Als sie aus der Praxis kam, schlug das Leben vor der Tür einer Welle gleich über ihr zusammen. Sie tauchte aus der Stille und der Irrealität der letzten Stunde wie eine Ertrinkende auf. Schnappte innerlich nach Luft und konnte den Lärm des Stadtverkehrs kaum ertragen. Er bereitete ihr körperliche Schmerzen, sie hatte den Eindruck, alles ginge durch sie hindurch - als sei sie nur eine Nebelwand. Schon wieder eine Assoziation. Ein anderer Therapeut hatte gesagt, er habe sie kaum erkannt, als er sie unvermittelt beim Stadtbummel traf. Sie sei so anders gewesen und er bekam den Eindruck, sie durch eine Nebelwand als eine Art Schattenwesen zu sehen. Er konnte nicht entscheiden, welches der Bilder ihr wahres Wesen spiegelte. Das in der Stunde oder das aus der Alltagssituation. Eine Äußerung, die bei ihr widersprüchliche Gefühle ausgelöst hatte. Fassungslosigkeit, weil der Therapeut sie so gar nicht zu kennen schien. Und Freude darüber, dass sie ihm noch Rätsel aufgeben konnte. So leicht war sie offensichtlich nicht zu ergründen. War kein offenes Buch, was sie auch niemals hatte sein wollen. Als er ihr dann noch eine gewisse geheimnisvolle Aura zusprach und sie mit Greta Garbo verglich, war sie ein wenig stolz auf sich gewesen und hatte begonnen, in den Stunden Rollen zu spielen, um den Therapeuten noch ein wenig mehr zu verwirren. In einer schwer zu fassenden Weise hatte sie das als Macht empfunden. Aber es war eine Macht, die sie nicht stärkte, sondern peu a peu zum totalen Zusammenbruch geführt hatte. Sie wollte jetzt nicht daran denken. Es bereitete ihr immer noch Seelenpein. Seelenpein, was für ein blumiges Wort. Manchmal wunderte sie sich über sich selbst. Albern. Sie hatte schon eine ziemliche Therapie-Odyssee hinter sich gebracht, war aber immer noch nicht angekommen. Im Gegensatz zu Odysseus wusste sie aber auch gar nicht, was ihr Ziel sein könnte. Sie war immer nur von den Gestaden einer Therapie zu denen einen anderen gesegelt. Hatte ihre Seele kreuz und quer durchfahren, erwandert, durchflogen und durchkrochen, ohne jemals eine Ahnung davon zu bekommen, wo das enden sollte. Immer kam dann irgendwann der totale Zusammenbruch. Wenn sie dann am vermeintlich tiefsten Punkt angekommen war, waren größere Ziele ohnehin unwichtig. Es zählten nur noch kleine Etappenziele. Man musste die akute Krise überwinden, die Alltagstauglichkeit wiederherstellen, viele normale Dinge wieder neu lernen und demonstrieren, dass man sich ernsthaft bemühte aus dem jeweiligen Zustand wieder herauszukommen. Das war dann schon eine Leistung, und noch nicht mal eine geringe. Unter normalen Umständen hätte kein Mensch das als Leistung bezeichnet, aber wenn man den Kopf unter dem Arm trug, war jeder schon zufrieden, wenn man ihn wieder auf den Hals setzen konnte. Jedes Mal wurde der Riss in ihr größer. Die Wunde verheilte nie ganz. Und jetzt spürte sie nur noch diese Wunde, die sich entzündet hatte und ihr die klaren Gedanken raubte. Sie war eine klaffende Wunde, eine Wunde, die ein riesiges Maul hatte. Das Maul fraß alles in ihr und spukte es wieder in einer Welle aus Ekel und Hass aus. Sie war angefüllt mit dieser schleimigen Mischung aus Ekel, Hass, Wut, Trauer, Sehnsucht und Hunger. Hunger. Das Leitmotiv. Sehr vertraut und sehr verhasst. Sie musste jetzt etwas essen. Sie musste essen, essen, essen.
Sie verwarf alle Gedanken, legte ihre Rüstung an und ging in den nächsten Supermarkt, um alles für ein Freßgelage einzukaufen und so wenigstens den körperlichen Hunger für einen Moment zum Schweigen zu bringen: Frikadellen, Eiskrem, Waffeln, Milch, Kakao, Schokolade, Remoulade, Brötchen. Sie zögerte, sollte sie auch die Mürbekekse kaufen? Die formten sich zu großen Klumpen, an denen sie beim Erbrechen zu ersticken drohte. Aber wenn sie die herausgewürgt hatte, war das eine Art Sieg. Mit eiligem Schritt schaffte sie ihre Beute nach Hause und noch im Mantel aß sie schon die ersten Waffeln aus der Packung. Während sie Mantel und Tasche ablegte, fing sie mit der Zubereitung der Hamburger an, sich dabei immer wieder neue Nahrungsmittel in den Mund stopfend. Schlang alles herunter, atmete das Essen, trank Milch und Kakao, fraß Kekse mit Eis zusammen und stopfte und würgte das Essen solange in sich hinein, bis der Hungerschmerz nachliess, das wütende Toben der darbenden Eingeweide sich beruhigte und für eine kurze Sekunde das Gefühl des Sattseins entstand. Ein gieriger, hastiger und unerhört ungehöriger Fressanfall, der nicht einmal 30 Minuten andauerte. Dann tat alles weh, der Magen schmerzte und sie meinte, sie müsse platzen. Sie wusste, dass nun schleunigst alles wieder heraus musste, denn sie wollte ja auf keinen Fall zunehmen. Sie stand vorm Spiegel und betrachtete voller Ekel ihr Gesicht. Nahm ein Messer und ritzte kleine vermeintliche Pickel auf. Sie merkte kaum, was sie tat. Wenige Minuten später sah sie aus, als habe sie Masern. Viele kleine rote Male verunzierten ihr Gesicht, blutend. Nun war es nicht mehr aufzuschieben. Es musste alles raus. Sie steckte sich den Finger in den Hals und hustend erbrach sie den ganzen Nahrungsbrei in einem Schwall nach dem anderen. Sie kotze sich wahrlich die Seele aus dem Leib. Nichts durfte drin bleiben. Etwas Blut war dabei. Zuletzt spie sie nur noch bittere grüngelbe Galle aus. Das war das Zeichen, dass sie aufhören durfte. Sie war völlig erschöpft. Aber nun mussten alle Spuren gründlichst beseitigt werden. Sie putzte wie besessen und hoffte, so auch ihren Ekel vernichten zu können. Der aber klebte an und in ihr wie Melasse. Sie putzte sich gründlich die Zähne, wusch sich, aber noch immer klebte der Ekel wie ein Makel auf ihrer Haut. Sie hatte unendlichen Durst. Trank eine Flasche Wasser in einem Zug aus und hasste sich. Hasste sich so abgrundtief und hätte sich am liebsten selbst geschlagen. Sie räumte die leeren Verpackungen weg, warf die nicht gegessenen Reste weg. Beseitigte auch hier alle Spuren des unerhörten Zwischenfalles während Verzweiflung in ihr Gemüt einzog. Sie war unfassbar wütend. So hilflos. Sie schrie unter Tränen. Aber all das Weinen half nichts, die Tränen spendeten keine Erleichterung. Sie leerte ein Glas Wein auf Ex und der Alkohol lullte sie schnell ein. Sie legte sich aufs Bett, machte den Fernseher an und weinte weiter. Weinte, weinte, weinte, bis sie vor Erschöpfung einschlief. Den Tag hatte sie hinter sich.
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