LebensWut

5
Mai
2008

Auftakt

Schon der Morgen atmet Hässlichkeit und der Tag reicht abgestandene Enttäuschungen zur Erfrischung.

19
Jan
2007

LebensWut X

Sie lachte. Erstauntes Aufblicken auf der anderen Seite. Aber ein kurzes Lächeln konnte ihm doch entkommen. Sie lachte wieder. “Und was bringt Sie jetzt zum Lachen, Frau Patientin”. Ein Satz wie ein Peitschenhieb. Irgendwie hatte sie vergessen, dass der Herr Therapeut real war und der Satz traf sie unvermutet. Konnte sie ihm sagen, was gerade passiert war? Ein Test. Aber für wen? Sie schilderte ihm das eben geschehene. Kurze Ratlosigkeit, oder war das eine Täuschung?
“Nun, wenn es Sie lachen lässt, ist das doch sehr schön”. Sehr unverbindlich. Was darauf erwidern? “Ja, der große Geist entdeckt auch in der Tragödie noch den Funken Witz”.
“Tragödie, was meinen Sie damit?” Na Klasse, sie hatte ihm da ja eine Steilvorlage geliefert. Erstaunlich, dass er nicht eine Anspielung auf den großen Geist machte, denn implizit hatte sie sich ja wohl als solcher bezeichnet. “Ach, irgendwie komme ich mir ständig vor, als sei ich die tragische Rolle in einem Stück dessen Drehbuch ich nicht kenne und deshalb verpasse ich immer meinen Einsatz.” Schön gesagt, und recht schwammig.“Und warum ist es die tragische Rolle”. Gute Frage, hätte sie auch gefragt.
“Weil ich nie weiß, was ich eigentlich hätte tun sollen und ständig das Gefühl habe, die falsche Entscheidung getroffen zu haben. Weil ich eigentlich in dieses Stück nicht gehöre, aber aus unerfindlichen Gründen immer wieder auf dieser Bühne lande, auf der ich mich wie ein Eindringling fühle. Ich verstehe die Handlung nicht und auch kaum die Worte. Und eigentlich sollte ich gar nicht da sein und weil ich dann auch noch alles falsch mache, wird es immer schlimmer.” read more

16
Jan
2007

LebensWut IX

Auf dem Weg zur nächsten Sitzung. Was sollte sie da erzählen? Sie hatte sich zwar alles in Gedanken zurecht gelegt, aber vielleicht sollte sie anders vorgehen. Gab es irgendeine Strategie, die sie verfolgen sollte? Aber wie sollte es eine Strategie geben, wenn sie noch nicht einmal wusste, was sie eigentlich erreichen wollte. Der Therapeut begrüßte sie mit einem warmen Händedruck, bat sie Platz zu nehmen, griff sein Schreibtablett, wandte sich ihr zu und sah sie auffordernd an. Er sagte nichts. Überließ es ihr, die Stunde wie auch immer zu eröffnen. Sie hatte keine Ahnung, was sie sagen sollte. Reichte ihr nicht mit einem offenen “Wie geht es Ihnen heute, Frau Patientin” die Hand, um die riesige Kluft zwischen ihr und ihm, der so nah und zugleich unerreichbar, war, zu überbrücken helfen. Er saß da vor seiner Bücherwand, hätte genauso gut dahinter sitzen können, es machte keinen Unterschied. Kunstbände, Psychologisches in allen Preisklassen, vom allgemeinen Ratgeber über Klassiker bis hin zu etwas abstruser englischsprachiger Betroffenenliteratur. Sehr beeindruckend. Wohlgeformtes Chaos, das wohl ausdrücken sollte, dass er die Bücher auch las, mit ihnen lebte. Schön, schön, aber das half ihr auch nicht. Sollte sie ihm von den Fressanfällen erzählen? Sie schämte sich dafür und war nicht sicher, ob das schon dran sein sollte. Aber es kam ihr nichts in den Sinn, leer, alles leer. Weg. Und wenn man es anders betonte, wurde es ein Weg, aber der führte nirgendwo hin. Er schlug die Beine über einander. Verschließende Geste, sollte sie sagen: Es ist ihre Zeit, die wir hier verschenken? Ihre Zeit, Zeit hatte sie genug. Und auch wieder nicht. Sie betrachtete ihre Hände, sah die unzähligen Verletzungen. Sie blickte auf, und sah, dass sein Blick auch auf ihren Händen ruhte. Ertappt. Wobei eigentlich? Sag doch endlich was. Wer hatte das jetzt zu wem gesagt?

“Tja, in den letzten Tagen ging es mir nicht so richtig gut”. Beifall für das Understatement der Woche. Offener Blick auf der anderen Seite, eine leise angedeutet Zucken mit der Augenbraue, das wohl signalisieren sollte, dass er ganz Ohr ist. Wenn es gegangen wäre, hätte er wohl die Ohren gespitzt, um im Bild zu bleiben. Der Satz war vor ihr auf den dicken Teppich gefallen, wo er jetzt sein Leben aushauchte und sich in eine amorphe Masse verwandelte. Die amorphe Masse rappelte sich auf und krabbelte über den Teppich zum Schreibtisch, kletterte an ihm hoch, schenkte ihr eine Kusshand und stürzte sich kopfüber in den Papierkorb.

15
Jan
2007

LebensWut VIII

Nachmittags würde sie also die nächste Stunde haben. Das hieß, sie musste früher aus dem Büro weg, aber das war eigentlich kein Problem. Der gestrige Abend war nach dem üblichen Muster verlaufen. Sie hatte auf dem Heimweg eingekauft, alles bestimmungsgemäß heruntergeschlungen und wieder ausgewürgt. Routine. Wenn nur nicht dieses Gefühl des Schmutzigsein davon übrig bliebe. Eigentlich war sie ganz zufrieden, dass sie in der letzten Zeit schon Gewicht abgebaut hatte, anders ging es kaum. Der Hunger war so groß. Sollte sie das dem Therapeuten erzählen? Schwer zu entscheiden. Als professioneller Helfer dürfte er ja nicht schockiert sein. Das musste ja wohl sein Alltag sein. Aber vielleicht war es doch zu früh dafür. Er würde ihr bestimmt nahe legen, alles daran zu setzen, damit endlich aufzuhören. Das war ja ein gestörtes Verhalten. Und überhaupt. Das geht doch nicht. Wenn sie doch nur mal aufhören könnte, ständig mit den Gedanken abzudriften. Sie war nie ganz bei der Sache. Jedes Ding auf das sie prallte, löste eine Welle von Erinnerungen, Gedanken und Bildern aus, die für sie einen größeren Stellenwert hatten als die reale Welt. Sie erlebte im Geiste Situationen aus der Vergangenheit wieder und wieder oder antizipierte künftige Geschehnisse. Wie jetzt die Therapiestunde. Wer konnte sagen, wie sie verlaufen würde, aber trotzdem spann sie sich die ganze Stunde im Kopf schon aus. Das einzige Gefühl, dass sie immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholte, war der Hunger. Und der bohrte jetzt wieder in ihr. Sie musste etwas essen. Es ging nicht mehr anders. Und sie würde es in sich behalten müssen, denn im Job zu kotzen, war absolut tabu. read more

LebensWut VII

Irgendwie war es Nachmittag geworden. Die Halbtagskräfte verließen das Büro, es wurde ruhiger. Theoretisch hätte sie nun ihre Stille Stunde haben sollen. Ein weiterer vergeblicher Versuch, das Chaos des Alltags zu reglementieren. Vermeintlich gute Ideen, die einem auf irgendwelchen Schulungen oktroyiert wurden, um effektiver zu sein. Prioritäten vergeben, stille Stunde, Pareto und all der ganze Zeitmanagement-Blödsinn, von dem ein ganzer Dienstleistungssektor lebte. Wie viele dieser Zeitmanagement-Gurus hielten sich wohl an ihre eigene Doktrin? Es war doch geradezu eine Auszeichnung, keine Zeit, aber viel Stress zu haben. Wieder eine völlig schwachsinnige Selbstüberhöhung. Ich habe keine Zeit, ergo: ich bin wichtig. Sie hatte immer mehr Zeit als ihr lieb war. Viel zu viel Zeit, die leer blieb und sie immer wieder auf die Tatsache der absoluten Sinnlosigkeit zurückwarf. Plötzlich meldete sich nagender Hunger in ihren Eingeweiden. Sie versuchte, tagsüber nichts zu essen. Das war nicht immer einfach, weil eine der Kolleginnen immer wieder Kuchen mitbrachte und manchmal konnte sie nicht widerstehen. Sie hatte das mal besser gekonnt. Damals war sie konsequent gewesen und hatte so ein Gewicht von 44 kg und weniger geschafft und darauf war sie wirklich stolz gewesen. Eitler Fatz, der sie war. Aber dann hatte sie sich auf eine Therapie eingelassen. Gezwungenermaßen eigentlich, weil der Arzt meinte, sie sei zu dünn. read more

14
Jan
2007

LebensWut VI

Schon wieder klingelte das Telefon. Heute morgen war die Hölle los. Irgendein Scherzkeks hatte mal wieder ein geniales Konzept zur Behandlung von Krebs gefunden, den Urheber dieser unglaublichen Therapie aus der wohlverdienten Nichtbeachtung ins helle Licht der Boulevard-Presse gezerrt und Debil titelte in großen Lettern: Die neue Waffe gegen Krebs. Die Pressestelle war mehr als beschäftigt und alle Abteilungen bekamen die Folgen der Schlagzeilen zu spüren. Die Kollegen schwirrten durch die Gänge des Zentrums wie Bienen in einem Stock, der gerade von Hornissen angegriffen zu werden droht. Aber das taten sie an anderen Tagen auch. Sie wusste nicht, welche obskure Therapie dort angepriesen worden war, es war auch unerheblich. Alles war schon mal da gewesen. Nichts war wirklich neu. Sehr tiefsinnige Gedanken, aber sie war nicht hier, um über die ständigen Wiederholungen im Leben zu grübeln, sondern um ihren Job zu machen. Nichts worauf sie stolz gewesen wäre, aber es ernährte sie. Sie arbeitete viel und hatte so ein permanentes Alibi, warum sie sich nicht wirklich um ihr Studium kümmern konnte. Immer wenn sie an die Uni ging, brannte ihr der Boden unter den Füssen. Sie hatte ein unsäglich schlechtes Gewissen, dass sie alles so hatte schleifen lassen. Schon klingelte das Telefon wieder und wies die unbequemen Gedanken in ihre Schranken. Es gab Dinge zu tun. Klare Anforderungen, die man nicht mit sich zu diskutieren brauchte. Die Niederungen des Alltags, die das Leben so einfach erscheinen ließen. Ein Kollege steckte den Kopf zur Tür herein: “Ich gehe mal in die Bibliothek, bin in einer Stunde wieder da.” Von wegen! read more

7
Jan
2007

LebensWut V

Irgendwann in der Nacht kam sie wieder zu sich, fröstelnd zog sie sich aus, um ins Bett zu gehen. Hoffentlich schlief sie bald wieder ein. Aber der Hunger meldete sich wieder mit leichten Stichen in den Eingeweiden. Wenn sie jetzt nichts äße, würde sie gar nicht mehr schlafen. Aber dafür würde die Waage dann sicher wieder ein paar Gramm weniger anzeigen. Nur wäre sie dann morgen früh völlig gerädert und würde im Job wieder durchhängen. Das konnte sie sich nicht leisten. Erst einmal eine Zigarette, vielleicht verginge der Hunger. Wenn es nur nicht so kalt gewesen wäre. Rastlosigkeit machte sich in ihr breit. Sie war so müde, aber das Herz schlug viel zu schnell. Der Versuch, sich durch im Geiste evozierte Bilder zu beruhigen wurde von spitzen Gedanken torpediert. Nein, die Unruhe würde sich nicht vertreiben lassen. Sie war schon so lange da und wurde mit jeder durchwachten Nacht nur stärker. Weglaufen wäre schön. Allem entfliehen. Allein wohin? Mein verirrtes Aug’ streckt sich zur Sonne hin… Nein, das klang falsch. Wie hieß es richtig? Gänsehaut, eiskalte Finger. Der Kreislauf schwächelte vor sich hin. Was tun, um ein wenig Wärme zu spüren? Einsamkeitsgefühle überschwemmten sie, aber auch wenn der scharfe Schmerz des Alleinseins in ihr wütete, die Angst vor Nähe was tausendmal stärker. Wenn jemand ihr zu nahe käme, würde er all die ekligen Details erfahren, das war einfach unmöglich. Ein so unerhörter Gedanke musste schon im Entstehen erstickt werden. Unendliche Scham machte jede über das rein körperliche hinausgehende Nähe unmöglich. Deshalb hatte sie ein Leben als Zweitfrau begonnen. Anfangs dachte sie noch, dass sie einfach ein schlechtes Händchen hätte, aber so nach und nach war ihr klar geworden, dass sie es darauf angelegt hatte, sich nur mit gebundenen Männern einzulassen. Es war soviel sicherer, keine Gefahr, dass die Kerle ihr zu sehr auf die Bude rückten. Der intensive Rausch der heimlichen Treffs, die mühsam gestohlenen Stunden waren ein sicheres Terrain. Man kostete die kurze Zeit aus, berauschte sich aneinander, fühlte sich wie frisch verliebt und empfand sich als köstlich tragische Figur. Die alten Königskinderlieder schwangen leise im Raum. (...)
Sie konnte sich nicht in romantische Phantasien flüchten, denn Romantik war eine schale Lüge für arme Tröpfe, die es nicht besser wussten. Sie war nüchtern, rational, glaubte nicht an die große Liebe. Alles Konstrukte, die geschaffen wurden, um die alles beherrschende Sinnlosigkeit zu mildern. Romantische Spinnereien, die wie Opium vom Schmerz genannt Leben ablenken sollten. Nicht mit ihr. Der Schmerz war immer noch besser als das dumpfe Sein. Mit dem Schlafen würde das wohl heute Nacht nichts mehr. Sie holte sich ein neues Glas Wein. Zappte sich durch das Fernsehprogramm. Talkshows ohne Ende, was trieb Menschen in diese Shows, die nur darauf ausgelegt waren, dass sich arme Toren vor der Fernsehnation zum Hanswurst machten? Unerträglich, wie da unreflektiert polemisiert wurde. Die verantwortlichen Programmdirektoren sollte man in Einzelhaft stecken, wo sie dann 24 Stunden am Tag nur ihre eigenen Shows ansehen mussten. Sieben Tage die Woche, solange bis sie endlich den letzten Rest ihres kleinen Verstandes verlieren würden. Dann könnte man sie in die Shows der anderen karren und da dem gröhlenden Publikum zum Fraß vorwerfen. Sie verachtete all diese Menschen. Aber sie war ja nicht besser. Sie war auch ein armer Tropf, hatte nur das Pech, sich dessen allzu bewusst zu sein. Kein tröstender Gedanke weit und breit. Wut schlug langsam in Hass um. Sie konnte sich nicht ausstehen. Sie war eklig, hässlich, kalt, unfähig, brachte das Licht im Raum dazu, sich in ein dunkles Grau zu verwandeln. Die Frau, die selbst die Sonne verdunkelt. Sie hatte geträumt, dass sie einer Freundin bei der Geburt des ersten Kindes zur Seite stehen wollte, was sie tatsächlich vorgehabt hatte. Kurz vor der Entbindung hatte sie jemand in einem Traum des Raumes verwiesen: “Dies ist die Frau, die selbst die Sonne verdunkelt. Sie darf nicht bleiben, dem Kind wird sonst etwas zustoßen”. Sie war also gegangen. Der Traum und dieser Satz hallten in ihr nach. Immer wieder. Es hatte sich nichts geändert. Trotz unzähliger Bemühungen hatte sie es nicht geschafft, etwas mehr als nur ein sehr trübes, flackerndes Licht ins das Dunkel ihrer Seele zu bringen. Erschreckt stellte sie fest, dass es schon fast fünf Uhr war. Definitiv kein Schlaf diese Nacht. Was aber tun mit der leeren Zeit? Sie war müde, bis zum Aufstehen waren es noch fast zwei Stunden. Irgendwie würde die Zeit vergehen. An irgendeiner Serie würde sie hängen bleiben und dem schwachsinnigen Plot folgen, bis der Wecker der Nacht Absolution erteilte.
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LebensWut IV

Als sie aus der Praxis kam, schlug das Leben vor der Tür einer Welle gleich über ihr zusammen. Sie tauchte aus der Stille und der Irrealität der letzten Stunde wie eine Ertrinkende auf. Schnappte innerlich nach Luft und konnte den Lärm des Stadtverkehrs kaum ertragen. Er bereitete ihr körperliche Schmerzen, sie hatte den Eindruck, alles ginge durch sie hindurch - als sei sie nur eine Nebelwand. Schon wieder eine Assoziation. Ein anderer Therapeut hatte gesagt, er habe sie kaum erkannt, als er sie unvermittelt beim Stadtbummel traf. Sie sei so anders gewesen und er bekam den Eindruck, sie durch eine Nebelwand als eine Art Schattenwesen zu sehen. Er konnte nicht entscheiden, welches der Bilder ihr wahres Wesen spiegelte. Das in der Stunde oder das aus der Alltagssituation. Eine Äußerung, die bei ihr widersprüchliche Gefühle ausgelöst hatte. Fassungslosigkeit, weil der Therapeut sie so gar nicht zu kennen schien. Und Freude darüber, dass sie ihm noch Rätsel aufgeben konnte. So leicht war sie offensichtlich nicht zu ergründen. War kein offenes Buch, was sie auch niemals hatte sein wollen. Als er ihr dann noch eine gewisse geheimnisvolle Aura zusprach und sie mit Greta Garbo verglich, war sie ein wenig stolz auf sich gewesen und hatte begonnen, in den Stunden Rollen zu spielen, um den Therapeuten noch ein wenig mehr zu verwirren. In einer schwer zu fassenden Weise hatte sie das als Macht empfunden. Aber es war eine Macht, die sie nicht stärkte, sondern peu a peu zum totalen Zusammenbruch geführt hatte. Sie wollte jetzt nicht daran denken. Es bereitete ihr immer noch Seelenpein. Seelenpein, was für ein blumiges Wort. Manchmal wunderte sie sich über sich selbst. Albern. Sie hatte schon eine ziemliche Therapie-Odyssee hinter sich gebracht, war aber immer noch nicht angekommen. Im Gegensatz zu Odysseus wusste sie aber auch gar nicht, was ihr Ziel sein könnte. Sie war immer nur von den Gestaden einer Therapie zu denen einen anderen gesegelt. Hatte ihre Seele kreuz und quer durchfahren, erwandert, durchflogen und durchkrochen, ohne jemals eine Ahnung davon zu bekommen, wo das enden sollte. Immer kam dann irgendwann der totale Zusammenbruch. Wenn sie dann am vermeintlich tiefsten Punkt angekommen war, waren größere Ziele ohnehin unwichtig. Es zählten nur noch kleine Etappenziele. Man musste die akute Krise überwinden, die Alltagstauglichkeit wiederherstellen, viele normale Dinge wieder neu lernen und demonstrieren, dass man sich ernsthaft bemühte aus dem jeweiligen Zustand wieder herauszukommen. Das war dann schon eine Leistung, und noch nicht mal eine geringe. Unter normalen Umständen hätte kein Mensch das als Leistung bezeichnet, aber wenn man den Kopf unter dem Arm trug, war jeder schon zufrieden, wenn man ihn wieder auf den Hals setzen konnte. Jedes Mal wurde der Riss in ihr größer. Die Wunde verheilte nie ganz. Und jetzt spürte sie nur noch diese Wunde, die sich entzündet hatte und ihr die klaren Gedanken raubte. Sie war eine klaffende Wunde, eine Wunde, die ein riesiges Maul hatte. Das Maul fraß alles in ihr und spukte es wieder in einer Welle aus Ekel und Hass aus. Sie war angefüllt mit dieser schleimigen Mischung aus Ekel, Hass, Wut, Trauer, Sehnsucht und Hunger. Hunger. Das Leitmotiv. Sehr vertraut und sehr verhasst. Sie musste jetzt etwas essen. Sie musste essen, essen, essen.

Sie verwarf alle Gedanken, legte ihre Rüstung an und ging in den nächsten Supermarkt, um alles für ein Freßgelage einzukaufen und so wenigstens den körperlichen Hunger für einen Moment zum Schweigen zu bringen: Frikadellen, Eiskrem, Waffeln, Milch, Kakao, Schokolade, Remoulade, Brötchen. Sie zögerte, sollte sie auch die Mürbekekse kaufen? Die formten sich zu großen Klumpen, an denen sie beim Erbrechen zu ersticken drohte. Aber wenn sie die herausgewürgt hatte, war das eine Art Sieg. Mit eiligem Schritt schaffte sie ihre Beute nach Hause und noch im Mantel aß sie schon die ersten Waffeln aus der Packung. Während sie Mantel und Tasche ablegte, fing sie mit der Zubereitung der Hamburger an, sich dabei immer wieder neue Nahrungsmittel in den Mund stopfend. Schlang alles herunter, atmete das Essen, trank Milch und Kakao, fraß Kekse mit Eis zusammen und stopfte und würgte das Essen solange in sich hinein, bis der Hungerschmerz nachliess, das wütende Toben der darbenden Eingeweide sich beruhigte und für eine kurze Sekunde das Gefühl des Sattseins entstand. Ein gieriger, hastiger und unerhört ungehöriger Fressanfall, der nicht einmal 30 Minuten andauerte. Dann tat alles weh, der Magen schmerzte und sie meinte, sie müsse platzen. Sie wusste, dass nun schleunigst alles wieder heraus musste, denn sie wollte ja auf keinen Fall zunehmen. Sie stand vorm Spiegel und betrachtete voller Ekel ihr Gesicht. Nahm ein Messer und ritzte kleine vermeintliche Pickel auf. Sie merkte kaum, was sie tat. Wenige Minuten später sah sie aus, als habe sie Masern. Viele kleine rote Male verunzierten ihr Gesicht, blutend. Nun war es nicht mehr aufzuschieben. Es musste alles raus. Sie steckte sich den Finger in den Hals und hustend erbrach sie den ganzen Nahrungsbrei in einem Schwall nach dem anderen. Sie kotze sich wahrlich die Seele aus dem Leib. Nichts durfte drin bleiben. Etwas Blut war dabei. Zuletzt spie sie nur noch bittere grüngelbe Galle aus. Das war das Zeichen, dass sie aufhören durfte. Sie war völlig erschöpft. Aber nun mussten alle Spuren gründlichst beseitigt werden. Sie putzte wie besessen und hoffte, so auch ihren Ekel vernichten zu können. Der aber klebte an und in ihr wie Melasse. Sie putzte sich gründlich die Zähne, wusch sich, aber noch immer klebte der Ekel wie ein Makel auf ihrer Haut. Sie hatte unendlichen Durst. Trank eine Flasche Wasser in einem Zug aus und hasste sich. Hasste sich so abgrundtief und hätte sich am liebsten selbst geschlagen. Sie räumte die leeren Verpackungen weg, warf die nicht gegessenen Reste weg. Beseitigte auch hier alle Spuren des unerhörten Zwischenfalles während Verzweiflung in ihr Gemüt einzog. Sie war unfassbar wütend. So hilflos. Sie schrie unter Tränen. Aber all das Weinen half nichts, die Tränen spendeten keine Erleichterung. Sie leerte ein Glas Wein auf Ex und der Alkohol lullte sie schnell ein. Sie legte sich aufs Bett, machte den Fernseher an und weinte weiter. Weinte, weinte, weinte, bis sie vor Erschöpfung einschlief. Den Tag hatte sie hinter sich.
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6
Jan
2007

LebensWut III

Sie war jetzt an der Reihe, die Spielregeln erforderten, dass sie nun einen größeren Happen anbot, damit der Herr Therapeut etwas zu kauen hatte. Er musste auf der einen Seite den Eindruck gewinnen, dass die Arbeit mit ihr eine berufliche Herausforderung sei und gleichzeitig in der Zuversicht gewogen werden, dass er dieses Problem erfolgreich behandeln könne. Bei der letzten Therapeutin hatte sie das nicht hinbekommen. Das Böse, das ihren Geist und ihr Hirn fleckweise befallen hatte, hatte sich einen Weg nach draußen gebahnt und hatte sie dazu gebracht, sich beinahe schon als besessen, zumindest aber hochgradig zerrissen und leicht schizoid darzustellen. Die Frau Therapeutin hatte sie bestürzt angesehen mit einer gewissen Fassungslosigkeit gesagt: Aber Frau Patientin, das klingt ja alles sehr erschreckend. Dabei hatte sie so ausgesehen, als sei hätte sie das Gehörte wirklich erschreckt. Sie hatte sich über die leichte Panik im Blick der Therapeuting gefreut, hatte das Gefühl genossen, endlich einmal das innere Monster außen gezeigt zu haben. Natürlich hatte man einen weiteren Termin vereinbart, aber da war sie noch ein wenig mehr aus sich herausgegangen und die lila Welt der Frau Therapeutin schien ernsthaft ins Wanken geraten zu sein. Aber wahrscheinlich war das wieder mal eine Art depressiver Selbstüberschätzung. Man hatte jedenfalls von weiteren Terminen Abstand genommen und das hatte ein unbestimmtes Gefühl der Befriedigung in ihr hervorgerufen.

Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sich das Gespräch mit dem Therapeuten sich verselbstständigt hatte. Sie hatte mit diesen Erinnerungsfetzen im Hirn einen Teil von sich abgespalten, während der andere Teil von ihr unbemerkt mit dem Therapeuten gesprochen hatte. Was hatte sie bloß gesagt? Der Therapeut hub an zu sprechen, führte aus, dass man einzelne konkrete Situationen beleuchten solle, um die Angst, die sich ihrer bemächtigt hatte, besser zu verstehen. Ihr Stichwort. Sie musste jetzt konstruktiv mitarbeiten. Ihre Rolle erfüllen. Sie kramte in ihrem Gedächtnis, welche Situation konnte sie schildern? Hektisches Suchen in der gefangenen Seele. Leichte Überforderung. Das war ja kein schlechtes Thema. Also schilderte sie, wie sie gewöhnliche Alltagstätigkeiten schon überforderten. Dass sie sich mitunter schon morgens beim Aufstehen nicht über die Reihenfolge der zu leistenden Alltagsrituale klar werden konnte. Sollte sie die Katze füttern, die Zeitung holen, Kaffee bereiten oder doch erst duschen. War nicht auch der Aufwasch wichtig und wann sollte sie die Wäsche aus der Maschine holen, um sie zum Trocknen aufzuhängen. Wann hatte sie eigentlich die Waschmaschine angestellt? Also hatte sie sich angewöhnt, eine Liste aller zu verrichtenden Tätigkeiten zusammenzustellen, hatte dazu geschrieben, wie viel Zeit sie für jede dieser Aktionen benötigen wurde und dann die Arbeiten nach irgendeinem Prinzip geordnet. Mal nach dem Alphabet, mal nach der Dauer. Meistens machte sie dann alles doch ganz anders und war schon schweißgebadet, bevor der Tag überhaupt richtig begonnen hatte. Der Therapeut runzelte die Stirn. Hatte sie schon zuviel von ihrer Unfähigkeit preisgegeben? Nein, wohl nicht. Der Therapeut faselte von einem bekannten Muster der Desorientierung. Ihm schien das viel zu sagen. Er vergaß auch nicht, den positiven Aspekt hervorzuheben. “Ja, Frau Patientin, da haben sie ja schon einen guten Versuch unternommen, der akuten Ratlosigkeit und ich möchte auch sagen der akuten Rastlosigkeit (erwartete er jetzt Beifall für das platte Wortspiel?)einen Gegenentwurf gegenüber zu stellen. Das ist schon eine Leistung, die zeigt, dass sie sich der Situation nicht ergeben.” “Danke, Herr Therapeut, das habe ich so gar nicht gesehen. Ich kam mir eigentlich immer hilfloser vor, da der Versuch der Ordnung meiner Gedanken am Ende ja meistens misslang, denn ich habe dann ja doch alles nach einem anderen Muster getan”. “Ja, aber sie haben die Blockade überwunden und etwas getan.” So einfach sollte das sein? Das wollte ihr nicht einleuchten, denn schließlich hatte sie ja alles nur unter Einsatz all ihrer Energie erledigen können. Dinge, die normalerweise erledigt werden wie Atmen, ohne dass man ihnen mehr als einen Gedanken widmete. Sie dachte an all die Morgen, die sie auf diese Weise verschwendet hatte und die meistens nur der Auftakt für noch weitaus schlimmere Tage gewesen waren. Der Therapeut leitete das Ende der Sitzung ein. “Wir sollten diese Situationen im Laufe der nächsten Stunden genauer analysieren und nach den Auslösern suchen. Frau Patientin, ich schlage vor, wir sehen uns in der nächsten Zeit wenigstens zweimal in der Woche. Wie wäre es mit übermorgen zur selben Zeit?” Sie stimmte eilfertig zu. War froh, die erste Stunde überstanden zu haben. Hatte das Klassenziel erreicht. Der Therapeut sah die gemeinsame Arbeit an ihren Problemen als sinnvoll an. Ein neuer Termin war vereinbart. Sie war entlassen.
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LebensWut II

Und tatsächlich, ganz verloren war der Köder wohl nicht, denn er hatte zumindest ein paar kryptische Zeichenfolgen auf sein Blatt geschrieben. Nun sah er vom Blatt auf, sah ihr offen ins Gesicht… Empathie signalisieren, Offenheit demonstrieren… und paraphrasierte: “So, Frau Patientin, sie haben also schon Therapieerfahrung und haben schon verschiedene Probleme erfolgreich bearbeitet. Auch habe ich den Eindruck, dass Ihnen Angstattacken schon früher einmal zu schaffen gemacht haben. Seit wann hat sich die von Ihnen beschriebene Unruhe denn in dieser Episode zur Angst gesteigert.” Guter Anfang, erst einmal dem Patienten signalisieren, dass man zugehört hat. Dann Problem zusammenfassen und konkrete Frage stellen, damit der Patient zu reden beginnt. Aber war die Verwendung des Terminus Episode nun ein sprachlicher Lapsus oder sollte er signalisieren, dass er ihre Therapieerfahrung anerkannte? Sie hatte überhaupt keine Lust auf dieses Spiel und war doch genau deswegen hierher gekommen: um die Situation durch vermeintlich kluge und analytische Gespräche in den Griff zu kriegen, damit ihr Kulturprogramm wieder reibungslos funktionierte. Wäre da nicht dieser kleine Dämon in ihr, der immer wieder Oberhand gewann und der sich keinen Deut um Kultur und Konventionen scherte, der wollte, dass sie wild und zügellos lebte, sich nicht um Anstand, Stellung und das Morgen scherte, sondern sich einfach in das pulsierende Leben warf, um darin zu verglühen. Der kleine Mistkerl spielte Disharmonien auf ihren Nerven wie auf einer schlecht gestimmten Harfe und brachte sie immer wieder aus der Fassung. Sie hätte gern über den Hunger gesprochen. Dieser Hunger, der sie auffraß, der ihre Innereien zersetzte und ihr das Gefühl gab, innerlich zu verbrennen. Ein unangenehmes Gefühl, das sie seiner Intensität wegen aber liebte. Starke Gefühle waren gut, denn sie konnten die Leere in ihrem Sein wenigstens etwas mildern. Aber einmal mehr gewann die kultivierte Seite und sie erklärte dem Herrn Therapeut, dass sie nun schon seit etwa sechs Monaten unter verstärkter Unruhe gelitten hatte. Dann hatten sich Schlaflosigkeit, Gewichtsabnahme, Zustände der Agitiertheit und zuletzt massive Angstattacken dazu gesellt. Da musste doch jedes Wort auf den fruchtbaren Boden des Therapie-Gartens fallen. Taten sie auch. Der Herr Therapeut gab zu verstehen, das jedes dieser Symptome alleine genommen, schon Anlass für eine Therapie wäre und wenn sie in dieser Geballtheit (konnte er denn dafür kein besseres Wort finden?) aufträten, wäre es absolut richtig und notwendig, sich professionelle Hilfe zu suchen. Er sei froh, dass sie diesen Weg eingeschlagen hätte und wolle als erstes mit ihr erarbeiten, ob sie diesen Weg denn gemeinsam gehen könnten oder ob vielleicht die Hilfe einer Kollegin oder eines Kollegen (wir wollen doch immer politisch korrekt bleiben) angebrachter wäre. Sie hätte am liebsten geschrieen, um diese ganze artig-konventionelle Kinderkacke zu übertönen. Kinderkacke, hatte sie eben Kinderkacke gesagt? So etwas kam ihr sonst nicht über die Lippen. Aber gesagt hatte sie es ja nicht. Sie hatte offensichtlich etwas ganz anderes gesagt, denn der Herr Therapeut nickte verständnisvoll, schenkte ihr die Andeutung eines Lächelns – oder hatte er nur etwas ins Auge bekommen? – und fuhr fort in seiner Salbaderei. Eigentlich müsste sie sofort aufstehen und gehen. Oder die Praxis verwüsten. Oder unflätige Dinge sagen. Aber die kultivierte Seite behielt den Hebel in der Hand und brachte sie dazu, wieder in das unerträgliche Spiel einzusteigen.
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