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    <title>GrenzGang (Fiktion und Wirklichkeit) : Rubrik:LebensWut</title>
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    <description>Fiktion und Wirklichkeit</description>
    <dc:publisher>toxea</dc:publisher>
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    <title>GrenzGang</title>
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  <item rdf:about="http://grenzgang.twoday.net/stories/4907762/">
    <title>Auftakt</title>
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    <description>Schon der Morgen atmet Hässlichkeit und der Tag reicht abgestandene Enttäuschungen zur Erfrischung.</description>
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    <dc:subject>LebensWut</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 toxea</dc:rights>
    <dc:date>2008-05-05T04:39:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://grenzgang.twoday.net/stories/3205529/">
    <title>LebensWut X</title>
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    <description>Ein sehr plastisches Bild, sollte wohl heißen, dass er damit nichts anfangen konnte. Wenn er jetzt nichts Erlösendes sagte, musste sie aufstehen und gehen. Aber auch ein wenig abstrakt, nennen Sie mir doch mal eine konkrete Situation, in der Sie dieses Grundgefühl haben. Er wollte ein Beispiel, das war nicht einfach. Wenn ich im Job bin, habe ich oft das Gefühl, da eigentlich nicht hinzugehören. Ich habe keinen medizinischen oder naturwissenschaftlichen Hintergrund und fühle mich oft als Außenseiter. Ich habe eine Art Manko, das ich ausgleichen muss. Kann ich aber nicht, weil ich immer noch studiere, zumindest auf dem Papier &lt;br /&gt;
Aber Sie arbeiten dort doch im organisatorischen Bereich, warum also sollten Sie einen medizinischen Hintergrund haben? Glauben Sie, dass ein Mediziner oder Naturwissenschaftler Ihren Job machen könnte? &lt;br /&gt;
Natürlich, jeder, der ein wenig Organisationstalent hat und strukturiert arbeiten kann, kann diesen Job machen. Dazu gehörte nichts Besonderes. &lt;br /&gt;
Ein Akademiker wäre sich sicher zu schade für den Job. Ist ja nur eine Assistenzaufgabe. Aber sie war so eben gerade gut genug dafür. Wieder eine Welle von Selbsthass, der sie überflutete und ihre Gedanken vergiftete. Im Grunde war sie der Depp vom Dienst,  den jeder scheuchen durfte. Manchmal fühlte sie sich zu höherem berufen, aber sie hatte ja nichts gelernt, war einfach nur ein dummes Ding, das froh sein musste, dass es über die Runden kam.&lt;br /&gt;
Das klingt, als meinten Sie, Sie sei ihre Arbeit minderwertiger als die der anderen. &lt;br /&gt;
Ach ja, da war ja noch der Therapeut, irgendwie hatte sie ihn schon wieder aus dem Fokus verloren und hatte ihren trüben Gedanken nachgehangen. &lt;br /&gt;
Sicher, ich mache ja nichts Besonderes. Bitterkeit stieg in ihr auf. Phrasendrescherei. Was machte sie hier eigentlich? Sie hatte überhaupt keine Lust mehr, dieses Spiel weiterzuspielen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bitterkeit fraß sich durch ihre Seele und eine Welle gelber Galle spülte durch ihr Hirn. Alles war verklebt und die Synapsen funkten ein verzweifeltes SOS, bevor sie im gelben Schleim ertranken. Der Therapeut hatte weitergeredet und sie hatte kein Wort davon verstanden Gedankenlos starrte sie ihn an, worauf er mit fragender Miene reagierte. &lt;br /&gt;
Wo sind Sie gerade? &lt;br /&gt;
Ganz weit weg, und doch nicht weit genug. Was sollte sie darauf antworten, sie konnte ihm ja schlecht von ihrem allgemeinen Ekel erzählen. Sie wusste, dass wenn  sie jetzt spräche, gelbe Schleimblasen aus ihrem Mund herausträten. Sie würden allmählich den Raum füllen und die Bibliothek sähe dadurch aus wie ihr Hirn. Unzählige Erinnerungen in dicken Kladden und alles mit gelbem Schleim bedeckt, ähnlich aufgeplatzten Innereien. Bitterer Geruch in der Luft, der einen würgen ließ und das Atmen erschwerte. Beißende Dämpfe stiegen auf und vernebelten die Sicht, aber hier gab es ohnehin nichts zu sehen. Wer wollte hier schon hin, aber sie ging immer wieder dorthin zurück. Als könne sie dort etwas finden, dabei wollte sie nur entkommen. Aber es gab kein Entrinnen, der gelbe Schleim war an ihr kleben geblieben. Irgendetwas war passiert. &lt;br /&gt;
Der Therapeut stand auf und sagte: &lt;br /&gt;
Dann bis nächste Woche, Frau Patientin. Hatte sie mit ihm geredet? Hatte er davor was gesagt? Wo waren die letzten Minuten geblieben? Verdattert stand sie auf, reichte ihm die Hand und verließ die Praxis.</description>
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    <dc:subject>LebensWut</dc:subject>
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    <dc:date>2007-01-19T07:19:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://grenzgang.twoday.net/stories/3189156/">
    <title>LebensWut IX</title>
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    <description>Auf dem Weg zur nächsten Sitzung. Was sollte sie da erzählen? Sie hatte sich zwar alles in Gedanken zurecht gelegt, aber vielleicht sollte sie anders vorgehen. Gab es irgendeine Strategie, die sie verfolgen sollte? Aber wie sollte es eine Strategie geben, wenn sie noch nicht einmal wusste, was sie eigentlich erreichen wollte. Der Therapeut begrüßte sie mit einem warmen Händedruck, bat sie Platz zu nehmen, griff sein Schreibtablett, wandte sich ihr zu und sah sie auffordernd an. Er sagte nichts. Überließ es ihr, die Stunde wie auch immer zu eröffnen. Sie hatte keine Ahnung, was sie sagen sollte. Reichte ihr nicht mit einem offenen Wie geht es Ihnen heute, Frau Patientin die Hand, um die riesige Kluft zwischen ihr und ihm, der so nah und zugleich unerreichbar, war, zu überbrücken helfen. Er saß da vor seiner Bücherwand, hätte genauso gut dahinter sitzen können, es machte keinen Unterschied. Kunstbände, Psychologisches in allen Preisklassen, vom allgemeinen Ratgeber über Klassiker bis hin zu etwas abstruser englischsprachiger Betroffenenliteratur. Sehr beeindruckend. Wohlgeformtes Chaos, das wohl ausdrücken sollte, dass er die Bücher auch las, mit ihnen lebte. Schön, schön, aber das half ihr auch nicht. Sollte sie ihm von den Fressanfällen erzählen? Sie schämte sich dafür und war nicht sicher, ob das schon dran sein sollte. Aber es kam ihr nichts in den Sinn, leer, alles leer. Weg. Und wenn man es anders betonte, wurde es ein Weg, aber der führte nirgendwo hin. Er schlug die Beine über einander. Verschließende Geste, sollte sie sagen: Es ist ihre Zeit, die wir hier verschenken? Ihre Zeit, Zeit hatte sie genug. Und auch wieder nicht. Sie betrachtete ihre Hände, sah die unzähligen Verletzungen. Sie blickte auf, und sah, dass sein Blick auch auf ihren Händen ruhte. Ertappt. Wobei eigentlich? Sag doch endlich was. Wer hatte das jetzt zu wem gesagt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tja, in den letzten Tagen ging es mir nicht so richtig gut. Beifall für das Understatement der Woche. Offener Blick auf der anderen Seite, eine leise angedeutet Zucken mit der Augenbraue, das wohl signalisieren sollte, dass er ganz Ohr ist. Wenn es gegangen wäre, hätte er wohl die Ohren gespitzt, um im Bild zu bleiben. Der Satz war vor ihr auf den dicken Teppich gefallen, wo er jetzt sein Leben aushauchte und sich in eine amorphe Masse verwandelte. Die amorphe Masse rappelte sich auf und krabbelte über den Teppich zum Schreibtisch, kletterte an ihm hoch, schenkte ihr eine Kusshand und stürzte sich kopfüber in den Papierkorb.</description>
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    <dc:subject>LebensWut</dc:subject>
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    <dc:date>2007-01-16T07:51:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://grenzgang.twoday.net/stories/3186912/">
    <title>LebensWut VIII</title>
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    <description>Diese beiden Welten mussten streng getrennt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie machte sich auf die Suche nach etwas essbarem. Sie hatte nie etwas dabei, aber vielleicht hatte ja ein Kollege ein paar Kekse mitgebracht. Meistens fand sie eine Kleinigkeit. Auf dem Weg in die Teeküche begegnete ihr der Wissenschaftler und wollte ihr ein Gespräch aufdrängen. Seitdem sie irgendwann nach dem Erlöschen der ersten Begeisterung die rosa Brille für diesen Typ endgültig abgelegt hatte, fand sie ihn nur noch nervig. Aber die Höflichkeit gebot es, dass sie sich den Kollegen widmete und im Rahmen der gesellschaftlichen Norm den Kollegen entsprechende Aufmerksamkeit zollte. Der Wissenschaftler erzählte von einem Theaterstück, das er gesehen hatte. Irgendein Kleinkunst-Spektakel. Das war etwas, was sie noch nie wirklich gemocht hatte. Es stellte sich heraus, dass es sich um eine Art Gaukelei gehandelt hatte. Nach Mittelalter-Märkten eine der größten Plagen der modernen Menschheit wie sie fand. Aber eigentlich war sie ganz froh, dass sie mit jemandem reden konnte. Lenkte ab. Das Komische war,  wie gut sie sich immer im Griff hatte, die meisten Menschen hielten sie für eine nette Frau. Sie dagegen hatte immer wieder Amok-Phantasien und hätte mit großer Begeisterung allerlei Leute auf die Streckbank gelegt und sie bis zu Bewußtlosigkeit maltraitiert.  Sie schweifte schon wieder ab. Der Wissenschaftler dozierte über das Befreiende im derben Klamauk und sie heuchelte ein wenig Zustimmung und Interesse. Dann kam eine Kollegin dazu, Frau Seisogut, die sich dem Wissenschaftler an die Lippen hängte, was er natürlich außerordentlich gerne hatte und schon waren die beiden im Gespräch vertieft. Sei so gut und gib mir was von Deinem Kaffee, Wissenschaftler,  sie konnte sich diesen kleinen Seitenhieb für Frau Seisogut nicht verkneifen. Diese Frau war die volle Panne. Unerträglich. Frau Seisogut lachte laut, warf den Kopf nach hinten und legte dem Wissenschaftler neckisch die Hand auf den Oberarm. Es wurde Zeit zu fliehen. Dieses zuckersüße Getue war nicht zu ertragen.</description>
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    <dc:subject>LebensWut</dc:subject>
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    <dc:date>2007-01-15T16:13:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://grenzgang.twoday.net/stories/3184848/">
    <title>LebensWut VII</title>
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    <description>Wie konnte man überhaupt zu dünn sein? Sie war aber eine gute und folgsame Patientin gewesen, hatte alle Trainings absolviert, das Essen wieder begonnen, sogar vernünftig gegessen, ihr Verhalten geändert und doch hatte sie sich mit jedem Kilo, das sie zunahm noch mehr gehasst. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Therapie hatte ihr beigebracht, normal zu essen, sich den Normen anzupassen, nicht aber wie sie sich selbst ertragen oder gar mögen konnte. Irgendwann hatte sie dann ein Gewicht von 60 kg erreicht und fühlte sich die sprichwörtlichen zwei Öltanks. So hatte sie begonnen, systematisch jede Nahrung wieder herauszuwürgen. So ziemlich jeden Abend aß sie bis zum Platzen und reiherte sich dann die Seele aus dem Leib, bis der Hals wund war und das Denken in saurem Ekel ertrank. Sie hatte ihre Technik verfeinert, wusste welche Dinge in welcher Reihenfolge gegessen werden mussten, um ein effektives und vollständiges Erbrechen zu ermöglichen.  Manchmal fühlte sich dadurch stark und autark. Sie bestimmte über ihren Körper. Sie gab sich dem Genuss der Völlerei hin, fraß und stopfte sich all die verbotenen Köstlichkeiten in den Mund. Es tat so gut, so grenzenlos zu fressen, sich einfach der Nahrung zu ergeben und trotzdem die Oberhand nicht zu verlieren. Nach dem geschmacklichen und hochkalorischen Exzess bestimmte die Ratio, dass die Nahrung den eigentlichen Zweck des Genießens erfüllt hatten, nicht aber der Ernährung dienen sollten. Also musste alles raus. Alle. Restlos. Es kostete Kraft, Energie, es erleichterte, es schmerzte. Es hatte etwas rauschhaftes und ungeheuer heftiges. Es war kein Einerlei-Gefühl. Es tat weh. Das hatte sie verdient. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie ahnte, dass sie nun nicht mehr so lange arbeiten würde, denn der Gedanke ans Essen bekam langsam eine sehr drängende Gestalt und sie dachte bereits darüber nach, was sie wo einkaufen würde. Das Wo war durchaus ein Problem. Denn sie kaufte permanent solche Mengen von Nahrung ein, dass sie ständig in der Angst lebe, irgend jemand könne sie mal fragen, wo sie die zehnköpfige Familie, die das alles essen sollte, versteckt halte. Sie hatte ein Netz von Supermärkten um sich herum gezogen und vermied es, im selben Laden mehr als einmal in der Woche einzukaufen. Es war eine logistische Herausforderung, aber auch eine ganz selbstverständliche Schutzmassnahme. Niemand sollte es wissen. Alle hätten sich unweigerlich mit Ekel abgewandt. Das größere Problem stellte eigentlich der finanzielle Aspekt dar. Sie fraß so viel, dass sie meistens bei Billig-Discountern einkaufen musste, damit sie einigermaßen hinkam. Das war ein wenig eklig, denn sie mochte den Billigfraß nicht wirklich. &lt;br /&gt;
Aber sie verfraß schon so ein Wahnsinnsgeld und mehr war einfach nicht drin. Wo würde sie also heute einkaufen? Der Billigheimer wäre wohl wieder mal dran, aber das war schon ziemlich fies. Etwas Besseres wollte sie eigentlich schon. Also würde sie wohl noch eine Kieinigkeit beim Bäcker holen. Ein machbarer Kompromiss. Sie merkte wie die Unruhe in ihr größer wurde, sie wollte jetzt essen. Aber noch hatte sie so zu tun. Sie malte sich aus, was sie essen würde, stellte sich vor, wie sie russischen Zupfkuchen äße und in Vanillequark schwelgte. Und obwohl sie alle diese herrlichen Dinge aß, würde sie weiter abnehmen. Sie musste jetzt noch etwas tun. In einer dreiviertel Stunde konnte sie das Nötigste geschafft haben. Sie musste sich endlich mal zusammenreisen und sich allein auf die Arbeit konzentrieren. Auf, auf, ihr fleißigen Hände. Wieselflink hetzten ihre Finger über die Tastatur und für einen Moment gab es nur noch die dingliche Welt und dabei empfand sie so etwas wie Erleichterung.</description>
    <dc:creator>toxea</dc:creator>
    <dc:subject>LebensWut</dc:subject>
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    <dc:date>2007-01-15T08:36:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://grenzgang.twoday.net/stories/3183421/">
    <title>LebensWut VI</title>
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    <description>Der würde frühestens in 3 Stunden wieder da sein, weil er sich wieder in der Recherche verlieren würde. Außerdem würde dem Bibliotheksbesuch noch ein Mittagessen folgen und da ließ er sich auch nicht hetzen. Wenn sie ihn jetzt sah, konnte sie es nicht mehr fassen, dass sie sich als sie den Job gerade begonnen hatten  in Teenager-Manier in diesen Mann verliebt hatte. Die reine Schwärmerei. Musste eine andere Frau gewesen sein. Heute hielt sie ihn für einen Langweiler mit leicht melancholischen Neigungen. Damals schien er eine gewisse Geborgenheit zu versprechen, aber heute sah sie nur noch einen slebstverliebten Wissenschaftler und schämte sich für die einstige Begeisterung. Merkwürdig, dass es sie damals so erwischt hatte. Sie war sonst für verständnisvolles Gebrabbel nicht empfänglich. Irgendwann hatte sie begriffen, dass er ein Narziss war und wenn er einem tief in die Augen sah, dann nur um sein eigenes Spiegelbild darin zu sehen. Sie drehte sich um und stellte fest, dass er schon weg war. Auch kein Verlust. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie wandte sich der Post zu, das übliche, Rechnungen, Veranstaltungshinweise, Patientenbriefe und Drucksachen. Die Patientenbriefe berührten sie immer noch. Da hatten Menschen ein echtes Problem. Manche wussten so wenig über diese Erkrankung, hatten die merkwürdigsten Vorstellungen über die Ursachen und setzten ihre Hoffnung in salbadernde Quacksalber, die die sogenannte Schulmedizin zum Buhmann erklärten und im allgemeinen nichts als Geldschneider waren. Es war verstörend, wenn man ungefragt Einblick in ein Schicksal bekam, das mitunter grausam anmutete. Wie unbedeutend erschienen da die eigenen Zipperlein, die man doch so ernst nahm. Aber bei Licht besehen, lebte eben doch jeder in seiner persönlichen Hölle. Nahm man auch für den Moment regen Anteil am anderen Leben, gebot es einem die professionelle Haltung schnell wieder Distanz zu gewinnen und das ganze zum Fall mit der Nummer xy zu versachlichen. Mittlerweile konnte sie das. Und war die Geschichte noch so anrührend, dramatisch und verzweifelt, die Welt hörte sich nicht auf zu drehen und etwa 99.9% der Menschheit war das alles völlig egal. Manchmal dachte sie, dass die Erkrankten wenigstens einen klaren Gegner hatten. Vieles wurde im Licht dieser existentiellen Bedrohung neu gewertet und manche Selbstverständlichkeit wurde dann zum Besonderen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dagegen hatte sie doch keine echten Probleme. Wieso bildete sie sich eigentlich ein, dass ihr bisheriges Überleben eine Art Leistung darstellte? Das Elend ihrer Kindheit diente ihr als Rechtfertigung andere Menschen mit der Ungeheuerlichkeit ihrer Lebensgeschichte zu behelligen. Die Schilderung des Überstandenen ließ das eigene kleine Leben für einen Moment weniger unwichtig erscheinen. Alles depressive Selbstüberschätzung. Diese leicht verwirrten und bitteren Gedanken, hatten sie mal wieder in eine andere Welt geführt und irgendwie hatte sie mal wieder in zwei Welten gelebt. In der körperlichen Welt hatte sie Dinge erledigt und funktioniert, in der körperlosen Welt wusste sie nichts davon, lebte im ständigen Dialog mit sich selbst und erging sich in Selbsthass.</description>
    <dc:creator>toxea</dc:creator>
    <dc:subject>LebensWut</dc:subject>
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    <dc:date>2007-01-14T18:56:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://grenzgang.twoday.net/stories/3163849/">
    <title>LebensWut V</title>
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    <description>Irgendwann in der Nacht kam sie wieder zu sich, fröstelnd zog sie sich aus, um ins Bett zu gehen. Hoffentlich schlief sie bald wieder ein. Aber der Hunger meldete sich wieder mit leichten Stichen in den Eingeweiden. Wenn sie jetzt nichts äße, würde sie gar nicht mehr schlafen. Aber dafür würde die Waage dann sicher wieder ein paar Gramm weniger anzeigen.  Nur wäre sie dann morgen früh völlig gerädert und würde im Job wieder durchhängen. Das konnte sie sich nicht leisten. Erst einmal eine Zigarette, vielleicht verginge der Hunger. Wenn es nur nicht so kalt gewesen wäre. Rastlosigkeit machte sich in ihr breit. Sie war so müde, aber das Herz schlug viel zu schnell. Der Versuch, sich durch im Geiste evozierte Bilder zu beruhigen wurde von spitzen Gedanken torpediert. Nein, die Unruhe würde sich nicht vertreiben lassen. Sie war schon so lange da und wurde mit jeder durchwachten Nacht nur stärker. Weglaufen wäre schön. Allem entfliehen. Allein wohin? Mein verirrtes Aug streckt sich zur Sonne hin Nein, das klang falsch. Wie hieß es richtig? Gänsehaut, eiskalte Finger. Der Kreislauf schwächelte vor sich hin. Was tun, um ein wenig Wärme zu spüren? Einsamkeitsgefühle überschwemmten sie, aber auch wenn der scharfe Schmerz des Alleinseins in ihr wütete, die Angst vor Nähe was tausendmal stärker. Wenn jemand ihr zu nahe käme, würde er all die ekligen Details erfahren, das war einfach unmöglich. Ein so unerhörter Gedanke musste schon im Entstehen erstickt werden. Unendliche Scham machte jede über das rein körperliche hinausgehende Nähe unmöglich. Deshalb hatte sie ein Leben als Zweitfrau begonnen. Anfangs dachte sie noch, dass sie einfach ein schlechtes Händchen hätte, aber so nach und nach war ihr klar geworden, dass sie es darauf angelegt hatte, sich nur mit gebundenen Männern einzulassen. Es war soviel sicherer, keine Gefahr, dass die Kerle ihr zu sehr auf die Bude rückten. Der intensive Rausch der heimlichen Treffs, die mühsam gestohlenen Stunden waren ein sicheres Terrain. Man kostete die kurze Zeit aus, berauschte sich aneinander, fühlte sich wie frisch verliebt und empfand sich als köstlich tragische Figur. Die alten Königskinderlieder schwangen leise im Raum. (...)&lt;br /&gt;
Sie konnte sich nicht in romantische Phantasien flüchten, denn Romantik war eine schale Lüge für arme Tröpfe, die es nicht besser wussten. Sie war nüchtern, rational, glaubte nicht an die große Liebe. Alles Konstrukte, die geschaffen wurden, um die alles beherrschende Sinnlosigkeit zu mildern. Romantische Spinnereien, die wie Opium vom Schmerz genannt Leben ablenken sollten. Nicht mit ihr. Der Schmerz war immer noch besser als das dumpfe Sein. Mit dem Schlafen würde das wohl heute Nacht nichts mehr. Sie holte sich ein neues Glas Wein. Zappte sich durch das Fernsehprogramm. Talkshows ohne Ende, was trieb Menschen in diese Shows, die nur darauf ausgelegt waren, dass sich arme Toren vor der Fernsehnation zum Hanswurst machten? Unerträglich, wie da unreflektiert polemisiert wurde. Die verantwortlichen Programmdirektoren sollte man in Einzelhaft stecken, wo sie dann 24 Stunden am Tag nur ihre eigenen Shows ansehen mussten. Sieben Tage die Woche, solange bis sie endlich den letzten Rest ihres kleinen Verstandes verlieren würden. Dann könnte man sie in die Shows der anderen karren und da dem gröhlenden Publikum zum Fraß vorwerfen. Sie verachtete all diese Menschen. Aber sie war ja nicht besser. Sie war auch ein armer Tropf, hatte nur das Pech, sich dessen allzu bewusst zu sein. Kein tröstender Gedanke weit und breit. Wut schlug langsam in Hass um. Sie konnte sich nicht ausstehen. Sie war eklig, hässlich, kalt, unfähig, brachte das Licht im Raum dazu, sich in ein dunkles Grau zu verwandeln. Die Frau, die selbst die Sonne verdunkelt. Sie hatte geträumt, dass sie einer Freundin bei der Geburt des ersten Kindes zur Seite stehen wollte, was sie tatsächlich vorgehabt hatte. Kurz vor der Entbindung hatte sie jemand in einem Traum des Raumes verwiesen:  Dies ist die Frau, die selbst die Sonne verdunkelt. Sie darf nicht bleiben, dem Kind wird sonst etwas zustoßen. Sie war also gegangen. Der Traum und dieser Satz hallten in ihr nach. Immer wieder. Es hatte sich nichts geändert. Trotz unzähliger Bemühungen hatte sie es nicht geschafft, etwas mehr als nur ein sehr trübes, flackerndes Licht ins das Dunkel ihrer Seele zu bringen. Erschreckt stellte sie fest, dass es schon fast fünf Uhr war. Definitiv kein Schlaf diese Nacht. Was aber tun mit der leeren Zeit? Sie war müde, bis zum Aufstehen waren es noch fast zwei Stunden. Irgendwie würde die Zeit vergehen. An irgendeiner Serie würde sie hängen bleiben und dem schwachsinnigen Plot folgen, bis der Wecker der Nacht Absolution erteilte.&lt;br /&gt;
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    <dc:creator>toxea</dc:creator>
    <dc:subject>LebensWut</dc:subject>
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    <dc:date>2007-01-07T19:46:29Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://grenzgang.twoday.net/stories/3163850/">
    <title>LebensWut IV</title>
    <link>http://grenzgang.twoday.net/stories/3163850/</link>
    <description>Als sie aus der Praxis kam, schlug das Leben vor der Tür einer Welle gleich über ihr zusammen. Sie tauchte aus der Stille und der Irrealität der letzten Stunde wie eine Ertrinkende auf. Schnappte innerlich nach Luft und konnte den Lärm des Stadtverkehrs kaum ertragen. Er bereitete ihr körperliche Schmerzen, sie hatte den Eindruck, alles ginge durch sie hindurch -  als sei sie nur eine Nebelwand. Schon wieder eine Assoziation. Ein anderer Therapeut hatte gesagt, er habe sie kaum erkannt, als er sie unvermittelt beim Stadtbummel traf. Sie sei so anders gewesen und er bekam den Eindruck, sie durch eine Nebelwand als eine Art Schattenwesen zu sehen. Er konnte nicht entscheiden, welches der Bilder ihr wahres Wesen spiegelte. Das in der Stunde oder das aus der Alltagssituation. Eine Äußerung, die bei ihr widersprüchliche Gefühle ausgelöst hatte. Fassungslosigkeit, weil der Therapeut sie so gar nicht zu kennen schien. Und Freude darüber, dass sie ihm noch Rätsel aufgeben konnte. So leicht war sie offensichtlich nicht zu ergründen. War kein offenes Buch, was sie auch niemals hatte sein wollen. Als er ihr dann noch eine gewisse geheimnisvolle Aura zusprach und sie mit Greta Garbo verglich, war sie ein wenig stolz auf sich gewesen und hatte begonnen, in den Stunden Rollen zu spielen, um den Therapeuten noch ein wenig mehr zu verwirren. In einer schwer zu fassenden Weise hatte sie das als Macht empfunden. Aber es war eine Macht, die sie nicht stärkte, sondern peu a peu zum totalen Zusammenbruch geführt hatte. Sie wollte jetzt nicht daran denken. Es bereitete ihr immer noch Seelenpein. Seelenpein, was für ein blumiges Wort. Manchmal wunderte sie sich über sich selbst. Albern. Sie hatte schon eine ziemliche Therapie-Odyssee hinter sich gebracht, war aber immer noch nicht angekommen. Im Gegensatz zu Odysseus wusste sie aber auch gar nicht, was ihr Ziel sein könnte. Sie war immer nur von den Gestaden einer Therapie zu denen einen anderen gesegelt. Hatte ihre Seele kreuz und quer durchfahren, erwandert, durchflogen und durchkrochen, ohne jemals eine Ahnung davon zu bekommen, wo das enden sollte. Immer kam dann irgendwann der totale Zusammenbruch.  Wenn sie dann am vermeintlich tiefsten Punkt angekommen war, waren größere Ziele ohnehin unwichtig. Es zählten nur noch kleine Etappenziele. Man musste die akute Krise überwinden, die Alltagstauglichkeit wiederherstellen, viele normale Dinge wieder neu lernen und demonstrieren, dass man sich ernsthaft bemühte aus dem jeweiligen Zustand wieder herauszukommen. Das war dann schon eine Leistung, und noch nicht mal eine geringe. Unter normalen Umständen hätte kein Mensch das als Leistung bezeichnet, aber wenn man den Kopf unter dem Arm trug, war jeder schon zufrieden, wenn man ihn wieder auf den Hals setzen konnte. Jedes Mal wurde der Riss in ihr größer. Die Wunde verheilte nie ganz. Und jetzt spürte sie nur noch diese Wunde, die sich entzündet hatte und ihr die klaren Gedanken raubte. Sie war eine klaffende Wunde, eine Wunde, die ein riesiges Maul hatte. Das Maul fraß alles in ihr und spukte es wieder in einer Welle aus Ekel und Hass aus. Sie war angefüllt mit dieser schleimigen Mischung aus Ekel, Hass, Wut, Trauer, Sehnsucht und Hunger. Hunger. Das Leitmotiv. Sehr vertraut und sehr verhasst. Sie musste jetzt etwas essen. Sie musste essen, essen, essen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie verwarf alle Gedanken, legte ihre Rüstung an und ging in den nächsten Supermarkt, um alles für ein Freßgelage einzukaufen und so wenigstens den körperlichen Hunger für einen Moment zum Schweigen zu bringen: Frikadellen, Eiskrem, Waffeln, Milch, Kakao, Schokolade, Remoulade, Brötchen. Sie zögerte, sollte sie auch die Mürbekekse kaufen? Die formten sich zu großen Klumpen, an denen sie beim Erbrechen zu ersticken drohte. Aber wenn sie die herausgewürgt hatte, war das eine Art Sieg. Mit eiligem Schritt schaffte sie ihre Beute nach Hause und noch im Mantel aß sie schon die ersten Waffeln aus der Packung. Während sie Mantel und Tasche ablegte, fing sie mit der Zubereitung der Hamburger an, sich dabei immer wieder neue Nahrungsmittel in den Mund stopfend. Schlang alles herunter, atmete das Essen, trank Milch und Kakao, fraß Kekse mit Eis zusammen und stopfte und würgte das Essen solange in sich hinein, bis der Hungerschmerz nachliess, das wütende Toben der darbenden Eingeweide sich beruhigte und für eine kurze Sekunde das Gefühl des Sattseins entstand. Ein gieriger, hastiger und unerhört ungehöriger Fressanfall, der nicht einmal 30 Minuten andauerte. Dann tat alles weh, der Magen schmerzte und sie meinte, sie müsse platzen. Sie wusste, dass nun schleunigst alles wieder heraus musste, denn sie wollte ja auf keinen Fall zunehmen. Sie stand vorm Spiegel und betrachtete voller Ekel ihr Gesicht. Nahm ein Messer und ritzte kleine vermeintliche Pickel auf. Sie merkte kaum, was sie tat. Wenige Minuten später sah sie aus, als habe sie Masern. Viele kleine rote Male verunzierten ihr Gesicht, blutend. Nun war es nicht mehr aufzuschieben. Es musste alles raus. Sie steckte sich den Finger in den Hals und hustend erbrach sie den ganzen Nahrungsbrei in einem Schwall nach dem anderen. Sie kotze sich wahrlich die Seele aus dem Leib. Nichts durfte drin bleiben. Etwas Blut war dabei. Zuletzt spie sie nur noch bittere grüngelbe Galle aus. Das war das Zeichen, dass sie aufhören durfte. Sie war völlig erschöpft. Aber nun mussten alle Spuren  gründlichst beseitigt werden. Sie putzte wie besessen und hoffte, so auch ihren Ekel vernichten zu können. Der aber klebte an und in ihr wie Melasse. Sie putzte sich gründlich die Zähne, wusch sich, aber noch immer klebte der Ekel wie ein Makel auf ihrer Haut. Sie hatte unendlichen Durst. Trank eine Flasche Wasser in einem Zug aus und hasste sich. Hasste sich so abgrundtief und hätte sich am liebsten selbst geschlagen. Sie räumte die leeren Verpackungen weg, warf die nicht gegessenen Reste weg. Beseitigte auch hier alle Spuren des unerhörten Zwischenfalles während Verzweiflung in ihr Gemüt einzog. Sie war unfassbar wütend. So hilflos. Sie schrie unter Tränen. Aber all das Weinen half nichts, die Tränen spendeten keine Erleichterung. Sie leerte  ein Glas Wein auf Ex und der Alkohol lullte sie schnell ein. Sie legte sich aufs Bett, machte den Fernseher an und weinte weiter. Weinte, weinte, weinte, bis sie vor Erschöpfung einschlief. Den Tag hatte sie hinter sich.&lt;br /&gt;
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    <dc:subject>LebensWut</dc:subject>
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  <item rdf:about="http://grenzgang.twoday.net/stories/3163851/">
    <title>LebensWut III</title>
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    <description>Sie war jetzt an der Reihe, die Spielregeln erforderten, dass sie nun einen  größeren Happen anbot, damit der Herr Therapeut etwas zu kauen hatte. Er musste auf der einen Seite den Eindruck gewinnen, dass die Arbeit mit ihr eine berufliche Herausforderung sei und gleichzeitig in der Zuversicht gewogen werden, dass er dieses Problem  erfolgreich behandeln könne. Bei der letzten Therapeutin hatte sie das nicht hinbekommen. Das Böse, das ihren Geist und ihr Hirn fleckweise befallen hatte, hatte sich einen Weg nach draußen gebahnt und hatte sie dazu gebracht, sich beinahe schon als besessen, zumindest aber hochgradig zerrissen und leicht schizoid darzustellen. Die Frau Therapeutin hatte sie bestürzt angesehen mit einer gewissen Fassungslosigkeit gesagt: Aber Frau Patientin, das klingt ja alles sehr erschreckend. Dabei hatte sie so ausgesehen, als sei hätte sie das Gehörte wirklich erschreckt. Sie hatte sich über die leichte Panik im Blick der Therapeuting gefreut, hatte das Gefühl genossen, endlich einmal das innere Monster außen gezeigt zu haben. Natürlich hatte man einen weiteren Termin vereinbart, aber da war sie noch ein wenig mehr aus sich herausgegangen und die lila Welt der Frau Therapeutin schien ernsthaft ins Wanken geraten zu sein. Aber wahrscheinlich war das wieder mal eine Art depressiver Selbstüberschätzung. Man hatte jedenfalls von weiteren Terminen Abstand genommen und das hatte ein unbestimmtes Gefühl der Befriedigung in ihr hervorgerufen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sich das Gespräch mit dem Therapeuten sich verselbstständigt hatte. Sie hatte mit diesen Erinnerungsfetzen im Hirn einen Teil von sich abgespalten, während der andere Teil von ihr unbemerkt mit dem Therapeuten gesprochen hatte. Was hatte sie bloß gesagt? Der Therapeut hub an zu sprechen, führte aus, dass man einzelne konkrete Situationen beleuchten solle, um die Angst, die sich ihrer bemächtigt hatte, besser zu verstehen. Ihr Stichwort.  Sie musste jetzt konstruktiv mitarbeiten. Ihre Rolle erfüllen. Sie kramte in ihrem Gedächtnis, welche Situation konnte sie schildern? Hektisches Suchen in der gefangenen Seele. Leichte Überforderung. Das war ja kein schlechtes Thema. Also schilderte sie, wie sie gewöhnliche Alltagstätigkeiten schon überforderten. Dass sie sich mitunter schon morgens beim Aufstehen nicht über die Reihenfolge der zu leistenden Alltagsrituale klar werden konnte. Sollte sie die Katze füttern, die Zeitung holen, Kaffee bereiten oder doch erst duschen. War nicht auch der Aufwasch wichtig und wann sollte sie die Wäsche aus der Maschine holen, um sie zum Trocknen aufzuhängen. Wann hatte sie eigentlich die Waschmaschine angestellt? Also hatte sie sich angewöhnt, eine Liste aller zu verrichtenden Tätigkeiten zusammenzustellen, hatte dazu geschrieben, wie viel Zeit sie für jede dieser Aktionen benötigen wurde und dann die Arbeiten nach irgendeinem Prinzip geordnet. Mal nach dem Alphabet, mal nach der Dauer. Meistens machte sie dann alles doch ganz anders und war schon schweißgebadet, bevor der Tag überhaupt richtig begonnen hatte. Der  Therapeut runzelte die Stirn. Hatte sie schon zuviel von ihrer Unfähigkeit preisgegeben? Nein, wohl nicht. Der Therapeut faselte von einem bekannten Muster der Desorientierung. Ihm schien das viel zu sagen. Er vergaß auch nicht, den positiven Aspekt hervorzuheben. Ja, Frau Patientin, da haben sie ja schon einen guten Versuch unternommen, der akuten Ratlosigkeit und ich möchte auch sagen der akuten Rastlosigkeit (erwartete er jetzt Beifall für das platte Wortspiel?)einen Gegenentwurf gegenüber zu stellen. Das ist schon eine Leistung, die zeigt, dass sie sich der Situation nicht ergeben. Danke, Herr Therapeut, das habe ich so gar nicht gesehen. Ich kam mir eigentlich immer hilfloser vor, da der Versuch der Ordnung meiner Gedanken am Ende ja meistens misslang, denn ich habe dann ja doch alles nach einem anderen Muster getan. Ja, aber sie haben die Blockade überwunden und etwas getan. So einfach sollte das sein? Das wollte ihr nicht einleuchten, denn schließlich hatte sie ja alles nur unter Einsatz all ihrer Energie erledigen können. Dinge, die normalerweise erledigt werden wie Atmen, ohne dass man ihnen mehr als einen Gedanken widmete. Sie dachte an all die Morgen, die sie auf diese Weise verschwendet hatte und die meistens nur der Auftakt für noch weitaus schlimmere Tage gewesen waren. Der Therapeut leitete das Ende der Sitzung ein. Wir sollten diese Situationen im Laufe der nächsten Stunden genauer analysieren und nach den Auslösern suchen. Frau Patientin, ich schlage vor, wir sehen uns in der nächsten Zeit wenigstens zweimal in der Woche. Wie wäre es mit übermorgen zur selben Zeit? Sie stimmte eilfertig zu. War froh, die erste Stunde überstanden zu haben. Hatte das Klassenziel erreicht. Der  Therapeut sah die gemeinsame Arbeit an ihren Problemen als sinnvoll an. Ein neuer Termin war vereinbart. Sie war entlassen.&lt;br /&gt;
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    <dc:subject>LebensWut</dc:subject>
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  <item rdf:about="http://grenzgang.twoday.net/stories/3163852/">
    <title>LebensWut II</title>
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    <description>Und tatsächlich, ganz verloren war der Köder wohl nicht, denn er hatte zumindest ein paar kryptische Zeichenfolgen auf sein Blatt geschrieben. Nun sah er vom Blatt auf, sah ihr offen ins Gesicht Empathie signalisieren, Offenheit demonstrieren und paraphrasierte: So, Frau Patientin, sie haben also schon Therapieerfahrung und haben schon verschiedene Probleme erfolgreich bearbeitet. Auch habe ich den Eindruck, dass Ihnen Angstattacken schon früher einmal zu schaffen gemacht haben. Seit wann hat sich die von Ihnen beschriebene Unruhe denn in dieser Episode zur Angst gesteigert. Guter Anfang, erst einmal dem Patienten signalisieren, dass man zugehört hat. Dann Problem zusammenfassen und konkrete Frage stellen, damit der Patient zu reden beginnt. Aber war die Verwendung des Terminus Episode nun ein sprachlicher Lapsus oder sollte er signalisieren, dass er ihre Therapieerfahrung anerkannte? Sie hatte überhaupt keine Lust auf dieses Spiel und war doch genau deswegen hierher gekommen: um die Situation durch vermeintlich kluge und analytische Gespräche in den Griff zu kriegen, damit ihr Kulturprogramm wieder reibungslos funktionierte. Wäre da nicht dieser kleine Dämon in ihr, der immer wieder Oberhand gewann und der sich keinen Deut um Kultur und Konventionen scherte, der wollte, dass sie wild und zügellos lebte, sich nicht um Anstand, Stellung und das Morgen scherte, sondern sich einfach in das pulsierende Leben warf, um darin zu verglühen. Der kleine Mistkerl spielte Disharmonien auf ihren Nerven wie auf einer schlecht gestimmten Harfe und brachte sie immer wieder aus der Fassung. Sie hätte gern über den Hunger gesprochen. Dieser Hunger, der sie auffraß, der ihre Innereien zersetzte und ihr das Gefühl gab, innerlich zu verbrennen. Ein unangenehmes Gefühl, das sie seiner Intensität wegen aber liebte. Starke Gefühle waren gut, denn sie konnten die Leere in ihrem Sein wenigstens etwas mildern. Aber einmal mehr gewann die kultivierte Seite und sie erklärte dem Herrn Therapeut, dass sie nun schon seit etwa sechs Monaten unter verstärkter Unruhe gelitten hatte. Dann hatten sich Schlaflosigkeit, Gewichtsabnahme, Zustände der Agitiertheit und zuletzt massive Angstattacken dazu gesellt. Da musste doch jedes Wort auf den fruchtbaren Boden des Therapie-Gartens fallen. Taten sie auch. Der Herr Therapeut gab zu verstehen, das jedes dieser Symptome alleine genommen, schon Anlass für eine Therapie wäre und wenn sie in dieser Geballtheit (konnte er denn dafür kein besseres Wort finden?) aufträten, wäre es absolut richtig und notwendig, sich professionelle Hilfe zu suchen. Er sei froh, dass sie diesen Weg eingeschlagen hätte und wolle als erstes mit ihr erarbeiten, ob sie diesen Weg denn gemeinsam gehen könnten oder ob vielleicht die Hilfe einer Kollegin oder eines Kollegen (wir wollen doch immer politisch korrekt bleiben) angebrachter wäre. Sie hätte am liebsten geschrieen, um diese ganze artig-konventionelle Kinderkacke zu übertönen. Kinderkacke, hatte sie eben Kinderkacke gesagt? So etwas kam ihr sonst nicht über die Lippen. Aber gesagt hatte sie es ja nicht. Sie hatte offensichtlich etwas ganz anderes gesagt, denn der Herr Therapeut nickte verständnisvoll, schenkte ihr die Andeutung eines Lächelns  oder hatte er nur etwas ins Auge bekommen?  und fuhr fort in seiner Salbaderei. Eigentlich müsste sie sofort aufstehen und gehen. Oder die Praxis verwüsten. Oder unflätige Dinge sagen. Aber die kultivierte Seite behielt den Hebel in der Hand und brachte sie dazu, wieder in das unerträgliche Spiel einzusteigen.&lt;br /&gt;
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    <dc:subject>LebensWut</dc:subject>
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  <item rdf:about="http://grenzgang.twoday.net/stories/3163853/">
    <title>LebensWut I</title>
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    <description>Freundliche Augen. Eine sanfte Geste, die andeutete, sie möge Platz nehmen. Alles strahlte Offenheit aus. Ich bin nicht bedrohlich, wolltel er ihr signalisieren. Sie zögerte, versuchte, den Raum mit einem Blick in sich aufzunehmen, aber aus den vielen Einzelheiten wurde ein kaleidoskopischer Eindruck, der über ihre Netzhaut nicht hinaus kam. Eine Stimme, aber die Worte waren unverständlich. Panik ließ ihr Herz rasen, das Rauschen des Blutes in den Ohren wurde zu einem mächtigen Strom, der alles davontrug. Hände zittern, schweißnass und kalt. Diese Panik war ihr wohl vertraut. Sie wusste, dass ihr Körper sich zum großen Lauf rüstet, bereit war, allem davon zu laufen, um durch Flucht den Geist zu retten. Aber ihr wohlerzogenes Gehirn ließ das nicht zu, es gebot ihr, den atavistischen Trieben nicht nach zu geben. Überbleibsel aus Urzeiten, Instinkte, die der kultivierte Mensch zu sublimieren wusste. Deshalb war sie hier. Das Urtier, das sich in ihr eingenistet hatte, den Lebensnerv annagte, sich durch Schmerzen und die unglaubliche Sucht nach Leben permanent bemerkbar machte. Alles war zu eng, alles schien immer kleiner zu werden. Alles brannte in ihr. Der große Wunsch, dass Leben zu spüren, es in einer Intensität zu spüren, die so heftig ist, dass sie daran zugrunde gehen würde, war der alles beherrschende Gedanke. Es pocht eine Sehnsucht an die Welt, an der wie sterben müssen. Dieser Satz war so gut, so richtig und so deprimierend wie Hoffnung gebend zugleich. Die einmalige Entgrenzung, die im Wahnsinn, im Tod oder im Nichts endete, war das wonach sie trachtete. Aber nichts konnte ihr das bringen. Vielleicht harte Drogen, das hatte sie noch nicht versucht. Langsam begriff sie, dass jemand auf sie wartete. Das Gegenüber sah sie auffordernd an, nickte ihr freundlich zu. Hatte offensichtlich etwas gesagt, das sie nicht wahrgenommen hatte. &lt;br /&gt;
Programm einlegen. Sie war schließlich wohlerzogen und kultiviert. Man höre seinem Gegenüber immer mit Interesse zu. Oder gab sich wenigstens den Anschein, man täte es. Langsames Hochfahren aller zivilisierten Programme und Abläufe. Wirbelnde Gedanken und die kleinen Dämonen, die sich in ihrem Hirn festgebissen hatten wurden hinter Vorhängen versteckt. Langsames Auftauen des in Stupor versunkenen Körpers. Mimik in den Griff kriegen. Die Verwandlung in die elegante Frau mit guten Manieren, die sie nach außen gab, gelang wieder einmal Stück für Stück und nun war sie bereit, das eigens vereinbarte Gespräch zu eröffnen. Herr Therapeut, ich bin heute zu Ihnen gekommen, weil ich professioneller Hilfe brauche. Ich finde mich in meinem eigenen Gefühlshaushalt nicht mehr zurecht. Klang doch gut. War solide, konstruktiv, nicht zu viel Information auf einmal, aber auch nicht zu beliebig. Ein guter Einstieg. Aber der Herr Therapeut antwortete nicht. Er sah sie weiterhin an und strich, ohne zu lächeln, das Blatt Papier auf seinem Schreibtablett glatt. Sie hatte offensichtlich noch nicht genug angeboten, sonst hätte er sich gleich ein paar Notizen gemacht. Gut, sie musste also doch etwas konkreter werden. Herr Therapeut, ich habe schon einige Therapien hinter mir und habe auch in jeder unterschiedliche Ziele erreicht. Habe viel an mir gearbeitet, viele Gräben zugeschüttet und Land erobert. Doch nun leide ich seit einiger Zeit wieder unter verstärkter Unruhe, die sich mittlerweile in Angstzustände gesteigert hat. Die Anzahl der Attacken nimmt zu und ich brauche Hilfe, um meine Alltagstauglichkeit wieder zu erlangen. Wegen der häufigen Angstattacken konnte ich an manchen Tagen nicht mehr aus dem Haus gehen und musste mich oft krank melden, was mittlerweile auch im Job zu massiven Problemen geführt hat. Na, wenn das keine Einladung für den Therapeuten war, mit einem gezielten Anamnese-Fragespiel anzufangen, dann wusste sie nicht, was ihn dann ködern könnte&lt;br /&gt;
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    <dc:subject>LebensWut</dc:subject>
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    <title>Auf der Straße</title>
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    <description>Auf der Straße traf sie der Lärm wie ein Hieb, sie prallte gegen eine Mauer aus tosendem Verkehrslärm, Sprache, Maschinenbrummen und allgemeinem Stadtgeräusch. Es schmerzte im Hirn und sie musste sich durch den akkustischen Smog wie durch Wackelpudding kämpfen. An der Straßenecke gebot eine Ampel Halt. Da war er, dieser seltene Moment, den sie so genoss. Die Stadt hielt für ein paar Sekunden den Atem an und alle Geräusche verebten plötzlich. Als hätte jemand die Mute-Taste gedrückt, das Bild lief weiter, aber man sah nur einige lautlose Gestalten die Straße entlanglaufen. Alles war ruhig. Sie sog diese Atmosphäre in sich auf. Sie wurde die Stadt, atemlos entspannt,  wusste nicht mehr, wo sie aufhörte und die Umwelt begann, sie verlor sich in dieser Stille und hoffte so sehr, sie möge noch eine Weile anhalten. Aber gleich würde ein Auto anfahren und den Zauber des Momentes zerstören. Es war die Straßenbahn, die mit ihrem Quietschen der Stadt den Befehl gab, das Atmen wieder zu beginnen und der übliche Geräuschpegel war schnell wieder erreicht. Sie sackte in sich zusammen.  Abrupt auf ihren Körper zurückgeworfen, spürte sie wieder den Schmerz, den ihr dieser Lärm und das  allgemeine Chaos bereiteten. Alles ging durch sie hindurch, sie konnte sich nicht schützen. Man hatte ihr die Rüstung gestohlen, die Haut abgezogen, sie war so empfindlich wie eine offene Wunde. Sie musste sich schnellstmöglich in einen geschützteren Raum flüchten. Der nächste Supermarkt kam gerade recht.&lt;br /&gt;
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    <dc:date>2006-12-24T08:35:00Z</dc:date>
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