zu suchen, Requisiteure, Drehbuchschreiber und das Kamerateam schleunigst auszutauschen. Müde lächelnd entgegnet er, dass er nun einmal nur mit dem Material arbeiten könne, das er in des Schläfers Hirn finde…

20
Mrz
2009

Frühlingsfrösteln

Wenn die Haut friert, möchte man der inneren Stimme den Ton abdrehen, denn sie ruft nach unerhörten Worten, die sich erst im Dickicht der Träume verfangen und dann im Kokon der Ignoranz versponnen haben. Sie metamorphieren, könnten sogar als LetterSchwinge mit feuchten, vielfältigen Flügeln aus den engen Gefängnissen schlüpfen, würden zögerlich die Schwingen ausbreiten, wenn nicht der kalte Hauch der Haut sie zerspringen ließe.

Im Frühling friert die Haut am meisten. Der Kältepanzer isoliert den kalten Kern aufs trefflichste. Das Denken mag die kühle Aura der Isolation, es läuft sich doch so häufig heiß. Die LetterSchwinge wollen Wärme, trockenzarte Wohligwärme, in der sich die Schwingen pergamentig entfalten können, die kleinen Puderfäuste nicht verkleben und auch nicht zerfallen.

Frühlingsfrösteln lässt LetterSchwinge schlafen, gefangen in ihren Kokons warten sie vergeblich auf wohltemperierte Zeiten. Gelegentliche Feuersbrünste verbrennen nicht nur die Haut, nein, auch viele der Kokons. Wenn sich die LetterSchwinge von steigender Hitze verführt, aus ihren Puppen trauen, zerfallen sie zu Stammelpuder, das das Denken verstauben lässt.

Wenn die Haut friert, möchte man sie mit Worten trösten, die nicht schmerzen, deren Sinn die Sinne speist und das Denken temperiert. Man schnitzt und feilt an kleinen Worten, die niemals die Kraft der LetterSchwinge haben werden, aber auf kalter Haut gedeihen können Die LetterSchwinge warten, warten und vergehen.

17
Mrz
2009

Knietief ins Lachen gebeugt

Unendliche Male knietief im Morast ungelebter Gefühle und Ideen gewatet, der verwesendsüßliche Duft unerhörter Gedanken schwängert die Luft, betäubt den Mut, den man bräuchte, um einfach aufzustehen und etwas anderes zu sehen. Dem Ork gleich fand man Heimat in den wohlvertrauten Kemenaten der Dunkelsucht, man kann sie nicht verlassen, würde man doch im hellen Tageslicht erlöschen. Illusionen werden aufopfernd gehegt, sind ein Symbiont, der sich zum Parasit entwickelt hat. Langsam wuchs er am weißen Leib empor, zartes Gespinst aus eisernem Zwang. Man wächst mit zartem Verlangen und ungeheurem Zagen, das Geflecht bleibt unerbittlich, schneidet tief ins Fleisch, sich am Schmerz ergötzend.

Verborgen in den unteren Gefilden brennt ein Lachen, das in die Welt getragen werden will. Unerbittlich, ein wenig stur und erstaunlich zäh nimmt es immer wieder Anlauf, um die feindlichen Wächter zu überrennen. Es macht sich groß, bläst sich auf, gibt den Helden, doch die finsteren Gesellen können nicht mal müde lächeln, jagen es mit roher Kraft unter eisigen Hieben wieder ins Dunkel hinein.

Das Lachen ist müde, möchte sich Hypnos ergeben, will von Morpheus nichts mehr wissen, ist gar dem Thanatos nicht abgeneigt. Zitternd faltet es sich ins Schicksal, verliert sich in tarnender Transparenz, während seine zartharten Tentakel sich im Ungefähr ihre Wege suchen. Die Tentakel unterminieren die Gewölbeböden, mäandrieren an den Wänden entlang, bilden ein Spinnennetz des Gelächters, das sich in Schweigen hüllt und unerhört sanft die üblen Spießgesellen meuchelt.

Das Gespinstgelächter hat alle Gemächer infiltriert, hat sich überall ausgebreitet, hat schweigend Überhand genommen und landet nun den letzten Coup, verwandelt sich in tobendes, kreiselndes Wasser, das ungestüm glucksend einfach alles mit sich reißt. Aus jeder Neer klingt Glockengelächter, das Gegner mundtot macht. Es fließt durch alles hindurch, durchtränkt jede Faser des kleinen Seins, kennt nur eine Quelle und mündet nie.

Knietief ins Lachen gebeugt freut man sich über die Vision, die für den Moment die Illusion verdrängen kann.

Knietief ins Lachen gebeugt…

24
Feb
2009

Reizend

Zerberstende Gedanken wirbeln puderfein durchs verquaste Hirn, bedecken alles mit Staub durchmischt mit scharfen Splittern. Wenn das Rabenvieh sich durch die Gänge stiehlt, verrät das zarte Knirschen unter seinen Schritten den Weg.

Schmetterlingsleichen flattern durch die glitzernde Luft, elfengleich wirbeln sie daher und können wie die Kollibris auf der Stelle fliegen, was ihnen schnell zum Verhängnis wird, wenn das Feuerhirn mit der großen Keule bewaffnet auf die Jagd geht. Schon klatschen die zarten Wesen durch die Luft, werden im Flug von Blitzen aufgespießt und verrotten elend im feuchten Staub. Tritt drauf, es lebt noch.

17
Feb
2009

Pan

Der alte Haudegen hat mal wieder seine Gefolgschaft zusammengetrommelt und spielt mit ihnen zum fürchterlichen Tanz auf. Den Verstand haben sie längst in die Flucht geschlagen. Der feiste Schlagzeuger hat sich das Herz als Instrument gewählt, schlägt immer wieder mit infernalischer Wut auf es ein, so dass es zu platzen droht.

Die kleineren Musikanten haben sich auf die Trommelfelle gestürzt und führen auf ihnen mit spitzen Hacken Stepptänze auf. Das Echo der klackenden Fußtritte hallt durchs ganze Hirn, betäubt dabei jeden Gedanken und stachelt die Bewohner der unteren Gefilde zum rasenden Tanz auf. Einmal aus den engen Katakomben, in denen der Verstand sie gefangen hielt, befreit, werden sie zum geifernden Mob, der in stumpfer, brutaler Wut durch Hirn und Gemüt marodiert, eine Schneise der Verwüstung hinter sich lassend.

Eine Schneise, die der Angst als Einfahrt dient. Die Angstwelle rollt mit donnernder Kraft herein, alles ersäufend, was sich nicht auf die letzten Anhöhen retten konnte. Gurgelnd umschlingt die Angst die zappelnden Gedankenleiber, die sich mit aller Kraft ans Ufer zu retten versuchen. An ein Ufer, das längst nur noch Schlamm ist und bald völlig weggeschwemmt sein wird. Im Handumdrehen sind die Gedanken ersoffen, treiben als Leichen in der Angst, die sich wollüstig mit ihnen vollstopft. Nur noch infernalisches Trommeln in Herz und Hirn, treibender Schlag mit schmerzhafter Wucht.
Nur Schläge, Schläge, Schläge. Pochen. Klopfen. Und ein Schrei.

9
Feb
2009

Barfuß IV

Der merkwürdige Organismus langweilte sich, das Wesen im Glaskasten schien sich nicht mehr zu rühren, es umklammerte wie gehabt die Schuhe. Beine und Arme gefesselt, war es zur Regungslosigkeit verurteilt und hatte sich wohl dem Stupor ergeben. Dieses aufgeregte, blutstolpernde Etwas hantierte mit Wassereimern, ohne zu bemerken, dass der Eimer ein Loch hatte, und es 100 Jahre dauern würde, bis es den Glaskasten mit Wasser füllen würde.

Der Organismus beschloss, sich ein wenig Abwechslung zu verschaffen, schnippte mit einer lässigen Bewegung sämtliche Türen zu, betrachtete das Wesen im Glaskasten. Da war so viel nicht zu sehen, aber das köstliche Innere würde ihm sicherlich noch Spaß bereiten. Also öffnete der Organismus die Hirnschale des Wesens und leuchtete mit einem grellen Scheinwerfer die bisher in freundlicher Dunkelheit ruhenden Gedankenleiber aus. In dem verquasten Hirn schien es mal wieder lustig durcheinander zu gehen. Es blubberte an einigen Stellen, zäher Schleim kroch durch einige Gänge und die Temperatur war deutlich erhöht. An einigen Ecken schwärten Gefühlspestbeulen und verbreiteten den dezenten Duft rottender Wünsche. Der Organismus nahm eine dicke Stricknadel, stach in eine dieser Beulen hinein, aus denen der ätzendsaure Saft der unerhörten Gefühle erst nur leckte, aber mit jedem Stich klatschten dickere Tropfen der gallebitteren Flüssigkeit in den Gedankenstrom, gewannen mit ihm schnell an Fahrt und wirbelten durch das halbtote Hirn.
Der Gedankenstrom mäanderte durch das Hirn, färbte sich zusehends sehnsuchtfarben ein und sein pestilenzartiger Gestank ließ die ein oder zwei verbliebenen Soldaten des Verstandes grün anlaufen, die daraufhin geistkotzend das Weite suchten.

Der Organismus rieb sich die Hände, da passierte mehr, als er zu hoffen gewagt hatte, das konnte noch ein schönes Schauspiel geben.

Aus dem wirbelnden Strom, der mehr und mehr die Konsistenz von Treibsand angenommen hatte, erhoben sich ein paar uralte Gedankenleichen, man hatte sie einfach in den Fluß geworfen, weil man sich weder mit den Leichen, noch mit den Gründen ihres Todes hatte beschäftigen wollen. Nun wurden sie zu neuem Leben erweckt und gewannen erstaunlich schnell an Größe und Kraft. Sie ließen sich so lange vom mäandernden Strom vorantreiben, bis sie sich am Schlamm des Unerhörten genügend gelabt hatten und robbten sich dann erstaunlich behende aus dem Schlamm ans Ufer. Dort taumelten sie ein Weilchen zombiegleich durch die Gegend, das Gehen fiel schwer und noch wussten sie nicht, was sie tun sollten. Sie stromerten ziellos durch die Gedankenbaracken, trieben sich im Gefühlswald herum, machten um den Sumpf einen großen Bogen, den der war ihnen ja schon mal zum Verhängnis geworden. Ein Zombie geriet ins Nervenfeld und wunderte sich ein wenig über all die Funken, Blitze und knisternden Laute, die da durch die Luft stoben, sie zischten zwischen all den Nervenenden hin und her, dass sich den Gedankenzombies die Haare aufstellten. Schnell rief der Zombie die anderen herbei, schrie nach Messern und anderen Waffen und im Handumdrehen hatten die Zombies sich daran gemacht, das Myelin von den Nerven zu kratzen, den Strom auf die ungeschützten Nerven zu leiten und um das Szenario noch ein wenig aufzuheitern, panschten sie mit Salzwasser herum.

Das Wesen wurde mit einer Kakophonie der Schmerzlaute aus der Katatonie geholt. Ein Brüllen lag in der Luft, das so stark war, dass es den Luftstrom der Laute auf der Haut spürte. Funkenbunter Schmerz ergoss sich durch den Körper und riss alles andere mit sich fort. Der Schmerz biss, zog, zerrte und zwickte an allem, was sich ihm in den Weg stellen wollte. Das Wesen wünschte sich nichts mehr, als das es endlich wieder den Verstand verlöre, das Tremolo der auf es niederprasselnden Schmerzen verwandelte den weißen Leib in eine regenbogenschillernde Masse, da jeder Stoß sofort Hämatome hervorrief.

Man lief immer noch wie mit fremden Füßen, die Blutspur im Staub wurde immer dicker und der Grund wurde rutschig, aber man musste mehr Wasser in diesen Glaskasten schütten. Der Eimer war nicht dicht und man verlor soviel Wasser, dass es noch 100 Jahre dauern würde, bis man den Glaskasten gefüllt hätte. Verzweifelt suchte man nach einer anderen Lösung, durchsuchte die Räume fieberhaft, rutschte mit den blutigen Stümpfen aus und wusste kaum, was man tat.

Das Wesen war nur noch Schmerz. Es gab kein Sein mehr, nur noch zuckender, veitstanzender Schmerz, der sich durch die Synapsen brannte und den zarten Leib immer wieder mit roher Gewalt an die Wand schleuderte.

Die Zombies hatten helle Freude an dem Feuerwerk, das sie da veranstalteten und der merkwürdige Organismus ergötzte sich geifernd an dem Schauspiel. Er wälzte sich vor Freude in dem Schmerz, dem Ekel und dem Gestank des verwesenden Wesens. Er überlegte, dass er noch ein paar Kettenhunde der Vergangenheit entfesseln könnte, die würden sich tief ins zuckende Fleisch verbeißen und so ließen sich noch höher Grade des Schmerzes erreichen. Schon schrillte ein Pfiff durch die Nacht und die Kettenhunde schlugen an, zerrten an ihrem Geschirr und wollten Beute machen.

Plötzlich fand man einen alten Schlauch, ein Wasserschlauch voller Löcher zwar, aber doch immer noch wirkungsvoller als der lecke Eimer, mit zitternden Händen verband man ihn mit dem Wasserhahn, er rutschte sofort ab, als man das Wasser aufdrehte. Man schnitt sich schnell ein paar Streifen aus dem noch gesunden Gewebe, umschlang den Hahn und den Schlauch damit und betete, es möge wenigsten einige Minuten halten.

Wasser strömte, erst als kleines Rinnsal, doch dann mit großer Kraft. Das Wesen spürte die Abkühlung und für eine Bruchteil einer Sekunde so etwas wie Linderung. Aus dem kurzen Moment des Luftholens entstand ein Gedanke, der kometengleich ins Hirn schoss: Tauche meine Welt in Schwarz, damit es endlich heller wird.
Die schwarze Brühe hatte den Glaskasten gefüllt. Das Wesen wurde vom schmatzenden Schlamm verschluckt, sank in freundliches, fühlloses Schwarz. Nichts. Ruhe. Kein Gefühl.

Der merkwürdige Organismus brüllte enttäuscht auf, dieses stumpfblutfüßige Etwas hatte ihm den Spaß verdorben. Er schlug mit der wabbeligen Faust auf den Tisch, stieß dabei den Raum samt Glaskasten vom Tisch, erhob sich ächzend vom Stuhl und trollte sich davon, um sich an anderem Leid das Mütchen zu kühlen.

Man sank auf die fremden Füße, erschöpft. Erleichtert. Wenn man die Schuhe befreien könnte, würde man es vielleicht doch noch schaffen, aber erst würde man neue Füße schnitzen müssen, diese Stümpfe trügen einen nicht mehr weit. Egal. Man war auf den fremden Füßen weit gekommen. Man sang „Ich tauche Deine Welt in Schwarz…“ und freundliches Vergessen legte sich über die Schultern wie ein wattewarmer Schal.

24
Jan
2009

Alekto

Uralte Rache, fast schon kalt, hatte sich einem Kuckuckskind gleich in die Abseiten des maroden Hirns geschlichen und dort ein wenig in der Ablage ungeliebter Erinnerungen gewühlt. Hatte sich an all den kleinen, bösen Szenen geweidet, sich das eine oder andere einprägsame Bild einverleibt und nahm beträchtlich an Umfang zu. Es fand sogar den Schlüssel für das Verließ, dem Kuckuckskind machten die Schrecken dieses Gemaches nichts aus, im Gegenteil es sog all die verstaubte Wut in sich auf und nährte seinen Machthunger aufs trefflichste. Frisch gestärkt spazierte es durch das müde Denken und fand es an der Zeit, eine kleine Treibjagd zu veranstalten. Legte sich auf die Lauer und schnell ging ihm der erste Gedanke ins Netz. Das Kuckuckskind sog den Gedanken aus und spie einen halbverdauten Brei der eben gesammelten Bilder in den kleinen grauen Leib, schüttelte ihn ein wenig und warf ihn wieder ins allgemeine Treiben. Schnell hatte es eine ganze Reihe von Gedanken erlegt, neu gefüllt und wieder entlassen. Zufrieden legte es sich in eine ruhige Ecke und erwartete das Schauspiel.

Mitten im Satz schoß ein Erinnerungsfetzen durchs Hirn. Man wusste nicht gleich, wo das Bild einzuordnen war. Schob es zur Seite und sprach weiter. Nicht sehr lange. Dann schoß das nächste Bild durch den Satz, ließ einen stocken und das Gegenüber fragte schon, ob man denn noch da sei. Auch dies schob man zur Seite, konzentrierte sich auf das Gespräch und steuerte das Denken per Autopilot. Im Hintergrund des automatisierten Denkens suchte man nach den Bildfunken und vesuchte sie zu erkennen. Das Gespräch und der Tag ließen sich so bewältigen, man gewann die Routine zurück. Man hatte noch weitere Bildfraktale im Denken gefunden, sie aber bei Seite geschoben. Das hatte jetzt einfach keinen Platz.

Blitze. Zucken. Schlagartige Erkenntnis, welche Bilder da im Hintergrund durchs Hirn spukten. Schreckstarre. Pulsrasen. Nach so langer Zeit. Vorbei. Vorbei. Vorbei. Ich will es nicht sehen, will es nicht wissen. Es half nichts. Zu spät. Schon hatte sich der uralte Modder ins Denken gequetscht. Überflutete es, spülte sich in den Vordergrund und ertränkte den Restverstand, der prustend in einer Welle blutroten Schleims unterging. Das Jetzt verlor seine Gültigkeit. Vergangenheit wurde einem um die Ohren geschlagen.

Dann kam der Hass. Hielt sich nicht mit langen Vorreden auf, steuerte auf das Zentrum des Gemüts zu: „Na, wird es nicht langsam Zeit für etwas Rache?“ Man nickte. „Und was wirst Du tun? Komm, schrei es heraus.. das wird Spaß machen.“ Man wusste sofort, was man tun wollte, malte sich all die Folterqualen aus, die man sich für die Peiniger so köstlich überlegt hatte. Streckbank, Salzpackung, glühende Nadeln, Licht und Wasser, alles sah man klar vor sich. Die Bilder schmerzten, kaum zu ertragen. Aber man begriff, dass es witzlos war.

Es schmerzt nur mich. Niemand anderen. Sinnlos.

Am nächsten Tag fand man die kleine Leiche des Kuckuckskindes mit gebrochenen Flügeln, verdrehten Gliedern und starrem Blick im Müll.
logo

GrenzGang

Fiktion und Wirklichkeit

Zuletzt passiert....

Schön, daß...
Sid Faultier - Fr, 00:11
Barfuß V
toxea - Do, 08:07
So still geworden...
Aurisa - Sa, 20:50
Nichts
toxea - Do, 06:37
wow
toxea - Di, 21:16
..unvorstellbar!...
nordenmaedchen - Di, 16:56
Spiegelstaub
toxea - Mo, 18:25

Anybody out there?

website stats

Add to Technorati Favorites Deutsches Blog Verzeichnis bloggerei.de - deutsches Blogverzeichnis Blogverzeichnis Fiction Blogs - BlogCatalog Blog Directory

Woanders gerade passiert:

6. Dezember
sjÁlfur - So, 00:01
machdirdiewelt!
to01 - Sa, 22:42
Danke, liebes Universum,
june - Sa, 15:42
5. Dezember
sjÁlfur - Sa, 00:01
Ich will jetzt!!!
june - Fr, 21:52
Oh la la...
mehrLicht - Fr, 21:52
[ ! ]
sjÁlfur - Fr, 20:52
4. Dezember
sjÁlfur - Fr, 00:01
Schlechter Sex &...
june - Do, 20:24

Credits

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur für neue Medien

powered by Antville powered by Helma


Creative Commons License

xml version of this page
xml version of this page (summary)
xml version of this topic

twoday.net AGB